„Mit allem kann man sich heute outen, als alkoholabhängig, schwul oder lesbisch, aber nicht als Analphabet, das ist ein Tabuthema“, sagt Margot Eisenmeier. Sie ist eine zertifizierte Dozentin für Lese- und Schreibkurse für funktionale Analphabeten. 8000 davon gibt es nach Schätzungen allein im Landkreis Waldshut. Funktionale Analphabeten haben zwar die Schule besucht, aber dennoch aus verschiedensten Gründen nicht richtig lesen und schreiben gelernt.

Große Bandbreite von Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben

„Manche von ihnen kennen die Buchstaben, können aber nicht lesen. Andere verstehen leichte Texte, haben jedoch massive Probleme beim Schreiben“, umreißt Ulla Hahn die Bandbreite. Sie ist Leiterin des Familienzentrums Hochrhein, das mit einem neuen Kursangebot funktionalen Analphabeten die Möglichkeit gibt, ihre Lese- und Schreibfähigkeiten zu verbessern. Kursleiterin ist Margot Eisenmeier. Sechs Personen werden bereits von ihr unterrichtet. Nicht zusammen, sondern – je nach Leistungsstand – in kleineren Gruppen. Neue können jederzeit hinzukommen.

Andere Angebote für Migranten

Das Angebot ist für Erwachsene mit Deutsch als Muttersprache. Es wendet sich nicht an Migranten, für die es andere Angebote im Familienzentrum gibt. Der neue Lese- und Schreibkurs im Faz ist unterschwellig, auch was die Höhe der Gebühren betrifft, er ist nahezu kostenlos. Dies deshalb, weil das Familienzentrum als Mehrgenerationenhaus zu den Empfängern zusätzlicher Fördergelder vom Bund gehört. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt gezielt Angebote von Mehrgenerationenhäusern, die die Lese- und Schreibfähigkeit von Erwachsenen fördern. Die Förderung gilt zunächst für ein Jahr.

Bundesverband Alphabetisierung informiert

Informationen über das neue Angebot im Faz und den funktionalen Analphabetismus im Allgemeinen waren kürzlich auf dem Unterlauchringer Marktplatz zu bekommen. Dort stand einen Nachmittag lang das sogenannte Alfa-Mobil des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung. Der Verein macht unter dem Motto „Nur Mut“ auf Hilfsfangebote aufmerksam und fördert mit verschiedenen Projekten das Lesen und Schreiben.

Ein Betroffener äußert sich

Neben dem Mobil hatten Mitarbeiter des Vereins Tische aufgestellt und Informationsmaterial ausgelegt. Einige Gespräche mit vorbeikommenden Interessierten wurden geführt. Lauchringen war die letzte Station des Alfa-Mobils, das auf seiner Tour durch Baden-Württemberg zuvor Freudenstadt und Ravensburg besucht hatte. Der Verein hatte mit Peter Schmitz einen ehemaligen Betroffenen dabei. Schmitz erzählte, wie viel Mut ein funktionaler Analphabet braucht, um einen Lese- und Schreibkurs zu besuchen und wie sehr sich für ihn dieser Schritt gelohnt hat: „Beruflich und privat ist meine Lebensqualität durch den Kurs um 100 Prozent gestiegen.“

Diskretion als Selbstverständlichkeit

Ulla Hahn ist überzeugt, dass Teilnehmer der Kurse im Familienzentrum ebenfalls profitieren: „Der Lese- und Schreibunterricht erfolgt in Kleingruppen, er ist passgenau, die Kursleiterin ist erfahren und Diskretion selbstverständlich.“ Am Herzen liegt das Projekt auch der Bundestagsabgeordneten (SPD) Rita Schwarzlühr-Sutter. Sie ist Patin des Familienzentrums Hochrhein und wird das Projekt – auch mit Blick auf die Bundesförderung – begleiten und unterstützen.