In Deutschland gelten etwa 7,5 Millionen Erwachsene als sogenannte funktionale Analphabeten. Das bedeutet, ihre Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben sind nur schwach ausgeprägt. Einige kennen zwar die Buchstaben, können aber nicht lesen. Andere verstehen leichte Texte, haben jedoch große Mühe beim Schreiben. Manche können zwar Texte lesen, verstehen aber deren Inhalt nicht – und das, obwohl vier von fünf funktionalen Analphabeten einen Schulabschluss haben und sogar 40 Prozent von ihnen erwerbstätig sind.

Für Analphabetismus gibt es viele Ursachen

Wie kann das sein? Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung beschreibt eine Vielzahl von Ursachen. So können negative Schulerfahrung, Probleme im Elternhaus, Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb sowie ein geringes Selbstbewusstsein dafür verantwortlich sein. Damit die anderen nicht merken, dass sie nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können, vermeiden sie jegliche Situationen, in denen sie mit Schriftsprache konfrontiert werden.

Betroffene versuchen, Schwäche zu vertuschen

In der Schule schummeln sie sich meistens durch. Später am Arbeitsplatz wird über die Schwäche geschwiegen und versucht, sie zu vertuschen. Entweder aus Scham oder aus Angst, sie könnten ihre Arbeitsstelle verlieren.

8000 Personen im Landkreis betroffen

Etwa 8000 Menschen sind im Kreis Waldshut davon betroffen, erklärt Margot Eisenmeier, zertifizierte Lehrerin in Alphabetisierung und Erwachsenenbildung. Für Ulla Hahn, Leiterin des Familienzentrums Hochrhein in Lauchringen, war diese Tatsache Grund genug, sich im Rahmen des Mehr-Generationen-Haus-Programms des Bundesministeriums, auch für die Bundesförderung zur Alphabetisierung und Grundbildung zu bewerben. Nun startet das Projekt im Familienzentrum mit Margot Eisenmeier als Lehrerin.

Den Betroffenen Mut machen

Den beiden Initiatorinnen ist es besonders wichtig, dass die Partner, Freunde, Kollegen und Angehörigen die Betroffenen sensibel ansprechen und ihnen Mut machen, ins Familienzentrum zu kommen. Ulla Hahn versichert: „Hier können wir die Anonymität wahren. Dies ist ein offenes Haus, wo jeden Tag viele Menschen mit verschiedenen Anliegen ein- und ausgehen.“

Lernen und Leistungsdruck

Lese- und Schreibkurse für Erwachsene sind nicht wie Schule, sondern der Teilnehmer steht im Mittelpunkt und es gibt auch keinen Leistungsdruck, erklärt Margot Eisenmeier. Durch Mundpropaganda haben inzwischen auch schon vier Menschen mit Lese- und Schreibproblemen in das Familienzentrum gefunden. Deren Beispiel werden hoffentlich noch viele folgen.

Information: Ein erster Schritt dazu ist vielleicht der Einführungsvortrag zum neuen Kursangebot am Donnerstag, 28. Juni, um 19 Uhr im Familienzentrum Hochrhein, Hauptstraße 47 in Lauchringen.