Küssaberg schafft Habitate, um das Wasser des Flusses zu verteilen. Auch Hohentengen investiert viel Geld in Hochwasserschutzmaßnahmen

Küssaberg/Hohentengen – Die Gemeinden Hohentengen und Küssaberg haben mit ihrer direkten Lage am Rhein ein sehr seltenes Kleinod als Naherholungsgebiet. Hier ist der im Schweizer Kanton Graubünden entspringende Fluss noch naturbelassen. Das soll auch so bleiben. Die Gründe dafür liegen weniger bei der bemerkenswerten Natur, vielmehr sind vor allem in der Gemeinde Küssaberg vom Land Baden-Württemberg sogenannte Überschwemmungsgebiete ausgewiesen worden. Im Bereich des Campingplatzes in Kadelburg und auch in Bereichen des Hinterbachs darf und soll sich der Rhein im Fall von einem hohen Pegelstand ausbreiten dürfen. Das Ziel ist, für eine entspanntere Lage Fluss abwärts in Höhe von Köln zu sorgen.

Küssaberg hat Zugriff auf die Daten des Kraftwerks Reckingen und ist so in der Lage, zeitnah und schnell zu reagieren, sollte der Rhein über die Ufer treten. Damit es aber gar nicht erst so weit kommt, wurden in den vergangenen Jahren von der Gemeinde Geld investiert und unter anderem Habitate geschaffen, die hier und da zusätzliche Möglichkeiten für den Rhein bieten, sich auszubreiten. Wege entlang des Rheins wurden entsprechend ausgebaut. In Küssaberg empfiehlt die Verwaltung bei Baugrundstücken in Ufernähe nur mit einer sogenannten weißen Wanne zu bauen, sollte ein Keller geplant sein. Auch Sickergruben sind per Bebauungsplan festgelegt und „haben sich bewährt“ merkt Manfred Weber, Bürgermeister von Küssaberg an. Auch die Renaturierungsmaßnahmen des Kraftwerks Reckingen versuchen, hier anzuknüpfen und sollen Areale mit Retensionsvolumen entstehen lassen.

Basis der Hochwasserproblematik ist hier nicht der Rhein, sondern die drei Gewässer Herzle-, Hau- und Gassegraben. Von dort flossen früher im Hochwasserfall zwölf bis 14 m³ Wasser pro Sekunde in den Ortskern von Hohentengen. Die Gemeinde Hohentengen investierte in den Jahren 2008 bis 2010 rund drei Millionen Euro in umfassende Hochwasserschutzmaßnahmen. Nach Umsetzung der Arbeiten werden die aus dem nördlichen Einzugsgebiet kommenden Zuflüsse aus dem Hau- und Herzlegraben über eine natürliche Retentionsfläche und eine neu angelegte Flutmulde mit Drosseldurchlass in Richtung Gewerbegebiet Ensfeld im Osten von Hohentengen abgeleitet und münden dort in den Rhein. Die Zuflüsse aus dem Gassergraben werden durch den Ort über den Mühlebach in den Rhein geleitet. Nach Abschluss der Maßnahmen weist die aktuelle Hochwassergefahrenkarte im innerörtlichen Bereich der Gesamtgemeine keine gefährdeten Bereiche mehr aus.

Eine neue Herausforderung aus einer anderen Richtung entstand für beide Gemeinden durch die Starkregenereignisse im Juni. Die enormen Wassermassen zerstörten innerhalb kurzer Zeit Wirtschafts- und Feldwege sowie Straßen. Geröll, Schlamm und Gehölz wurde in Teile mancher Ortschaften gespült, Keller standen unter Wasser. Die Schäden durch die Starkregenereignisse liegen deutlich höher als die des Hochwassers. „Wir können trotz aller Schäden froh sein, dass die Dauer des Starkregens auf zwei Stunden begrenzt war, weil die Intensität mit anderen noch viel schlimmeren Ereignissen vergleichbar war“, resümiert Martin Benz, Bürgermeister von Hohentengen.

Hohentengen prüft aktuell im Hinblick auf verstärkt auftretende Starkregenereignisse die hydraulische Belastung der Kanäle und Gräben und möchte gegebenenfalls entsprechende Auffang- und Rückhaltevorrichtungen erstellen. Ähnlich sieht es in Küssaberg aus. Eine Arbeitsgruppe befasst sich intensiv mit verschiedenen Verbesserungen und Optimierungen, die nach Aussage der Verwaltung auf jeden Fall die kommenden zwei Jahre andauern werden.

Versicherung bei Überschwemmungen

Katharina Dorfmeister ist Versicherungsspezialistin der Sparkasse Hochrhein. Sie ordnet den Versicherungsfall Überschwemmung ein. „Entsteht durch ein Hochwasser oder durch Starkregenereignisse eine unmittelbare Überflutung des Grund und Bodens des Versicherungsgrundstückes, spricht man von einer Überschwemmung – unabhängig davon, ob die Ursache ein Hochwasser oder Starkregen war. Für Menschen, die in einem Hochwassergebiet wohnen oder von einem Starkregenereignis betroffen waren, hat die Expertin folgenden Tipp: „Grundsätzlich sollten alle, nicht nur Betroffene, ihre Gebäudeversicherung von einem Spezialisten auf die versicherten Gefahren überprüfen lassen, denn solche Schadenereignisse können jeden treffen.“

„Wir können trotz aller Schäden froh sein, dass die Dauer des Starkregens auf zwei Stunden begrenzt war, weil die Intensität mit anderen noch viel schlimmeren Ereignissen vergleichbar war.“

Martin Benz, Bürgermeister Hohentengen

Starkregen setzt Keller unter Wasser

Der Keller ist noch abgehängt. Die Trocknungsgeräte laufen immer noch. Gertrud Küpfer ist dennoch dankbar, dass das Wasser nicht bis in ihre Wohnung gekommen ist. <em>Bild: Tina Prause</em>
Der Keller ist noch abgehängt. Die Trocknungsgeräte laufen immer noch. Gertrud Küpfer ist dennoch dankbar, dass das Wasser nicht bis in ihre Wohnung gekommen ist. Bild: Tina Prause
Gertrud Küpfer aus Kadelburg war vom Starkregenereignis am 8. Juni betroffen. Die Geräte zum Trocknen laufen immer noch

Küssaberg - Es war 1984, als Gertrud Küpfer das erste Mal ein Starkregenereignis in Kadelburg erlebt hat. Zu dem Zeitpunkt stand auf ihrem Grundstück in der Deckwiesenstraße nur ein Stall. „Das Wasser lief vorne rein und hinten raus. Die Tiere kamen nicht zu Schaden“ erinnert sie sich. Mittlerweile steht an diesem Ort ihr Wohnhaus. Das Starkregenereignis am 8. Juni 2021 hat sie wieder betroffen.

Innerhalb kürzester Zeit fand das Wasser den Weg in ihre Kellerräume, drückte dafür eine Außentür und die Lichtschächte ein. Das Wasser stieg bis zu der Treppe, die zu ihrer Wohnung führt und füllte die Kellerräume zudem mit Geröll, Schlamm und Dreck.

Die Nacht selbst und die folgenden Tage verbindet sie trotz der Schockmomente mit guten Erinnerungen. „Wir hatten ganz liebe Menschen, die uns unterstützt haben, das hat mich unglaublich gerührt“, erzählt sie die für sie wirklich prägenden Momente des Jahrhundertereignisses auf. Bereits in der Nacht unterstützen die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. Freunde und Bekannte seien am Morgen danach und an den folgenden Tagen gekommen und haben geholfen, den Keller leerzuräumen.

Nach dem ersten Schreck folgte die Kontaktaufnahme mit der Versicherung. Obwohl sie sich in diesem Zusammenhang als „gut aufgestellt“ empfand, fehlte der für solche Ereignisse wesentliche Teil „Elementarschäden“ in der Police, der beispielsweise das Inventar abgedeckt hätte. „Damit hat aber auch niemand rechnen können“, sagt sie sachlich und ist auch hier froh, keine massiven Wertgegenstände im Keller gelagert zu haben. Einige wichtige Ordner hätte sie gerne gerettet, resümiert sie.

Das Ziel vor Augen

Die Geräte zum Trocknen der Kellerräume laufen aktuell immer noch. „Es geht aber dem Ende zu“, sagt Gertrud Küpfer positiv. Bald wollen die Firmen mit der Sanierungsarbeiten beginnen und mit etwas Glück sind Ende des Jahres alle Arbeiten beendet. An den damaligen Wasserpegel rund um ihr Haus erinnern wird sie trotzdem wohl immer wieder ein schwacher grauer Streifen an der Hauswand. „Bis hier stand das Wasser“ erklärt sie. Für die Zeit nach der Sanierung des Kellers hat sie schon Pläne. Sie will sich detailliert erklären lassen, wie sie versichert ist und über ein paar Umstrukturierungen nachdenken. „Man muss aber trotz des Ereignisses abwägen, welche Werte man hat, welche Lage das Haus hat und was eine neue Versicherung kostet. Das muss im Verhältnis stehen“, regt sie an. Sie hofft, dass ihr und der Region ein weiteres Starkregenereignis erspart bleibt.

Elementargefahren: Die erweiterten Elementargefahren beinhalten laut Katharina Dorfmeister, Versicherungsspezialistin der Sparkasse Hochrhein, Gefahren, die auf unbeherrschten Naturgewalten beruhen. „In den erweiterten Elementargefahren ist die Gefahr Überschwemmung abgesichert, aber auch ein Erdrutsch, der oft mit Starkregenereignissen – gerade in Hanglange – einhergeht“, erläutert Dorfmeister.

Das sagt die Expertin der Sparkasse

Aktuell sind viele Regionen in Deutschland von Hochwasserereignissen betroffen. Wasser kann eine enorme Kraft entfalten und innerhalb kürzester Zeit enorme Schäden anrichten. Gerade die jüngsten Wasserschäden in unserer Region machen dies deutlich. Besonders gefährdete Gemeinden stellen sich deshalb durch die Errichtung von Dämmen, das Vorhalten von mobilen Dämmen oder Ähnlichem auf etwaige Unwetterereignisse ein.

Im Schadensfall zeigt sich dann, ob der Schaden und die entstandenen Kosten versichert sind. Um Überraschungen vorzubeugen, lohnt es sich, genau hinzusehen. Denn Versicherungen unterscheiden bei Wasser- und oder Elementarschäden. So fallen Wasserschäden, die Gebäude oder fest mit dem Gebäude verbundene Einbauten betreffen, in den Geltungsbereich der Wohngebäudeversicherung. Für nicht fest verbundene Einrichtungsgegenstände kommt die Hausratversicherung auf. Bedenken Sie dabei, dass meist eine Höchstgrenze für Wertgegenstände greift. Beachten Sie weiter, dass Rückstaus aus Wasserrohren und Naturereignisse wie zum Beispiel Starkregen einen Einschluss des Elementarschutzes erfordern. Für Wasserschäden zulasten Dritter haftet die Privathaftpflicht. Hier lohnt sich ein Versicherungscheck durch einen Versicherungsspezialisten. Diesen erhalten Sie auch bei uns vor Ort.

Mareike Roth, Baufinanzierungs-beraterin in Küssaberg
 

Serie „Wohnen und leben in“

Die Sparkassen der Region und das SÜDKURIER Medienhaus beleuchten in einer 13-teiligen Serie den Immobilienmarkt.
Teil 4, 14.¦Oktober: Küssaberg, Hohentengen
Teil 5, 19.¦Oktober: Ühlingen-Birkendorf, Eggingen, Stühlingen
Teil 6, 21.¦Oktober: Bonndorf, Grafenhausen, Wutach
Teil 7, 26.¦Oktober: Weilheim, Höchenschwand, Dachsberg
Teil 8, 28.¦Oktober: St. Blasien, Häusern, Ibach, Bernau
Teil 9, 02.¦November: Albbruck, Dogern
Teil 10, 04.¦November: Laufenburg, Murg
Teil 11, 09.¦November: Görwihl, Herrischried, Rickenbach
Teil 12, 11.¦November: Wehr, Bad Säckingen, Todtmoos
Teil 13, 16.¦November: Rheinfelden, Grenzach-Wyhlen, Schwörstadt