Frau Betz, Sie gehen noch zur Schule und arbeiten jeden Samstag auf dem Recyclinghof. Wie sind Sie zu dieser Stelle gekommen?

Alles hat damit angefangen, dass ich einen Ferienjob im Sommer 2019 gesucht habe. Mein Götti hat mir dann den Tipp gegeben, mich auf dem Recyclinghof zu bewerben, da dort wohl Leute gebraucht wurden. Der Ferienjob hat mir dann tatsächlich so sehr gefallen, dass ich mich dazu entschied, als Aushilfe zu bleiben. Jetzt arbeite ich jeden Samstag von 9 bis 14 Uhr. Je nach Bedarf kann ich auch in den Ferien zusätzlich aushelfen. Ein Mädchen in meinem Alter ist zudem ständig notorisch pleite und kann somit das Taschengeld sehr gut aufbessern.

Macht Ihnen die Arbeit dort Spaß und wenn ja, warum?

Ja, ich habe eine große Freude an meinem Job. Ich lerne nicht nur sehr viel im Umgang mit Menschen, sondern auch viel über das heutige Konsumverhalten. Des Weiteren gibt mir der Job eine gewisse Routine in meinem Schüler-Dasein, die ich gerade zur jetzigen Zeit (aufgrund der Pandemie) gut gebrauchen kann. Außerdem gleicht kein Arbeitstag dem anderen, ich weiß nie wer oder was auf mich zukommt. Mein persönliches Highlight ist jedoch das vertraute Verhältnis, welches man mit der Zeit zu einigen Stammkunden entwickelt und man sich mittlerweile sogar mit Namen begrüßt. Es ist meistens ein schönes Miteinander.

Susann Duygu-D‘Souza sprach bei einem Kaffee mit Lara-Sophie Betz.
Susann Duygu-D‘Souza sprach bei einem Kaffee mit Lara-Sophie Betz. | Bild: privat

Sind Sie die einzige Frau dort?

Ja, ich habe zwar mitbekommen, dass vor mir schon andere Mädchen hier gejobbt haben, jedoch bin ich seit 1,5 Jahren die einzige Frau im Team. Ich kann also mit Stolz sagen: ‚Ich stehe als Frau in einer Männerdomäne meinen Mann.‘

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Auf der Anlage geht es bestimmt auch mal etwas ruppig vor, wenn Kunden ihre Wertstoffe nicht fachgerecht entsorgen wollen. Können Sie damit umgehen?

Ja, auf einem Recyclinghof erlebt man schon einiges. Wenn man in so einem Job arbeitet, muss man damit umgehen können. Zu Konfrontationen kann es häufiger kommen, schließlich ist es unsere Aufgabe darauf zu achten, dass alles richtig entsorgt wird. Ich bin also schon des Öfteren in die Situation geraten, in der ein Kunde keinerlei Verständnis für die strikten Vorschriften gezeigt hat. Beschimpfungen wie: Trottel, Vollidioten und noch vieles mehr sind an der Tagesordnung. Da hilft nur eins, die Nerven behalten, professionell bleiben und die Ohren auf Durchzug stellen, was ich mittlerweile gut beherrsche.

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Behandeln Sie manche Kunden anders, weil Sie noch sehr jung sind und dazu eine Frau?

Anfangs hatte ich sehr oft das Gefühl, dass ich von manchen aufgrund Alter und Geschlecht nicht für voll genommen wurde. Rat suchte man eher bei meinen männlichen Kollegen. Doch über die Zeit habe ich viel gelernt und mir Respekt verschafft. Die 1,5 Jahre, die ich in diesem Job arbeite, haben mich selber als Mensch sehr positiv beeinflusst und verändert. Ich habe an Selbstbewusstsein und Erfahrung dazugewonnen. Mittlerweile werde ich auch als Frau vollwertig akzeptiert und geschätzt.

Was ist Ihr Berufswunsch?

Dieses Jahr werde ich mein Abitur absolvieren. Danach mache ich ein FSJ beim Deutschen Roten Kreuz. Dieses Jahr nutze ich, um mich auf meinen Traumberuf vorzubereiten. Ich strebe eine Ausbildung bei der Kriminalpolizei an.

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Was war das Kurioseste, das jemand bisher auf dem Recyclinghof entsorgen wollte?

Ich wurde einmal gebeten, bei der Sortierung von Kleinteilen mein Urteil abzugeben. Ich war dann etwas peinlich berührt und musste mir mehrfach ein lauthalses Lachen verkneifen, als ich erkannt habe, dass es sich mehrheitlich um Erwachsenenspielzeug handelt. Dem Entsorger ging es aber genauso, er wusste augenscheinlich nicht, was ihm da mitgegeben wurde.

Haben Sie auch schon mal den Kopf darüber geschüttelt, was Menschen so wegwerfen?

Es kommt nicht selten vor, dass nagelneue Sachen weggeworfen werden. Sehr oft sind wir auch mit der Frage konfrontiert, wo man funktionierende und fast neue Fernseher/ Keyboards/Kinderspielzeug auf dem Hof abstellen könne. Schließlich sei es schade drum und jemand anderes könnte es ja eventuell noch gebrauchen. Ich muss dann höflich darauf hinweisen, dass wir uns hier auf einem Recyclinghof befinden und nicht auf einem Basar; für so etwas gäbe es Ebay-Kleinanzeigen. Die Antwort: „Das ist mir zu viel Arbeit, in welchen Container kommt das doch gleich?“ Interaktionen wie diese haben mir mehr als einmal gezeigt, dass es uns viel zu gut geht und viele von uns die Wertschätzung der Gegenstände komplett verloren haben.

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Haben Sie einen besonders schönen Moment in den vergangenen eineinhalb Jahren dort erfahren?

Der kollegiale und freundschaftliche Umgang mit meinen Kollegen ist jedes Mal ein schönes Erlebnis. Besonders schöne Momente sind aber Kunden, die unserer Arbeit eine Wertschätzung entgegenbringen. Ein Lächeln und ein Dankeschön stimmen doch jeden Menschen fröhlich. Ein besonders schönes Erlebnis war beziehungsweise ist bis jetzt jedoch eine Bekanntschaft, die ich in der ersten Woche meines Ferienjobs gemacht habe. In dieser habe ich einer Frau und ihrem Sohn mehrmals die Woche geholfen, sich auf dem Hof zurechtzufinden. Dies schätzten sie sehr und haben mir wenig später eine Tafel Schokolade als Dankeschön vorbeigebracht. Noch heute werde ich von beiden ganz persönlich und vertraut begrüßt. Das ist einfach ein schönes Gefühl und für mich persönlich ein tolles Feedback.