Wolf Pabst lebt im Küssaberger Ortsteil Rheinheim, er wird im Dezember 77 Jahre alt. Nicht nur Fachleuten ist er in Erinnerung als Bereichsleiter der Gewässerdirektion Waldshut. Heute berät er noch gelegentlich in Sachen historischer Brunnenbau. Bei seinem Beruf als konstruktiver Ingenieur begegneten ihm der Brückenbau der Römer und die Techniken des Mittelalters. Das berufliche Zeichnen schuf die Grundlage für seine Bilder, in denen er die Vergangenheit in Erinnerung ruft.

Interesse an der Heimatgeschichte

Denn die Geschichte der Vergangenheit im eigenen Umfeld ist nicht so einfach vorstellbar, da uns dazu die Bilder fehlen. Film und Fernsehen scheint dies zwar im Allgemeinen zu gelingen, doch sie thematisieren „große Historie“ mit kostümierten Handlungsträgern; Landschaft und Bauten sind sorgfältig ausgewähltes Ambiente und die Dramatik wird von den zwischenmenschlichen Beziehungen – so wie die moderne Regie sich diese vorstellt – inszeniert. Auch gut erklärte Dokumentarfilme regen nur eine oberflächliche oder flüchtig vorgeprägte Vorstellungswelt an. Und selbst auf dem Berggipfel des Küssenberges sieht man nur die Ruine, die Bedeutung. Das Geschehen ihrer Zerstörung ist dort nicht wirklich nachvollziehbar.

Brand der Küssaburg

Die Zeichnung vom Brand der Küssaburg kann dies schlagartig ändern. Es ist hier egal, ob einige Soldaten der Besatzung selbst das Feuer legten oder nicht, auf einen Blick ist klar, dass es ein ungeheuerlicher Vorgang war, dass damit eine ganze Lebenswelt verschwand.

<strong>Vor dem Dreißigjährigen Krieg: </strong>Das Schloss Küssenberg (heute Ruine Küssaburg) um 1615, versorgt von Höfen auf der Hochfläche.
Vor dem Dreißigjährigen Krieg: Das Schloss Küssenberg (heute Ruine Küssaburg) um 1615, versorgt von Höfen auf der Hochfläche. | Bild: Wolf Pabst

Die alte Ordnung des Mittelalters zeigt das Bild „Die Burg um 1615“ – so war es jahrhundertelang, auch der Versuch der Bauern 100 Jahre zuvor, sie zu erstürmen, hatte nichts geändert. Knapp 20 Jahre nach dem friedlichen Bild, 1634, brennt die Burg. Der erste europäische Krieg, der 30 Jahre dauerte, verheerte den Kontinent – es war kein schwäbisches oder Schweizer Heer, das die Zerstörung verursachte, es waren Schweden. Eine lange Epoche überschaubarer Kräfteverhältnisse war zu Ende. Dafür steht das Bild, nicht für einen bloßen „Vorfall“.

Blick auf das Gesamtwerk

Man vergisst auch gerne, dass es vor dem Mittelalter bereits eine große Zivilisation gab – die römische – nach deren Auflösung das Leben jahrhundertelang immer primitiver wurde, sogar das Geld verschwand. Es dauerte lange, bis wieder in Stein gebaut wurde. Doch des Zeichners Absicht war es nicht, Kolossalgemälde zu schaffen. Wenn man das Gesamtwerk von Wolf Pabst betrachtet, so ist es gerade das alltägliche Geschehen, das ihn reizt.

<strong>Nach dem Neubau der Küssaburg</strong> durch den Bischof von Konstanz gliederte dieser „Dienstleute und Gesinde“ in die auch Vorburg genannte Siedlung aus.
Nach dem Neubau der Küssaburg durch den Bischof von Konstanz gliederte dieser „Dienstleute und Gesinde“ in die auch Vorburg genannte Siedlung aus. | Bild: Wolf Pabst

Hat man die Anhöhe zur Burg erklommen, geht man durch eine Wiese bis zur Zugbrücke. Auf diesem Vorfeld stand einst eine Siedlung, die sogar „Stadtrecht“ besaß. Wolf Pabst, der auch Historiker ist – er muss es sein, um so zu zeichnen –, ersetzt auf einen Blick eine längere Beschreibung. Diese Siedlung bestand 200 Jahre – die Bauern zerstörten sie 1524 zum Teil, danach wurde sie abgeräumt, um besseres Schussfeld zu schaffen. Die Burg wurde zur Festung, zu einem „Schloss“ Küssenberg umgebaut. Dorthin führt heute noch der Schlossbergweg.

<strong>Im späten Mittelalter: </strong>Graf Gozbert schenkt Ortschaften und Güter an das Kloster Rheinau und entzieht sie dem Zugriff mächtigerer Herrscher – allerdings ist er selbst Abt des Klosters.
Im späten Mittelalter: Graf Gozbert schenkt Ortschaften und Güter an das Kloster Rheinau und entzieht sie dem Zugriff mächtigerer Herrscher – allerdings ist er selbst Abt des Klosters. | Bild: Wolf Pabst

Das letzte Bild führt noch 600 Jahre weiter zurück – in einem Wäldchen wird eine Urkunde gefertigt, über 400 Jahre nach dem Ende Roms: Ein Schreiber aus dem Kloster Rheinau kam angereist, um für den Landgrafen des Klettgau Güter an das Kloster zu übertragen. Die Kirche hatte dieses ‚juristische Denken’ (und die Kunst des Schreibens) aus der Römerzeit wieder eingeführt. Der Graf – er zeichnet mit „Gozbert“ –, behauptet, er täte diese Schenkung für sein „Seelenheil“, doch der heute kritische Geist durchschaut dies: Im Jahre 892, der Fertigung der Urkunde, geriet das Karolingische Reich (der Nachfahren Karls des Großen) in Auflösung, die Mächtigen suchten ihr Eigentum zu retten – der ‚Trick’ bestand darin, sich selbst zum „Laienabt“ des beschenkten Klosters zu machen. So wie es von Gozbert überliefert ist.

So wie die Menschen hier gezeigt werden – die „Verkauften“ hinterm Hag und die edlen Zeugen: jetzt versteht man diese Welt. Die Urkunde gibt es heute noch (in Zürich), Wolf Pabst hat sie dokumentiert und uns auch die Übersetzung mitgeliefert.