Der Wunsch des Menschen nach dem eigenen Häuschen oder einer eigenen Wohnung ist groß. Immobilien galten bisher als eine sichere Geldanlage. Die weltweite Verbreitung des Coronavirus‘ hat aber einiges verändert, auch den Immobilienmarkt. Viele Investoren, Immobilieneigentümer, potenzielle Hauskäufer und Vermieter fragen sich: Wirkt sich die Corona-Krise auch auf den Immoblienmarkt aus? Steigen oder fallen die Immobilienpreise?

Optimisten und Pessimisten

Die Experten haben dazu verschiedene Meinungen. Die einen gehen von einer bleibenden Stabilität aus, andere sprechen von einer sanften Landung, Pessimisten sehen eine Rezession oder Depression. Was passieren wird, kann schlussendlich keiner voraussagen.

Wunsch nach Eigenheim besteht

„Es ist ziemlich tot im Augenblick, was Käufe, Verkäufe und Besichtigungen angeht“, schildert Rechtsanwalt Anton B. Hillbert, Vorsitzender von Haus und Grund Hochrhein mit Sitz in Waldshut. „Das Leben steht still, was das angeht.“ Der Wunsch nach etwas Eigenem bestehe weiterhin. Auch die Eigentümer, die verkaufen wollen, hielten an ihren Vorhaben fest. Aber es sei schwer, vor Ort Besichtigungen zu realisieren.

„Es ist ziemlich tot im Augenblick, was Käufe, Verkäufe und Besichtigungen angeht.“ Anton B. Hillbert, Vorsitzender von Haus und Grund Hochrhein
„Es ist ziemlich tot im Augenblick, was Käufe, Verkäufe und Besichtigungen angeht.“ Anton B. Hillbert, Vorsitzender von Haus und Grund Hochrhein | Bild: Privat

Haus und Grund vertritt die Interessen von privaten Immobilieneigentümern. Hillbert spricht von einer Stille unter den 2000 Mitgliedern, auch bei Vermietungen bewege sich im Moment nichts. Laut einer Information vom Zentralverband würden viele Mieter die Mieten nicht mehr bezahlen. Hillbert: „Bei uns ist das noch nicht der Fall.“

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Was die Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt betrifft, äußert sich Hillbert klar: „Ich bin pessimistisch.“ Seit 2009 hätten sich die Preise nahezu verdoppelt. „Es ist zu vermuten, dass es mit der Corona-Krise vorbei ist.“ Die Kaufkraft sei nicht mehr da, es gebe keinen Markt, keine Verkäufe, „noch nicht einmal eine Nachfrage“. Unterm Strich sei es jedoch schwer zu sagen, was genau passiere.

Nachfrage nach Kaufobjekten eingebrochen

„Grundsätzlich ist der Markt intakt, nur die Immobilienbörse ist eingebrochen“, erklärt Thomas Nägele vom Immoblienbüro Remax in Tiengen. Unter Börse verstehe man den Ort, an dem sich Nachfrager und Anbieter treffen. Nägele: „Diese Möglichkeit ist nun stark eingeschränkt, und wohl kaum ein Interessent kauft eine Immobilie, die er vorher nicht gesehen hat.“ Damit seien auch die Anfragen für Kaufimmobilien stark eingebrochen. Die Kaufangebote seien gleich. Bei Mietobjekten stellt er einen Rückgang um 50 Prozent fest.

Die Schritte auf dem Weg ins Eigenheim

Unter normalen Umständen hat Nägele laut seiner Information 50 Verkäuferkontakte pro Monat, seit das Coronavirus grassiert, sind es nur noch acht. „Wir haben 70 Prozent weniger, die verkaufen wollen, weil die Objekte nicht vernünftig besichtigt werden können“, sagt er. Auch die Verkäufer möchten keine persönlichen Kontakte. Daher würden sie ihre Angebote zurückziehen oder vorläufig noch nicht auf den Markt bringen.

„Wir haben 70 Prozent weniger, die verkaufen wollen, weil die Objekte nicht vernünftig besichtigt werden können.“ Thomas Nägele, Remax Tiengen.
„Wir haben 70 Prozent weniger, die verkaufen wollen, weil die Objekte nicht vernünftig besichtigt werden können.“ Thomas Nägele, Remax Tiengen. | Bild: Privat

Natürlich seien auch die vielen Schweizer stark eingeschränkt. Nägele hatte in den vergangenen vier Wochen zwar einige Notartermine mit Schweizer Kunden, aber er sagt: „Was jetzt beurkundet wird, ist seit sechs bis acht Wochen in Verhandlung.“

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Die Nachfrage nach virtuellen Besichtigungen sei dafür stark gestiegen. Sein Büro bietet diese Möglichkeit an. Interessenten begeben sich auf eine 3D-Tour. Bisher hätten eher Kunden aus der Ferne, diese Möglichkeit genutzt, jetzt greifen auch die Einheimischen darauf zurück. Nägele spricht von drei bis vier virtuellen Besichtigungen pro Tag.

Nägele sieht es nicht so düster

Was die Prognose zur Preisentwicklung betrifft, sieht Nägele die Lage nicht ganz so düster: „Wir gehen von einer sanften Landung aus.“ In den nächsten Wochen und Monaten rechne er mit einem Knick, einem kurzfristigen Einbruch von zehn bis 20 Prozent. „Aber die Lage sollte sich bis zum Jahresende erholt haben.“

Auch bei Engel & Völkers herrscht Optimismus

Ein großer in der Branche ist das Hamburger Unternehmen Engel&Völkers mit mehr als 800 Standorten und über 12.000 Immobilienexperten. Es ist in mehr als 30 Ländern auf vier Kontinenten vertreten. Kirstin und René Meyer leiten das Büro im Dreiländereck in Lörrach. „Wir sind dabei, unsere Büros wieder hochzufahren“, sagt Kirstin Meyer.

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Zur Frage nach der zu erwartenden Preisentwicklung verweist sie auf eine differenzierte Marktbewertung von Kai Enders, Vorstandsmitglied der Engel&Völkers AG. Enders schreibt: „Nach derzeitigen Erkenntnissen sind noch keine ungewöhnlichen Entwicklungen zu verzeichnen.“ Die Corona-Pandemie führe kurzfristig zwar zu Verlagerungen von Kaufabschlüssen, langfristig werde sie die Wohnraumnachfrage aber nicht mindern.

Bedarf an Wohnraum bleibt bestehen

Er stützt seine Aussage darauf, dass der Bedarf an Wohnraum das knappe Immobilienangebot seit vielen Jahren übersteigt. Dieser fundamentale Trend werde sich auch in der aktuellen Situation nicht maßgeblich ändern. „Der Bedarf an Wohnraum wird auch durch die Corona-Krise nicht abnehmen.“ In der Preisentwicklung sieht er für 2020 noch keine ungewöhnlichen Tendenzen. „Wie es sich aber konkret mit den Preisen und der Zahl an Verkaufsabschlüssen infolge von Covid-19 verhält, kann erst im zweiten oder dritten Quartal abgeschätzt werden.“

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Auch die Preise von Gewerbe-Immobilien seien aktuell noch stabil. der Bedarf an Lagerflächen könne wachsen. Dagegen sei das Segment der Büroimmobilien derzeit stark betroffen, weil viele im Homeoffice arbeiten.

Eigentümer und Interessenten verunsichert

Nichtsdestotrotz herrsche Verunsicherung unter den Eigentümern und Kaufinteressenten. Er sieht aber keinen Grund, der gegen einen Kauf oder Verkauf spricht. Dennoch gebe es weniger Transaktionen. Enders erklärt: „Die von der Bundesregierung verhängten Kontaktverbote und Ausgangssperren sowie behördlich angeordneten Geschäftsschließungen behindern den gewohnten Ablauf bei der Objektvermittlung.“

Das Unternehmen arbeitet mit modernen digitalen Tools, um den Verkauf auch ohne persönliche Begehung einer Immobilie abzuwickeln: mit der virtuellen Besichtigung mit einer 360-Grad-Kamera und Luftaufnahmen, die von einer Drohne kommen, für eine Lageübersicht. Kirstin Meyer freut sich: „Die Möglichkeit wird angenommen.“

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