Dass Restaurants geschlossen sind, hat ungeahnte Hürden zur Folge. Da ist zum Beispiel die Frage der Pause: Wo soll man sie verbringen, wenn es draußen kalt und der Weg nach Hause zu lang ist? Genau diese Frage stellte sich Katharina. Ihren Nachnamen will sie geheim halten. Denn die gebürtige Slowakin ist Angestellte eines Sicherheitsdienstes und möchte kein schlechtes Licht auf ihren Arbeitgeber werfen. Trotzdem hält sie es für wichtig, ihre Geschichte zu erzählen.

Die Entscheidung

Katarina arbeitet derzeit in Oberrohrdorf im Kanton Aargau als Schülerlotsin. Zwischen ihren Einsätzen hat sie meistens mehrere Stunden lang Pause. Trotzdem reicht die Zeit nicht, um zurück nach Hause zu fahren – sie wohnt zu weit weg. Die 37-Jährige entschied sich eines Morgens für die reformierte Kirche in Baden, um dort ihre Pause zu verbringen. Am Telefon begründet sie ihre Entscheidung wie folgt: „Die Restaurants hatten geschlossen und draußen war es nass und bitterkalt.“ Katarina spricht Hochdeutsch mit einem unüberhörbaren Akzent, jedoch fließend und grammatikalisch einwandfrei. Schweizerdeutsch versteht sie ohne Probleme.

Verhalten nicht selbst hinterfragt

Katarina geht also in die Kirche, setzt sich hin und genießt dort in Ruhe ihre Pause. Dazu gehörten auch ein Croissant und ein Kaffee – wofür sie ihre Maske kurzzeitig abnahm. „Außer mir war niemand in der Kirche“, sagt sie. „Ich habe mich diskret und respektvoll verhalten.“ Die Frage, ob Essen und Trinken in einer Kirche überhaupt erlaubt seien, habe sie sich zu der Zeit nicht gestellt, sagt sie.

Der Verweis

Doch anscheinend hat Katarina damit eine Grenze überschritten. Eine Angestellte der Reformierten Kirchgemeinde habe sie daraufhin angehalten, zu gehen. Für Katarina war dies eine unverständliche Aufforderung und in ihren Augen ein unbarmherziger Rausschmiss aus dem Haus Gottes. Außerdem habe die Mesnerin in einem „unanständigen Ton“ mit ihr gesprochen. „Dabei hätte sie mich doch einfach auf meinen Fehler hinweisen können“, sagt Katarina. Ihre Stimme ist aufgebracht. Die Situation eskalierte, die Polizei musste eingreifen.

Ein Fehler

Mittlerweile hat Katarina den Vorfall etwas verdaut und reflektiert ihr Verhalten: „Es war ein Fehler, in der Kirche meinen Kaffee zu trinken und dafür die Maske abzunehmen – auch wenn ich diskret war. Und als ich aufgefordert wurde, zu gehen, hätte ich mich entfernen sollen.“ Dann wäre die Situation vielleicht nicht eskaliert. Ob der Verweis etwas mit ihrer Herkunft zu tun hatte – ihr Akzent ist unüberhörbar – kann sie nicht beurteilen. „Auf jeden Fall hätte man respektvoller mit mir umgehen können“, sagt sie. Dann stellt sie die entscheidende Grundsatzfrage: „Und wo steht eigentlich, dass man in der Kirche Nichts essen darf?“

Verbot zuvor nicht kommuniziert

Die Antwort darauf ist einfach: Bis zu diesem Zeitpunkt nirgends. „Das war unser Fehler“, sagt Heidrun Studer, seit Mitte 2020 Gemeindeschreiberin der Reformierten Kirchgemeinde Baden. Nach dem Vorfall führte sie ein langes Gespräch mit Katarina, das sie schließlich dazu veranlasste, ein Schild am Eingang der Kirche anzubringen. Dieses weist nun explizit darauf hin, dass Essen und Trinken aufgrund der momentanen Situation in der Kirche verboten ist. „Eigentlich hätte es auch ohne Hinweis klar sein sollen“, sagt Studer. „Die Kirche ist eine öffentliche Einrichtung. Folglich muss man eine Maske tragen.“

Der Grundsatz

Ohnehin ist der Verzehr von Lebensmitteln in der Kirche nicht gerne gesehen. Ein effektives Verbot gibt es normalerweise aber nicht. Studer sagt: „Die Kirche ist ein Ort des Rückzugs und des Dialogs mit Gott. Entsprechend ist der Raum heilig und wird als solcher auch respektiert.“ Der Verzehr selbst mitgebrachter Speisen und Getränke würde dem zuwiderlaufen.

Angespannte Situation

Laut Studer hat die Kirchenangestellte Katarina also zurecht gebeten, zu gehen. Wie sich alles abgespielt hat, könne sie nicht abschließend beurteilen. „Ich war selbst nicht dabei und kann nicht nachvollziehen, welchen Ton unsere Mesnerin dabei angeschlagen hat“, sagt sie. „Aber gerade zu dieser Angestellten passt das beschriebene Verhalten überhaupt nicht.“ Sie versucht, den Vorfall zu erklären: „Im Moment sind wir doch alle ein wenig dünnhäutig. Wie es scheint, haben sich die beiden Frauen gegenseitig hochgeschaukelt und die Situation ist eskaliert.“

Hoffnung

Für Heidrun Studer ist die Angelegenheit damit erledigt. Für Katarina eigentlich auch. „Ich will niemandem etwas Böses“, sagt sie. „Es stimmt schon. In der aktuellen Lage ist es schwierig, seine Emotionen immer unter Kontrolle zu halten.“ Für die Zukunft hofft Katarina nun einfach darauf, dass die Restaurants bald wieder vollständig öffnen dürfen und sie ihre Pause dann wieder dort verbringen kann, wo sie ihren Kaffee und ihr Croissant in Ruhe, ohne jemanden zu stören und ohne Verbote einnehmen darf.