Die Chancen auf eine Reaktivierung der Wehratalbahn sind am Dienstag merklich gestiegen. In einer vergleichenden Studie mit 41 anderen stillgelegten Strecken hat die Bahnstrecke zwischen Bad Säckingen und Schopfheim sehr gut abgeschnitten. Das Ministerium rechnet demnach mit einem Potenzial zwischen 750 und 1500 Fahrgästen an einem Schultag, damit zählt die Strecke zur zweithöchsten von insgesamt vier Kategorien, in die die 42 untersuchten Bahnstrecken klassifiziert werden. Nur zwölf Strecken wird ein höheres Potenzial zugetraut – fast alle liegen im Ballungsraum um Stuttgart.

In einer Videoschalte mit kommunalen Vertretern kündigte Verkehrsminister Winfried Hermann am Dienstagnachmittag eine „Reaktivierungsoffensive“ mit entsprechender Finanzierung an: „Der Bund fördert die Baukosten für Reaktivierungsvorhaben neuerdings mit bis zu 90 Prozent. Das Land beteiligt sich zudem an den verbleibenden Kosten, so dass im Ergebnis Streckenreaktivierungen mit bis zu 96 Prozent der Baukosten gefördert werden können.“ Doch damit nicht genug: „Damit die Vorhaben möglichst schnell durch die kommunalen Akteure geplant werden, wird das Land noch von diesem Jahr an bis Ende 2023 Machbarkeitsstudien zu Reaktivierungsvorhaben mit 75 Prozent fördern. Wichtig ist, dass die Akteure vor Ort sich möglichst frühzeitig auf ein gemeinsames Vorgehen abstimmen und die Streckenreaktivierungen vorantreiben.“

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In den vergangenen Jahren war es vor allem die Stadt Wehr, die sich um einen Erhalt der alten Bahntrasse bemüht hat. Schon 2007 hatte der Tübinger „Nahverkehrspapst“ Ulrich Grosse im Auftrag der Stadt das Potenzial einer Wiederinbetriebnahme bestätigt. Allerdings sei vor allem der Abschnitt zwischen Wehr und Schopfheim mit hohen Kosten verbunden, so die Gutachten damals. Als Kostentreiber gilt der Fahrnauer Tunnel, einst einer der längsten Eisenbahntunnel Deutschlands, der modernisiert werden müsste. Als Alternative war deshalb eine zunächst nur Teilreaktivierung der Strecke zwischen Bad Säckingen und Wehr beziehungsweise Hasel.

Besonderen Charme entwickeln die Reaktivierungspläne, wenn die Wehratalbahn nicht nur als Nahverkehrsprojekt für Schopfheim, Hasel, Wehr und Bad Säckingen, sondern auch als Teil einer Ringbahn für den Großraum Basel gesehen wird. Damit könnten die Fahrgäste mit einer S-Bahn ohne umsteigen direkt in die Innenstadt von Basel fahren. Deshalb rechnet Wehrs Bürgermeister Michael Thater auch mit dem Interesse und der Unterstützung der Schweizer Nachbarn – ähnlich wie bei der Wiesentalbahn oder der Elektrifizierung der Hochrheinstrecke. Unterstützung bekam das Projekt in den vergangenen Monaten aus der gesamten Region: Neben den Anliegergemeinden Bad Säckingen, Wehr, Hasel, und Schopfheim befürworteten auch die Landkreise Lörrach und Waldshut die Pläne. Aus den Reihen der Eisenbahnfreunde Wehratal wurde die Interessensgemeinschaft IG Wehratalbahn gegründet, die auch vom Fahrgastverband IG Pro Schiene unterstützt wurde. Auch sämtliche Landtags und Bundestagsabgeordneten aus der Region befürworten das Projekt.

Die Reaktionen

Die Reaktionen vor Ort fallen positiv aus: „Das ist eine gute Nachrichte für uns,“ freut sich Bürgermeister Alexander Guhl über die Nachricht aus Stuttgart. Dass die ehemalige Bahnlinie Bad Säckingen-Wehr-Schopfheim eine der wenigen in ganz Baden mit hohem Potenzial ist, begeistert den Bürgermeister. Damit bestünden gute Chancen für weitere erfolgreiche Schritte auf dem Weg zur Reaktivierung. Die Stadt Bad Säckingen habe ein „Riesen-Interesse“ an der Bahnverbindung nach Schopfheim, so Guhl. Denn der Bürgermeister denkt in diesem Punkt regional, das heißt: an die Vorteile einer Ringbahn über Lörrach und Basel sowie die Verbindung an die Agglomeration im Dreiländereck. „Man muss das ganz klar in Verbindung mit dem Herzstück Basel sehen“, sagt Guhl – jenem gigantischen Nahverkehrsprojekt, das die Kantonsstadt bis 2034 plant.

Alexander Guhl.
Alexander Guhl. | Bild: Uwe Planko

Guhl geht davon aus, dass sich der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in den kommenden Jahren beschleunigen werde. „Sonst droht uns ein Verkehrsinfarkt“, so der Bürgermeister. Hinzu kommt: Die Akzeptanz der Eisenbahn sei heute gesellschaftlich wesentlich höher als vor 20 oder 30 Jahren.

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Was die Reaktivierung einer Bahnstrecke bedeuten kann, weiß Guhl aus eigener Erfahrung. Als Beispiel nennt er die Wiederinbetriebnahme der Ammertalbahn im Landkreis Tübingen. „Das war eine Erfolgsgeschichte“, sagt Guhl. Dabei habe es viele Widerstände gegeben. Nach Berichten des Schwäbischen Tagblattes startete die Bahn 1999 mit prognostizierten 700 Fahrgästen täglich, heute seien es 9000.

Heutige Verkehrsprobleme seien nur mit dem weiteren Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs zu lösen, so Guhl. In diesem Zusammenhang lobt er den baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Herrmann, der die Reaktivierung alter Schienenstrecken vorantreibe. Der nächste Schritt sei die Machbarkeitsstudie bis 2023. Auch hier will er gemeinsam mit Michael Thater, dem Bürgermeister von Wehr, sowie den Amtskollegen aus Hasel und Schopfheim versuchen, im Rennen weit vorne zu bleiben. „Dazu, dass wir heute soweit sind“, so Guhl, habe wesentlich die von Wehr in Auftrag gegebene Grosse-Studie beigetragen. Zudem würdigt er die Unterstützung des Landkreises Waldshut, namentlich Verkehrsexperte Lothar Probst vom Landratsamt habe einen großen Anteil.

„Ein guter Tag für die Stadt Wehr, aber auch für das gesamte Wehratal, Wiesental und den Hochrhein„, freut sich der Wehrer Bürgermeister Michael Thater über das Ergebnis der Studie. „Eine wichtige Etappe ist geschafft, aber es ist ein Marathon in vielen Etappen.“ Zügig wolle die Stadt nun die nächsten Schritte angehen – eine Aktualisierung der technischen Machbarkeitsstudie, die im kommenden Jahr vorliegen soll.

Michael Thater.
Michael Thater. | Bild: honorarfrei

Dass die Trasse der Wehratalbahn noch vollständig erhalten und im Besitz der Deutschen Bahn ist, sei ein großer Vorteil. „Wir haben gute Voraussetzungen, aber wir mussten darum kämpfen“, erinnert Thater an Bestrebungen, die Trasse stellenweise zu überplanen. Nun gelte es, alle Partner an Bord zu halten, um am Ende das große Ziel zu erreichen. „Ich bin nicht nur optimistisch, sondern sehe es für Wehr perspektivisch auch als städtebauliche Existenzfrage. Ohne die Wehratalbahn wird es schwer für uns, als Seitental des Hochrheins mit anderen Städten Schritt zu halten.“

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Unterstützung durch Land und Bund

Um in den Genuss der von Verkehrsminister Winfried Hermann angekündigten Fördermittel zu kommen, muss sich die Region sputen: Die Vergabe der Mittel erfolgt in zeitlicher Reihenfolge der Inbetriebnahmen, sofern ausreichend Mittel vorhanden sind, heißt es aus dem Ministerium. „Durch diese Regelung besteht ein hoher Anreiz, zügig die notwendigen Planungen schnell in Angriff zu nehmen.“ Minister Hermann motivierte daher die lokalen und regionalen Akteure, jetzt aktiv zu werden: „Die Reaktivierung von Schienenstrecken kann nur gemeinsam gelingen. Die Initiative muss von der kommunalen Ebene kommen. Als Land unterstützen wir die Projekte mit Rat und Tat und auch finanziell.“

Auch beim Betrieb der Bahnen werde sich das Land finanziell beteiligen, so der Verkehrsminister. Bei nachfragestarken Strecken werde grundsätzlich die Bestellung und die Kosten für den Betrieb gemäß dem Landesstandard (mindestens Stundentakt, bei hoher Nachfrage mehr) übernommen. „Gerade auch um den ländlichen Raum zu stärken, übernimmt das Land bei Strecken mit einem Fahrgastpotenzial von mindestens 750 Fahrgästen je Schultag die Betriebskosten“, so Hermann.

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Die Geschichte der Wehratalbahn

  • Der Bau: Innerhalb von nur drei Jahren wurde die 19,7 Kilometer lange Wehratalbahn zwischen Schopfheim und Säckingen zwischen 1887 und 1890 errichtet. Es war eine strategische Bahnline, mit ihr sollte für den Kriegsfall eine Ost-West-Verbindung am Hochrhein gewährleistet werden. Mit der Wehratalbahn konnte das Schweizer Hoheitsgebiet umfahren werden. Eine Pionierleistung war damals der Hasler-Fahrnauer Tunnel, der mit 3,2 Kilometern zu den längsten Eisenbahntunnels Deutschlands gehörte.
  • Die Elektrifizierung: Ebenfalls innerhalb weniger Jahre wurde die Strecke bis 1913 elektrifiziert. Den Strom lieferte das Wasserkraftwerk Augst-Wyhlen. Erst einige Jahre nach der Stilllegung der Strecke wurden die Stromleitungen abgestellt und schließlich Ende der 70er Jahre abgebaut. Davor war es zu einigen tragischen Unfällen gekommen, als Jugendliche beim Spielen an den stillgelegten Gleisen von Stromschlägen getroffen wurden.
  • Die Stilllegung: Bis zu elf Zugpaare verkehrten Mitte der 60er Jahre täglich zwischen Säckingen und Schopfheim. Bei einer Fahrgastzählung wurden 1967 zwischen Säckingen und Wehr täglich 1100 Fahrgäste ermittelt. Auf der Strecke Wehr-Schopfheim waren es 800. Die Auslastung der Waggons lag zwischen 21 und 30 Prozent. Parallel zum Zugbetrieb wurde die Bahnbuslinie in Betrieb genommen, die vielen Wehrern mit mehr Haltestellen attraktiver erschien. Am 3. Mai 1971 erließ die Bundesbahndirektion die Stilllegung, am 22. Mai fuhr der letzte Personenzug im Bahnhof Wehr ein. Alle Proteste aus der Region blieben wirkungslos.
  • Reaktivierungsprogramm: Als vor einigen Jahren die Landesregierung ankündigte, die Reaktivierung von stillgelegten Bahnstrecken zu prüfen, brachte die Region auch die Wehratalbahn in diese Auswahl. Aus den zunächst 60 Strecken wurden vor knapp zwei Jahren 42 ausgewählt, die nun genauer untersucht wurden. Zwölf Strecken wurde nun ein „sehr hohes Nachfragepotenzial“ bescheinigt, zehn (darunter die Wehratalbahn) ein „hohes Nachfragepotenzial“. Ebenfalls zehn Strecken wird ein mittleres Fahrgastaufkommen attestiert. Bei zehn Strecken rechnet das Verkehrsministerium nicht mit genügend Fahrgästen.
Justus Obermeyer