Die zweite Covid-19-Infektionswelle hat den Landkreis Waldshut erreicht. Nachdem hier im Sommer über Wochen keine einzige Neuinfektion bekannt wurde, und noch Mitte Oktober der Kreis zu jenen mit den wenigsten Corona-Fällen in Baden-Württemberg gehörte, ging plötzlich alles ganz schnell. Seit Sonntag sind die sieben Städte und 25 Gemeinden am Hochrhein und im Südschwarzwald als Corona-Risikogebiet eingestuft. Aktuell liegt bei 136 der rund 170.000 Einwohner eine aktive Infektion vor, erstmals wurden wieder Patienten mit gefährlichen Krankheitsverläufen in die Spitäler eingeliefert, und die Zahlen gehen weiter nach oben.

Einigen ist all das alles noch lange nicht genug. In Flugblättern, die in den vergangenen Wochen und Tagen in Laufenburg, Murg, Todtmoos und möglicherweise noch weiteren Gemeinden verteilt wurden, legt die Initiative Querdenken 775 nahe, dass es sich bei der Pandemie um „Fake“ handelt. Denn von einer echten Pandemie, so die Corona-Skeptiker auf einem ihrer Flugblätter, könne erst gesprochen werden, wenn jeder schwer Erkrankte aus seiner direkten Umgebung kenne, die Krankenhäuser im ganzen Land überfüllt seien, und eine humanitäre Katastrophe eingetreten sei.

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Dass ein funktionierendes Gemeinwesen solche Zustände erst gar nicht zulassen, sondern sie abzuwenden sollte, darüber sagen die selbsternannten „Querdenker“ in ihren Publikationen nichts. Sie fordern im Gegenteil „die sofortige Beendigung aller Corona-Maßnahmen“. Schon lange bevor ein geeigneter Impfstoff gegen die Virusinfektion zur Verfügung stünde, geschweige denn in der erforderlichen Menge verfügbar wäre, und ungeachtet der Tatsache, dass Gesundheitsminister Jens Spahn stets die Freiwilligkeit einer Impfung betonte, gilt eine ihrer größten Sorgen der Verordnung einer „Corona-Zwangsimpfung“. Sie halten die Pandemie für weitaus weniger gefährlich, als sie weltweit so gut wie übereinstimmend von Wissenschaft, Behörden und Politik eingeschätzt wird, und berufen sich dabei auf einzelne wissenschaftliche Außenseiter oder fachfremde Personen.

Die Initiative Querdenken 775 ist eine von bundesweit 55 weiteren Querdenken-Gruppen, die sich an der von dem Stuttgarter IT-Unternehmer Michael Ballweg gegründeten Initiative Querdenken 711 orientiert. Sie organisert bereits seit April Demonstrationen gegen die Corona-Politik der Bundes- und der Landesregierung, weil sie in den Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen und im Maskenzwang einen Eingriff in persönlichen Freiheiten und einen Angriff auf das Grundgesetz sieht. Der Zusatz „711“ bezieht sich auf die Telefon-Vorwahl Stuttgarts, ebenso die 775 auf die Waldshuter Vorwahl. Weitere Querdenken-Initiativen gibt es in Lörrach und Singen. Dort im Hegau wurden vor wenigen Tagen zum Teil die gleichen Flugblätter verteilt, wie im Landkreis Waldshut.

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Schon seit Sommer kommen die „Querdenker“ des Landkreises Waldshut auf dem Viehmarktplatz in Waldshut zusammen, um dort gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren – zuletzt vergangenen Samstag bei einer „Mahnwache für das Grundgesetz“. Der Zuspruch ist meist überschaubar, wie die von der Initiative auf Youtube und anderen Plattformen eingestellten Videos zeigen. Auch deren Zugriffszahlen bei Youtube bewegen sich nur im mittleren dreistelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich. Die Initiative unterstützte schon mehrfach andere Querdenken-Versammlungen in Lörrach, Schopfheim und Singen. Sie organisierte mindestens einen Bus zur bundesweiten Demonstration am 1. August, den von den „Querdenkern“ so genannten „Tag der Freiheit“ in Berlin. Auch am 4. Oktober in Konstanz nahmen Mitglieder der Initiative teil. Augenblicklich mobilisiert sie für eine „Versammlung für die Freiheit“ am 7. November in Leipzig.

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An der Initiative Querdenken 775 wird die Widersprüchlichkeit der gesamten Querdenker-Bewegung im Kleinen sichtbar. So taucht auf der Homepage der Waldshuter Initiative, die übrigens identisch gestaltet ist wie die anderen Querdenken-Seiten im Internet, unter dem Bundesadler und den Bundesfarben zuallererst das der Slogan „Wir für das Grundgesetz auf“. Nur wenige Klicks weiter ist in der Fotogalerie der Waldshuter „Querdenker“ eine Gruppe von Demonstrationsteilnehmern zu sehen, von denen einer ein T-Shirt trägt auf dem groß die von Antidemokraten und Nationalsozialisten verwendete schwarz-weiß-rote Flagge abgedruckt ist, daneben steht eine Frau mit dem Signet des Verschwörungsideologen Heiko Schrang auf ihrem T-Shirt.

Neben Waldshut hat Querdenken 775 vor allem in Laufenburg gewisse Aktivitäten entwickelt. Dies mag daran liegen, dass einer der Organisatoren in Laufenburg lebt. Hier gab es im Oktober auch eine unangemeldete Kundgebung am Rande des Wochenmarkts vor dem Rathaus, an der nach Augenzeugenberichten etwa 15 Personen teilnahmen. „Querdenker“ sollen Standbetreiber und Besucher des Markts aufgefordert haben, auf das Tragen von Mund-Nase-Schutzmasken zu verzichten. Auch Flugblätter und die einschlägige Zeitung „Demokratischer Widerstand“ wurden in Laufenburg bereits mehrfach verteilt. Eine Anfrage unserer Zeitung vom Montag beantwortete Querdenken 775 bis Redaktionsschluss nicht.

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