Die baden-württembergischen Grünen, die bislang vor allem in größeren Städten und Ballungsräumen ihre Wähler fanden, nehmen nun verstärkt den ländlichen Raum in den Fokus. Beim jüngsten Landesparteitag in Donaueschingen verabschiedeten die Delegierten einen Leitantrag „Für starke ländliche Räume“, denen die Partei eine „herausgehobene Rolle bei der gesamtgesellschaftlichen Bewältigung der Klimakrise“ zuschreibt.

Demographischer Wandel macht sich auf dem Land stärker bemerkbar

Doch was bedeutet dies konkret – speziell für den Landkreis Waldshut, der nach den Raumkategorien des statistischen Landesamts zu den ländlichsten Regionen Baden-Württembergs zählt? „Es sind einige Stellschrauben, an den wir drehen müssen, um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu gewährleisten: Beispielsweise bei der Digitalisierung, der Mobilität der Gesundheits- und Nahversorgung“, erklärt Jan Lukas Schmitt, einer der drei Kreisvorsitzenden der Partei, im Pressegespräch.

Jan-Lukas Schmitt.
Jan-Lukas Schmitt. | Bild: Bündnis 90 / Die Grünen

In den ländlichen Räumen mache sich der demographische Wandel und der Fachkräftemangel stärker bemerkbar als in den urbanen Gebieten, weil viele junge Menschen zur Ausbildung in die Städte ziehen und anschließend nicht mehr zurückkehrten. Folgen sind dann Fachkräftemangel in allen Bereichen. „Da müssen wir dagegen wirken“, so Schmitt.

Mit der Digitalisierung Nachteile ausgleichen

Vor allem der Digitalisierung kommt nach Ansicht von Schmitt eine besondere Bedeutung zu. „Dabei geht es aber nicht allein um den flächendeckenden Ausbau des Breitbandnetzes“, so der 27-jährige Wirtschaftsjournalist, der vor einem Jahr Direktkandidat der Grünen für den Bundestag war. Mit Förderprogrammen solle Einzelhändlern und kleineren Unternehmen der Weg zur Digitalisierung erleichtert werden, die damit strukturelle Nachteile der Region ausgleichen könnten.

Der Breitbandausbau (im Bild die Baustelle in Schwörstadt) ist für Jan-Lukas Schmitt die Voraussetzung für eine Digitalisierung des ...
Der Breitbandausbau (im Bild die Baustelle in Schwörstadt) ist für Jan-Lukas Schmitt die Voraussetzung für eine Digitalisierung des ländlichen Raums. | Bild: Obermeyer, Justus

Durch digitale Angebote kleiner Händler könnte auch die Nahversorgung auf den Dörfern verbessert werden und damit letztlich die Struktur der Ortskerne in den ländlichen Räumen erhalten blieben. „Mit entsprechenden Programmen kann gerade kleineren Unternehmen auf die Sprünge geholfen werden, was sie alleine vielleicht nicht schaffen“, so Schmitt. Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung sieht Schmitt außerdem bei Behörden und Kommunen, aber auch in der Gesundheitsversorgung könne durch Telemedizin der Ärztemangel im ländlichen Raum abgemildert werden.

Mobilitätsangebote auf dem Land stärken

Große Hoffnung verbindet Schmitt mit der möglichen Reaktivierung der Bahnstecken der Wehratal- und Wutachtalbahn. „Beide Strecken haben großes Potenzial“, meint Schmitt mit Blick auf die Machbarkeitsstudien, die bald veröffentlicht werden sollen.

Historisches Bauwerk der Wehratalbahn: Die denkmalgeschütze Eisenbahnbrücke über die Wehra.
Historisches Bauwerk der Wehratalbahn: Die denkmalgeschütze Eisenbahnbrücke über die Wehra. | Bild: Obermeyer, Justus

Daneben gelte es, den Busverkehr zu stärken und das Radwegenetz auszubauen, wobei Schmitt durchaus einräumt, dass in der Topographie des Hotzen- und Schwarzwaldes das Fahrrad nicht das ideale Verkehrsmittel ist. Hier wollen sich die Grünen für den bedarfsgerechten Aufbau von Bürger- und Rufbussen einsetzen, die idealerweise von Ehrenamtlichen betrieben werden. Die Hoffnung auf perfekte Busverbindungen im Hotzenwald will Schmitt allerdings nicht wecken. „Wir haben einen realistischen Blick und wollen keine leeren Versprechen machen.“

Mehr Aufmerksamkeit von Spitzenpolitikern

Dass die Grünen nun eine eigenes Strategiepapier für den ländlichen Raum entworfen haben, begrüßt Jan-Lukas Schmitt ausdrücklich. Er verspricht sich davon auch mehr Aufmerksamkeit aus der Landespolitik, „Wir werden sicher mehr Politiker an den Hochrhein holen, um ihr Augenmerk auf unsere Probleme zu lenken.“ Dafür sorge nicht nur der Landtagsabgeordnete Niklas Nüssle, dafür wolle Schmitt sich auch im Landesvorstand der Grünen einsetzen, dem er seit Dezember 2021 angehört.

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