Den Klappstuhl unterm Arm, wandern die Theaterfreunde auf den Höhen des Kleinen Wiesentals über Felder und Wiesen in 850 Metern Höhe: Beim „Theater in den Bergen“ in Häg-Ehrsberg zieht das Publikum im neuen Openair-Theaterkrimi „Der Herr der Augenringe und die Brille der Macht“ im und ums Dorf von Spielort zu Spielort. „Traut niemandem!“, waren die letzten Worte des Firmenpatriarchen Billy Bob König, einem Brillenmagnaten. Warum musste der geniale Optiker sterben? Und was hat es mit der Brille auf sich, die im Tresor gefunden wird? Die Welt steht vor einem Rätsel...

Mit der spannenden Geschichte um eine Familie und ein Unternehmen feiert die Theatergruppe ihr zehnjähriges Bestehen. Seit der ersten Produktion, dem Dorfkrimi „Ehrsberg 21“ im Jahr 2011, haben sich die Theaterleute aus dem Hinterhag, wie diese landschaftliche Region genannt wird, eine große Fangemeinde erobert. 15.000 Besucher sind bisher zu den zehn Produktionen nach Ehrsberg gepilgert, um dort stundenlang durch die Natur zu ziehen, über Stock und Stein, durch Wald und Flur, bergauf und bergab, immer den Darstellern folgend zu verschiedenen Schauplätzen. Der Ruf dieser Landschaftstheater-Projekte geht weit über die Region hinaus, es kommen Zuschauer von überall her. Nach dem Corona-Jahr 2020, das die geplante Winterproduktion im Freien nach Charles Dickens ausbremste, startet die Theatergemeinschaft wieder durch.

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Mittlerweile ist das Theater in den Bergen ein Musterbeispiel für Theater im öffentlichen Raum, wie es weit und breit kein vergleichbares gibt. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. So wurden sie 2019 mit dem Staatspreis des Landes in der Sparte Freilichttheater für die beste Freilichtinszenierung („James Blond“) ausgezeichnet. Und mit dem Stück „Insekten“, das von Artensterben und Klimawandel handelt, wurden sie Zweite beim bundesweiten Deutschen Amateurtheaterpreis 2020.

2019: Marianne und Hermann Tittel als Bienenkönigs-Paar in dem Umweltstück Insekten.
2019: Marianne und Hermann Tittel als Bienenkönigs-Paar in dem Umweltstück Insekten. | Bild: Jürgen Scharf

„Darauf sind wir schon stolz“, sagt Regisseur, Autor und Schauspieler Arnd Heuwinkel zu diesen Auszeichnungen, die ihm und dem Verein Rückenwind geben und für überregionale Aufmerksamkeit sorgen. Die aktuelle Neuproduktion wird mit 20.000 Euro vom Innovationsfonds Kultur Baden-Württemberg gefördert – eine höchst willkommene Finanzspritze, zumal in dieser Freilichtsaison coronabedingt nur eine reduzierte Besucherzahl möglich ist. „Das ist nicht nur ein großes Geschenk, sondern auch ein Qualitätskriterium“, sagt Heuwinkel über die Fördermittel, die es dem Ensemble erlauben, etwas unbelasteter in dieser angespannten Situation zu agieren.

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Die Unterstützung kommt gerade recht im Jubiläumsjahr, denn damit lässt sich Theater im ländlichen Raum machen. Vor allem, wenn man einen solchen Motor und Macher wie Heuwinkel hat, der die Stücke schreibt, Regie führt, selber mitspielt und die bunt zusammengewürfelte Gruppe motiviert und zusammenhält. Heuwinkel ist ein Meister des Absurden und Skurrilen, der in seinen Stücken Realität und Fiktion vermischt und Dinge zusammenführt, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Dass er vorwiegend Landschaftstheater inszeniert, hängt damit zusammen, dass „Landschaft ein Abbild von Realität, von Alltagswelt ist“, wie er sagt, mit dem Leben zu tun hat, sehr direkt und unverfälscht ist.

Unkonventioneller Regisseur: Arnd Heuwinkel
Unkonventioneller Regisseur: Arnd Heuwinkel | Bild: Jürgen Scharf

Für seine Stücke wählt der studierte Kulturwissenschaftler aktuelle Themen, die in der Luft liegen, daher zeitbezogen sind und mit der momentanen Realität zu tun haben. Inspirieren lässt er sich von aktuellen Ereignissen, die er über die Medien wahrnimmt, und persönlichen Überzeugungen. „Es sind Themen, die mir über den Weg laufen oder sich mir aufdrängen“, so der engagierte Theatermacher, der von der „Hildesheimer Schule“ herkommt und mit Leib und Seele auch Regisseur ist. Zeit- und gesellschaftskritische Themen sind Grundlagen für Heuwinkel, „um das Moralische zu thematisieren, ohne jemanden belehren zu wollen“.

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Ein Blick zurück: Eine Zeitmaschine spielt eine Rolle in der Abenteuergeschichte „Belchendreieck“ (2013). „Robin Hut“ (frei nach „Robin Hood“) thematisiert Öko-Aktivisten und Waldschützer (2015). Bei „James Blond“ (2017), der Agentensatire auf 007, in der Heuwinkel den Titelhelden spielte, geht es um die Globalisierung und die Gefahr, dass demokratische Werte abhanden kommen – immer noch hochaktuell. “Insekten“ (2019) behandelt vor dem Hintergrund des Bienensterbens die Bedrohung der Lebenswelt, die Naturzerstörung, bedrohte Arten, das Ausbeuten von Ressourcen, „um unseren Lebensstil durchzusetzen“, wie Heuwinkel erläutert. Folglich sind seine Stücke zum Nachdenken, aber auch unterhaltsam.

2017: In der prämierten Agenten-Parodie James Blond spielte Arnd Heuwinkel (rechts) die Titelrolle.
2017: In der prämierten Agenten-Parodie James Blond spielte Arnd Heuwinkel (rechts) die Titelrolle. | Bild: Jürgen Scharf

„Über Humor“, so der Autor, „lassen sich viele kritische Dinge transportieren“. Nicht nur mit dem Zeigefinger Menschen aufklären, sondern über Dinge lachen, obwohl es gar nicht lustig ist – das ist ihm ein Anliegen. Dieses Theaterkonzept färbt auch auf sein neues Stück ab, das in erster Linie um Verantwortung in Krisenzeiten geht. In diesem Jahr kommt die Besetzung nicht allein aus dem Dorf, sondern aus der ganzen Umgebung des Wiesentals, von Schopfheim bis Lörrach.

Aus Freiburg ist die Profischauspielerin Lena Drieschner dabei, die viele Jahre am dortigen Theater Ensemblemitglied war, in Fernsehrollen zu sehen ist (unter anderem im „Tatort“) und jetzt mächtig Spaß an der Rolle der durchgeknallten Kommissarin Schimpansky(!) hat. Drieschner ist eine jener Profis, die Heuwinkel gern zu seinen Produktionen holt, weil sie eine Vorbildfunktion für die Laiendarsteller haben und ihnen einen sicheren Rahmen geben. Die Amateurdarsteller fühlen sich dadurch animiert, mitgerissen, gehen aus sich heraus.

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Nicht nur wegen der überdrehten Polizistin geht in dieser neuen Farce um den Brillenkönig und die ominöse Brille der Macht, durch die man Gedanken lesen kann, turbulent zu. Die ganze Familie, die „bucklige Verwandtschaft“ und finstere Geselle sind hinter dem Objekt der Begierde her. Die Brille ist eine Metapher, eine „Sehhilfe“ für Menschen, die den Durchblick verlieren, Vehikel und Hilfsmittels, um wieder klar sehen zu können. Sie dient dazu, die aktuelle Situation und die vorherrschenden Verhältnisse zu betrachten.

Theatermacher Heuwinkel und seine Partnerin Antonia Tittel, die auch die Kostüme entwirft, schaffen es immer, viele Helfer aus dem Dorf mit ins Boot zu holen. Dass die Bauern die Agrarflächen für das Theaterspielen zur Verfügung stellen, „ist eine Grundvoraussetzung für uns“, so Heuwinkel dankbar. Deshalb wird mit der Spielzeit immer gewartet, bis die Matten geschnitten sind. Und so laufen nun die wilden Verfolgungsjagden der „SoKo Brille“ und des Gauner-Clans fast auf Golfrasen ab.