Formulare ausfüllen, die Speisekarte im Restaurant lesen oder einfach schnell eine WhatsApp-Nachricht senden. Für den Leser dieser Zeilen kein Problem, für mehr als sechs Millionen Bundesbürger allerdings eine tägliche Herausforderung. Sie haben kaum oder gar nicht lesen und schreiben gelernt. Über die Hälfte der Betroffenen sind Muttersprachler. Sie gelten damit als funktionale Analphabeten.

Mit verschiedenen Aktionen versucht das Bundesministerium für Bildung und Forschung diesen Menschen zu helfen. Eine davon ist das Alfa-Mobil und das machte vor wenigen Tagen auch in Waldshut halt. Das Alfa-Mobil tourt durch ganz Deutschland, informiert und berät Betroffene. Mit ins Boot genommen werden dabei die Mehrgenerationenhäuser, wie das Familienzentrum Hochrhein in Lauchringen.

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Margot Eisenmeier engagiert sich dort schon seit Jahren dafür, diesen Menschen zu helfen. Die zertifizierte Leiterin in Alphabetisierung bietet individuelle und erwachsenen-gerechte Kurse und Hilfe an. „Am schwierigsten ist es, an die Leute heranzukommen. Angst und Scham halten viele davon ab, sich ihrem Umfeld zu offenbaren“, berichtet sie über ihre Arbeit.

„Erstaunlich ist, dass viele meiner Klienten mitten im Leben stehen. Sie üben einen Beruf aus, sind in Vereinen aktiv. Ich hatte sogar schon Menschen, die das Abitur gemacht haben“, erläutert Margit Eisenmeier weiter. Wie das möglich ist, erklärt Eisenmeier: „Lesen und Schreiben lernt man in den ersten zwei Jahren an der Grundschule. Wer es da nicht schafft, sich das Alphabet anzueignen, lernt sich anders zu organisieren. Man merkt sich Wege, man hört genau zu oder übt sich in Verzicht.“ Die Ausreden werden laut Eisenmeier routiniert vorgetragen: Ich habe meine Brille vergessen oder ich habe mir den Arm verstaucht, berichtet Sie aus ihren Erfahrungen.

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Dass es nie zu spät ist, davon berichtet Peter Andernach. Der 50-Jährige ist oft mit dem Alfa-Mobil auf Tour um von seinem Erfolg zu berichten: „Als Kind war ich Legastheniker, ich hatte Probleme mit meinem Gehör, deshalb fiel es mir schwer, die Buchstaben richtig einzuordnen“, sagt er. Das lesen und schreiben habe er nie richtig gelernt. Nach der Schule ging er in eine Fabrik, wo das keine große Rolle spielte, sagt Andernach. „Als ich dann in eine Abteilung kam, bei der ich für die Lagerhaltung von bis zu 3000 Artikel zuständig war, habe ich mir die vier bis sechsstelligen Nummern im Kopf gespeichert“, erzählt er. 25 Jahre arbeitete Andernach in dieser Fabrik, bis diese in Konkurs ging.

Das Alfa-Mobil des Bundesverbands für Alphabetisierung und Grundbildung machte Halt in Waldshut vor dem Arbeitsamt. Lokaler Partner ist das Familienzentrum Hochrhein in Lauchringen (von links): Ulla Hahn (Leiterin Familienzentrum Hochrhein), Nadja Schneider (Familienzentrum Hochrhein), Jenniefer Schmucker (Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Lörrach), Landrat Martin Kistler, Pfarrer Matthias Hasenbrink (Diakonisches Werk Hochrhein), Peter Bless (Geschäftsstellenleiter Agentur für Arbeit Waldshut-Tiengen), Margot Eisenmeier (Leiterin Alphabetisierungskurse beim Familienzentrum) und Peter Andernach.
Das Alfa-Mobil des Bundesverbands für Alphabetisierung und Grundbildung machte Halt in Waldshut vor dem Arbeitsamt. Lokaler Partner ist das Familienzentrum Hochrhein in Lauchringen (von links): Ulla Hahn (Leiterin Familienzentrum Hochrhein), Nadja Schneider (Familienzentrum Hochrhein), Jenniefer Schmucker (Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Lörrach), Landrat Martin Kistler, Pfarrer Matthias Hasenbrink (Diakonisches Werk Hochrhein), Peter Bless (Geschäftsstellenleiter Agentur für Arbeit Waldshut-Tiengen), Margot Eisenmeier (Leiterin Alphabetisierungskurse beim Familienzentrum) und Peter Andernach. | Bild: Rolf Sprenger

„Ich wusste, dass ich keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben würde und musste mich entscheiden“, erzählt er offen weiter. Angst und Scham vor Freunden und Arbeitskollegen konnte er nicht überwinden, um nach Hilfe zu fragen. „Nach langem Zaudern habe ich mich bei einer Volkshochschule angemeldet und dort das Lesen und Schreiben gelernt“, berichtet der 50-Jährige. Andernach wünscht sich, dass sich viele Betroffene ein Beispiel an ihm nehmen könnten. Er appelliert, auch an die Freunde und Familienangehörigen, ein offenes Ohr zu haben. Wenn man den Verdacht hat, dass jemand des Lesens nicht mächtig ist, sollte man die Person ansprechen, empfiehlt Andernach, denn. „Es darf kein Tabuthema sein.“ Für ihn habe sich sein Mut auf jeden Fall gelohnt.