Seit Oktober kann man Schwörstadt – das lärmgeplagte Dorf an der Bundesstraße 34 zwischen Rheinfelden im Westen und Bad Säckingen im Osten – besser kennen lernen: Um gut eine Minute hat sich die Durchfahrtszeit mit dem Auto verlängert, seit hier Tempo 30 gilt. Der Grund für das Tempolimit erschließt sich aus den nackten Zahlen: Gut 2000 Einwohner im Kernort leben an dem rund 1,6 Kilometer langen Abschnitt der Bundesstraße und jeden Tag fahren im Schnitt 13.000 Fahrzeuge in beiden Richtungen.

Mit Tempo 50 war es viel zu laut

„Die im Lärmgutachten ermittelte Lärmbelastung lag so deutlich über den Grenzwerten, dass wir zum Handeln gezwungen waren“, sagt Bürgermeisterin Christine Trautwein-Domschat. Das Gutachten wurde von Wolfgang Wahl vom Planungsbüro Rapp Regio vor einem Jahr im Gemeinderat vorgestellt. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde verringere sich die Lärmbelastung um 2,58 Dezibel – dies würde etwa einer Halbierung der Lautstärke entsprechen, so Wahl damals.

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Seit dem 12. Oktober gilt darum auf der gesamten Strecke Tempo 30. Die Bürgermeisterin hat sich im Dorf umgehört: „Die Rückmeldungen sind sehr positiv, nicht nur von direkten Anwohnern.“ Mehrheitlich werde gelobt, dass der Lärm weniger geworden sei.

So hört es sich nun an, wenn der Durchgangsverkehr mit Tempo 30 durch die Hauptstraße fährt:

Video: Julia Becker

Insgesamt sei die Geschwindigkeitsbegrenzung im Ort so gut angenommen worden, dass man sich nun ähnliches im Ortsteil Dossenbach wünsche: Dieser liegt an der Kreisstraße nach Schopfheim, ebenfalls eine gut befahrene Strecke.

Leiser und sicherer

„Der Lärm ist weniger geworden, das merkt man deutlich“, freut sich Daniela Keser. Auch ihre Eltern und Freunde in der Römerstraße – parallel und oberhalb der Bundesstraße – würden sich über Geschwindigkeitsbegrenzung freuen. „Wenn es sonst ruhig war wusste man gleich: Da hat es einen Unfall gegeben“, so Keser. Nun sei ihre Mutter teils überrascht, dass der Verkehr ja noch fließe. Auch würde es weniger rumpeln, wenn einer der täglich über 1000 Lastwagen über die Gullydeckel rollt.

Lena Widmann, Julia Erz und Daniela Keser aus Schwörstadt freuen sich nicht nur über mehr Ruhe sondern auch über mehr Sicherheit für ihre Kinder sowohl beim Spielen als auch auf dem Schulweg.
Lena Widmann, Julia Erz und Daniela Keser aus Schwörstadt freuen sich nicht nur über mehr Ruhe sondern auch über mehr Sicherheit für ihre Kinder sowohl beim Spielen als auch auf dem Schulweg. | Bild: Julia Becker

Zusammen mit ihren Nachbarinnen Julia Erz und Lena Widmann freuen sich die Mütter auch für ihren Nachwuchs über den langsamer rollenden Verkehr. „Man wird besser wahrgenommen“, meint Julia Erz. „Und es ist gut, dass oft kontrolliert wird“, ergänzt Lena Widmann. „Das Sicherheitsgefühl als Fußgänger hat zugenommen“, so auch Trautwein-Domschat.

Leiser aber mehr Abgase?

Doch gibt es auch Kritik: „Die 12.000 Euro für das Gutachten waren meines Erachtens rausgeworfenes Geld“ so Manfred Henle. Der Rentner wohnt seit 50 Jahren neben dem Rathaus, aber zurückgesetzt von der Straße. „Den Verkehr hört man bei mir nur im Hintergrund.“ Doch der umtriebige Senior führt regelmäßige Verkehrszählungen durch und misst den Verkehrslärm direkt an der Straße.

Manfred Henle hat einen genauen Blick auf den Schwörstädter Verkehr. Die neue Geschwindigkeitsbegrenzung überzeugt ihn aber nicht.
Manfred Henle hat einen genauen Blick auf den Schwörstädter Verkehr. Die neue Geschwindigkeitsbegrenzung überzeugt ihn aber nicht. | Bild: Julia Becker

Sein Fazit: Ja, es sei um rund zwei Dezibel leiser geworden. „Dafür sind 40 Prozent mehr Fahrzeuge gleichzeitig im Ort, weil es ja langsamer voran geht“, so Henle. Dazu kämen seiner Ansicht nach mehr Fahrgeräusche im niedrigeren Gang und mehr Abgase. Besser wären Alternativen zum Individualverkehr, sowie Lärmblitzer für laute Autofahrer und Motorräder. „Jetzt haben wir lückenlosen Verkehr und es ist schwerer geworden, sich einzufädeln“, so Henle.

Unterschiedliche Ansichten

Bei der Verkehrsdichte scheiden sich aber offenbar die Geister: „Es ist wohl etwas einfacher, auf die Straße zu kommen“, so der Eindruck von Dieter Keser. Der gebürtige Schwörstädter hat mit seinen 80 Jahren viel Verkehr durch den Ort rollen sehen. Seit über 50 Jahren lebt er mit seiner Frau an der Hauptstraße im Oberdorf. In den Ort hinein werde tatsächlich gebremst und langsamer gefahren, so sein Eindruck. In der Gegenrichtung sehe es ganz anders aus: „Ich habe das Gefühl, hier sehen die Fahrer das Licht am Ende des Tunnels: Der Ortsausgang ist nah, es wird Gas gegeben.“

Nach der scharfen Kurve an der Kirche sind es noch rund 400 Meter bis zum Ortsausgang Richtung Bad Säckingen. 30 Stundenkilometer fahre hier seiner Meinung nach kaum einer mehr. Nur mit einem fest installierten Blitzer könne man seiner Meinung nach hier etwas erreichen. Der Lärm durch die Beschleunigung belaste ihn aber nicht so sehr: „Wir haben seit über 20 Jahren Lärmschutzfenster“, so Keser pragmatisch. Mit seiner Einschätzung ist Dieter Keser nicht alleine: „Wenn der Ortsausgang in Sicht ist wird beschleunigt,“ so Bürgermeisterin Trautwein-Domschat und kündigt die Fortsetzung der Radarkontrollen an, und ergänzt: „Danke an alle, die sich diese zusätzliche Minute für die Bevölkerung in Schwörstadt nehmen.“