Rolf Ensner, Chefarzt der chirurgischen Intensivstation am Kantonsspital Aarau, wurde gekündigt. Nun hat sich auch Marc Michot, Chefarzt der medizinischen Intensivstation, entschieden, das Spital zu verlassen. Die Geschäftsleitung hat am Freitag den neuen Klinikchef ernannt.

Mathias Nebiker wird Chefarzt der neuen Klinik für Intensivmedizin am Kantonsspital Aarau.
Mathias Nebiker wird Chefarzt der neuen Klinik für Intensivmedizin am Kantonsspital Aarau. | Bild: privat

Die Geschäftsleitung des Kantonsspital Aarau (KSA) hat entschieden, die medizinische und chirurgische Intensivstation im Sommer zusammenzulegen und unter eine neue gemeinsame Leitung zu stellen. Ursprünglich wollte man die beiden Abteilungen im Hinblick auf den Neubau zusammenführen. Wegen der Corona-Pandemie wird dies nun vorgezogen. Durch die Herausforderungen der vergangenen Monate sei ein enges Zusammenarbeiten der beiden Kliniken unabdingbar gewesen, begründete KSA-Sprecherin Isabelle Wenzinger die Entscheidung.

Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati.
Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati. | Bild: Severin Bigler

Bereits klar war, dass keiner der beiden bisherigen Chefärzte die neue intensivmedizinische Klinik leiten wird. Am Freitag teilte das KSA mit, dass Mathias Nebiker zum 1. Juli 2021 die Position des Chefarztes der neuen Klinik übernimmt. Der 45-Jährige wechselt vom Inselspital Bern nach Aarau. In Bern ist er seit 2016 Kaderarzt an der Universitätsklinik für Intensivmedizin sowie Leiter des Bereichs Organspende, heißt es in der Mitteilung des Spitals.

Marc Michot verlässt das KSA Ende August.
Marc Michot verlässt das KSA Ende August. | Bild: privat

KSA-intern hat die Zusammenlegung der beiden intensivmedizinischen Abteilungen für Unruhe gesorgt. Rolf Ensner, der seit 2007 die chirurgische Intensivstation geleitet hat, wurde gekündigt. Es gab „unüberbrückbare Differenzen über die Führung und Entwicklung der neuen intensivmedizinischen Klinik“.

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Laut Informationen der „Aargauer Zeitung“ soll Ensner davor gewarnt haben, die beiden Kliniken schon im Sommer noch mitten in der Pandemie zusammenzuführen. Auch das Pflegeteam kritisierte Ensners Kündigung in einem Brief an Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati scharf. Es sei eine „gefährliche Aktion“, die die Patientensicherheit hochgradig gefährden könne.

Berichterstattung Kündigungsgrund

Bis vergangene Woche sah es so aus, als würde Marc Michot, Chefarzt der medizinischen Intensivstation, am KSA bleiben. Nicht als neuer Leiter der zusammengeführten Intensivstationen, sondern unter der neuen Klinikleitung. Am Freitag bestätigte das KSA allerdings Informationen der „Aaargauer Zeitung“, dass Marc Michot gekündigt habe. Michot, der seit 2005 Chefarzt in Aarau ist, habe entschieden, das Spital Ende August zu verlassen, sagt Wenzinger. Der Grund für seine Kündigung sei die „negative Berichterstattung in den regionalen Medien letzte Woche“.

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Die „negative Berichterstattung“ zielt auf Aussagen, die Otto Hilfiker, von 1984 bis 2007 Bereichsleiter perioperative Medizin und Chefarzt Anästhesie am KSA, Woche in der „AZ“ machte. Er sagte, die operative Intensivstation des KSA sei besser aufgestellt als die medizinische und die Geschäftsleitung opfere mit ihrem Entscheid den Leiter der erfolgreichen Intensivstation zu Gunsten der nicht erfolgreichen.

Leitung bedauert die Kündigung

Die Geschäftsleitung bedauere, aber respektiere diese persönliche Entscheidung von Chefarzt Michot, teilt Sprecherin Isabelle Wenzinger mit. Von der „persönlich motivierten Aussage von Otto Hilfiker“ distanziert sich die Spitalleistung und hält fest, „dass beide Intensivstationen für Erwachsenenmedizin gleichwertig sind und waren“. Isabelle Wenzinger sagt: „Unsere Mitarbeitenden beider Intensivstationen erbringen täglich hervorragende Leistungen und einen überdurchschnittlichen Einsatz – vor und während der Pandemie.“

Die Reaktion

Mit Rolf Ensner und Marc Michot verliert das größte Aargauer Spital auf einen Schlag und mitten in der Corona-Pandemie zwei langjährige, erfahrene Chefärzte. Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati wurde über die Kündigung von Rolf Ensner vorinformiert. Die Entscheidung kommentiert er nicht. Gallati sagt: „Personalentscheide sind ausschließlich Sache der Führungsgremien der drei Kantonsspitäler.“ Der Regierungsrat könne und dürfe sich nicht in Personalentscheide involvieren – abgesehen von der Wahl der Verwaltungsratsmitglieder und der Revisionsstellen.

Die Versorgung

Durch die Abgänge der beiden Chefärzte sei die medizinische Versorgung nicht gefährdet, sagt Gallati. „Wir gehen davon aus, dass beide Chefärzte bis Ende der Kündigungsfristen weiterhin am KSA tätig sind.“ Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung des KSA würden aktuell und in Zukunft „eine Versorgung auf höchstem Niveau“ sicherstellen.

Unzufriedene Mitarbeiter

Obwohl seit Freitag klar ist, wer die neue Klinik für Intensivmedizin leiten wird, bringen personelle Wechsel Unruhe in die Teams. Laut Informationen der „Aargauer Zeitung“ stören sich die Mitarbeitenden daran, dass die Spitalleitung alles dem Neubau unterordnet und dabei die Menschen vergisst, welche die ganze Arbeit machen.

Fluktuation

Die Spitalleitung könne nachvollziehen, dass solche Veränderungen Betroffenheit und emotionale Reaktionen auslösen, sagt Wenzinger: „Wir nehmen das ernst und sind mit den Mitarbeitenden im Gespräch.“ Werden gut eingespielte Teams unter eine neue Leitung gestellt, könne dies auch zur Folge haben, dass sich Mitarbeitende neu orientieren. Intensivpflegefachleute seien gefragt. Auch unabhängig von Corona. Dazu komme, dass die Anstellungsbedingungen, namentlich der Lohn, in Nachbarkantonen oft deutlich besser seien als im Aargau.

Geschichte wiederholt sich

Dass es im Zusammenhang mit Chefarztwechseln zu Kündigungen kommen kann, hat sich am KSA in der Vergangenheit gezeigt. Wegen Differenzen mit dem neuen Chefarzt haben 2019 fünf Kardiologen gekündigt. Sie haben als Belegärzte an die Hirslanden Klinik Aarau gewechselt.

Entwicklung offen

KSA-Sprecherin Isabelle Wenzinger sagte damals zur „AZ“: „Im Rahmen des Chefarztwechsels hat sich gezeigt, dass es innerhalb des Teams unterschiedliche Vorstellungen zur Führung und zur Entwicklung der kardiologischen Abteilung gab.“ Wie sich die Situation in der Intensivmedizin entwickelt, ist offen. Am Freitagnachmittag kam es laut „AZ“-Informationen zu einer emotionalen Aussprache zwischen den Mitarbeitenden und der Spitalleitung.

Die Aussprache

Es wurden noch einmal die Gründe für die Trennung von Rolf Ensner dargelegt, der vor der überstürzten Zusammenlegung der beiden Kliniken schon jetzt im Sommer 2021 und nicht, wie geplant, nach Realisierung des Neubaus gewarnt hat. Die Mitarbeitenden haben zudem ihr Unverständnis darüber ausgedrückt, dass die Geschäftsleitung sich nicht gegen die Vorwürfe des ehemaligen KSA-Chefarztes Otto Hilfiker in der „Aargauer Zeitung“ gewehrt hatte und wollten von der Geschäftsleitung wissen, ob sie denn nicht versucht habe, Marc Michot umzustimmen. Trotzdem bleibt für die Mitarbeitenden nach der Aussprache das Gefühl von Unklarheit und Unsicherheit, was die Zukunft bringt, zurück.