Frau Beil, immer wieder ist die Rede vom Spannungsfeld, in dem sich die Tafeln befindet. Wie sieht es konkret beim Tafelladen in Waldshut aus?

Es ist inzwischen eine große Herausforderung, die Kunden zufrieden zu stellen, was leider auch nicht immer gelingt. Durch den Krieg in der Ukraine, die Inflation und die steigenden Energiekosten verzeichnen wir einen massiven Anstieg der auf die Tafel Angewiesenen.

Die Zahl unserer Kunden hat sich mehr als verdoppelt und liegt bei 790. Pro Berechtigungsschein sind durchschnittlich drei Menschen zu rechnen. Gleichzeitig sind die Warenspenden der Einzelhändler seit Beginn der Corona-Krise um die Hälfte zurückgegangen. Das ist aus unserer Sicht verheerend, denn wir müssen mit weniger Ware mehr Kunden versorgen.

Optimierte Lagerlogistik sorgt für geringere Restbestände

Wie lässt sich der Rückgang der Warenspenden erklären?

Das hängt vor allem mit optimierter Lagerlogistik bei den Unternehmen zusammen. Es bleiben einfach weniger Waren übrig. Einige Märkte bieten selbst verpackte Tüten mit Obst oder Gemüse preisgünstig an und reduzieren Waren kurz vor dem Verfallsdatum. Trotzdem haben wir auch Unternehmen in der Region, die uns weiterhin verlässlich mit Warenspenden versorgen.

Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Arbeit?

Vor allem müssen wir strikt reglementieren, dass die Ware für alle reicht. Wir mussten auch die Öffnungstage von drei auf zwei reduzieren. Jede tafelberechtigte Person darf einmal pro Woche einkaufen.

Das sind alles Maßnahmen, mit denen wir gewährleisten wollen, dass jeder, der darauf angewiesen ist, auch etwas bekommt. Wir haben kein Limit und auch keinen Aufnahmestopp wie es bei vielen anderen Tafeln der Fall ist.

Gerade n Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Nudeln oder Reis besteht eine große Nachfrage Nach einem normalen Öffnungstag sind die Regale ...
Gerade n Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Nudeln oder Reis besteht eine große Nachfrage Nach einem normalen Öffnungstag sind die Regale häufig leer. | Bild: Baier, Markus

Bis zu 2,5 Stunden Wartezeit vor dem Tafelladen

Wie reagieren die Kunden auf die Reglementierung?

Das ruft durchaus Unverständnis hervor, zum Beispiel wenn wir bei größeren Anzahlen Familienmitgliedern die Menge an ausgegebenen Lebensmitteln beschränken. Aufgrund der großen Kundenzahl hat sich aber auch die Wartezeit vor dem Laden auf bis zu 2,5 Stunden verlängert, weil wir aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten immer nur sechs Kunden auf einmal in den Laden lassen können.

Welche Möglichkeiten haben Sie, gegenzusteuern?

Uns bleibt im Grunde nichts anderes übrig, als Spender dazu aufzurufen, Lebensmittel für uns einzukaufen und dann bei der Tafel abzugeben. Denn unter anderem hat die Bundestafel ein Zukaufverbot von Waren verhängt, da die Tafeln keine Einzelhändler darstellen.

Ihr Zweck ist es Lebensmittel, die an sich noch brauchbar sind, nicht zu vernichten, sondern an die Menschen weiterzugeben. Da der Tafelbetrieb mit Kosten verbunden ist, sind wir sehr dankbar, dass uns die Bürgerinnen und Bürger auch Geldspenden zukommen lassen.

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Lange Warteschlangen schrecken Bedürftige ab

Wer kauft denn eigentlich in der Waldshuter Tafel ein?

Zu den Tafelkunden zählen bedürftige Familien und Alleinstehende. Zur Zeit vor allem Geflüchtete, dazu kommen einige Rentner und Alleinerziehende, aber die langen Wartezeiten oder andere Vorbehalte wirken wohl auf viele Menschen abschreckend, die ebenfalls berechtigt wären.

Warum lohnt sich eigentlich der Einkauf in der Tafel im Vergleich zum Discounter?

Die Tafel ist um ein Vielfaches günstiger als ein Discounter. Der Verkaufspreis bei uns beträgt zehn bis 30 Prozent des regulären Verkaufspreises. Statt 1,99 Euro im Einzelhandel zahlen Kunden bei uns zum Beispiel 40 Cent für ein Produkt.

Da auch wir auf das Mindesthaltbarkeitsdatum achten, kann der Preis sogar variieren. Bei Luxusartikeln oder hochwertiger Kosmetik sind aber auch bei uns die Preise etwas höher.

„Wenn Warenspenden ausbleiben, sind Regale leer“

Wie ist es grundsätzlich um das Personal bei der Tafel bestellt?

Noch haben wir eine zufriedenstellende Zahl an Mitarbeitern. Bei uns helfen 45 Ehrenamtliche mit, zwei AGH-Kräfte und ich als Leitung der Tafel. Viele der Ehrenamtlichen sind schon Jahre lang engagiert, einige haben die 70 oder 80 Jahre bereits erreicht, sind aber dennoch mit Freude bei der Arbeit.

Es gibt zum Glück auch immer wieder Anfragen für eine ehrenamtliche Mitarbeit, wenngleich es häufig zu Problemen kommt, weil es bei uns um feste Einsatztage geht. Aber natürlich spielt Nachwuchswerbung eine wichtige Rolle.

Trotz aller Bemühungen: Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem es eng für die Waldshuter Tafel wird?

Da sich die Lage in der Ukraine wohl auf absehbare Zeit nicht normalisiert, und auch die Teuerung anhält, rechnen wir mit einem Anstieg der Kundenzahl in der Tafel. Die Tafeln stehen zwar auch im Fokus der Öffentlichkeit, was uns massive finanzielle Unterstützung eingebracht hat.

Aber damit lassen sich ausbleibende Warenspenden nicht kompensieren. Es ist schon eine Minute vor zwölf. Wenn die Warenspenden ausbleiben, sind unsere Regale leer.

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