Frau Mandel, was genau sind die Aufgaben einer Notruffrau beim Frauen- und Kinderschutzhaus Kreis Waldshut?

Wir nehmen von zu Hause aus am Diensthandy die Anrufe von Frauen entgegen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind und Hilfe suchen, wenn die Anrufe außerhalb der Geschäftszeiten des Frauen- und Kinderschutzhauses und der angegliederten Beratungsstelle Courage erfolgen. Tagsüber nehmen dort die Sozialpädagoginnen die Anrufe entgegen. Wir Notruffrauen haben im Wechsel unter der Woche Dienst von 16 Uhr bis 8.30 Uhr und an den Wochenenden und Feiertagen rund um die Uhr. Durch uns Notruffrauen ist gewährleistet, dass Frauen in häuslichen Gewaltsituationen jederzeit Hilfe finden und ins Frauenhaus aufgenommen werden können, wo sie sicher sind und zur Ruhe kommen können. Wenn die Frau und ihre Kinder im Frauen- und Kinderschutzhaus sind, ist unsere Aufgabe abgeschlossen. Das Weitere übernehmen die hauptamtlichen Sozialpädagoginnen des Hauses und der Beratungsstelle Courage.

Können Sie uns schildern, wie so ein Einsatz nach einem Anruf einer Frau konkret abläuft?

Zunächst hören wir der Frau zu. Wir müssen uns klar werden, in welcher Situation sie sich gerade befindet. Einige haben einfach das Bedürfnis, mit jemandem über ihre Situation zu sprechen und suchen Beratung. Meistens handelt es sich aber um Akutfälle, bei denen wir schnell handeln müssen. Wir machen mit der Frau einen Treffpunkt aus, wenn zum Beispiel die Gefahr besteht, dass sie verfolgt wird. Wir klären wie sie zum Treffpunkt kommt. Oft werden die Frauen von Freunden zum Treffpunkt gefahren oder sie kommen mit dem Bus oder Zug. Wir sagen ihnen, was sie schnell zusammenpacken und unbedingt mitnehmen sollen. Ganz wichtig sind natürlich die Pässe. Vom Treffpunkt aus fahren wir sie dann in unserem Auto zum Frauen- und Kinderschutzhaus. Dort erledigen wir die Aufnahmeformalitäten, zeigen ihr das Haus und ihr Zimmer und versorgen sie mit dem Nötigsten. Ich verabschiede mich immer mit dem Hinweis, dass sie mich jederzeit anrufen kann, wenn es Probleme gibt.

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Gib es Einschränkungen, was die Aufnahme betrifft?

Ins Frauen- und Kinderschutzhaus dürfen nur volljährige Frauen, die seelischer, psychischer und sexueller häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, aufgenommen werden. Die Nationalität oder Religion spielt dabei keine Rolle. Jungen können bis zum Alter von 14 Jahren mit ihren Müttern im Frauenhaus aufgenommen werden.

Sie erwähnten die Polizei, die Notruffrauen arbeiten eng mit ihr zusammen?

Ja, es ist eine gute Zusammenarbeit mit der Polizei. Manchmal ruft sie auch bei uns an und fragt, ob ein Platz im Frauen- und Kinderschutzhaus frei ist, weil sie eine Frau aus einer Gewaltsituation herausnehmen musste. Sie fährt vor dem Frauenhaus auch öfters Streife, weil es immer mal wieder vorkommt, dass der Mann einer Frau, die dort untergebracht ist, aufkreuzt. Manche finden Wege, um heraus zu finden, wo das Haus sich befindet. Außerdem werden wir auch von der Polizei geschult.

Warum kommt es Ihrer Erfahrung nach überhaupt zu häuslicher Gewalt?

Letztlich geht es um Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse. Die Übergriffe werden mit der Zeit immer massiver. Und es ist ein Trugschluss, dass es irgendwann besser wird und der Partner sich ändert. Der Leidensdruck der Opfer ist immens und viele Opfer machen das Ganze mit sich alleine aus. Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, brauchen definitiv Hilfe von außen, um sich endlich befreien zu können. Gerade die Tatsache, dass der, den man liebt oder geliebt hat, zum Täter wird, hinterlässt tiefste Erschütterung und Lähmung.

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Ihre Arbeit dürfte nicht ganz einfach sein. Was muss Ihrer Ansicht nach eine Notruffrau mitbringen, um den Herausforderungen gewachsen zu sein?

Die Frauen, die anrufen, sind in der Regel verzweifelt und aufgeregt. Sie rufen erst an, wenn sie nicht mehr können, keinen anderen Weg mehr sehen. Um sie zu beruhigen und herauszufinden, was die Situation erfordert, braucht es Einfühlungsvermögen. Man darf auf keinen Fall selbst die Ruhe verlieren, muss eine gewisse Souveränität und Professionalität zeigen und Abstand wahren können, denn manchmal geht es einem schon nahe, besonders wenn Kinder dabei sind. Aber das lernt man alles, wir werden regelmäßig geschult und wir werden auch nicht allein gelassen. Die Sozialpädagoginnen, die Polizei, sind immer für uns da.

Treffen sich die Notruffrauen auch untereinander?

Ja, wir sind ein super Team und per WhatsApp und E-Mail miteinander verbunden. Wir springen füreinander ein, wenn eine mal krank ist und treffen uns alle drei Monate, um uns auszutauschen und den Notrufplan für die nächsten drei Monate zu erstellen. Eine Woche ist man immer am Stück im Einsatz, wie oft, bestimmt jede Notruffrau selber.

Wie viele Anrufe haben Sie im Schnitt in einer Einsatzwoche und können Sie uns einen Fall schildern, der Ihnen besonders nahe ging?

Im Schnitt sind es vielleicht so vier bis sieben Anrufe in der Woche. Manch-mal kommt auch gar keiner, manchmal häufen sich die Anrufe. An Feiertagen kommen vermehrt Anrufe. Insgesamt wurden 2019 zwölf Frauen von uns Notruffrauen ins Frauen- und Kinderschutzhaus gebracht. Besonders nahe ging mir der Fall einer misshandelten Frau mit zwei Kindern. Ein Arzt aus dem Waldshuter Krankenhaus rief an, ob ich eine Frau, die von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen worden war, und ihre zwei Kinder abholen und ins Frauen- und Kinderschutzhaus bringen könne. Die Frau sprach kein Wort deutsch, sie war abgemagert, gezeichnet von den Misshandlungen und hatte einen starren, apathischen Blick. Das Mädchen hatte eine zerrissene Strumpfhose an und war für die Jahreszeit viel zu dünn angezogen. Der Junge übersetzte, war aber mit dieser Aufgabe natürlich völlig überfordert. Wir Notruffrauen haben alle Dinge erlebt, die wir uns vor unserem Ehrenamt nicht hätten vorstellen können.

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Und es passiert nicht nur irgendwo weit weg, sondern vor unseren Haustüren?

Ja, es ist das Frauen- und Kinderschutzhaus des Landkreises Waldshut. Es geht um Frauen und Kinder, die hier leben, gerade auch in den umliegenden Dörfern. Und es passiert damals wie heute. Dennoch gibt es immer noch einige, die sagen, Frauen- und Kinderschutzhäuser wären nur in Großstädten nötig, hier bräuchte man sie nicht. Das Problem wird teilweise immer noch verharmlost. Gewalt gegen Frauen ist ein vielschichtiges, gesellschaftliches Problem, aber Hilfe ist da. Der Landkreis Waldshut hat ein gutes soziales Netz, auch für Frauen, die häusliche Gewalt erleiden. Das Frauen- und Kinderschutzhaus, die Beratungsstelle Courage in Lauchringen, das Jugendamt, das Sozialamt, andere Beratungsstellen – es gibt viele Orte, wo sie ergänzende Beratung und Hilfe bekommen.

Welche Rolle spielt bei häuslicher Gewalt Ihrer Erfahrung nach die Ausbildung der Frauen?

Eine große. Frauen, die eine Berufsausbildung haben oder finanziell un-abhängig sind, haben grundsätzlich mehr Möglichkeiten. Nach meinen Erfahrungen als Notruffrau, ist der größte Wunsch der oft jungen, von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen, einen Schulabschluss zu beenden, eine Berufsausbildung zu machen, um eigenes Geld zu verdienen, eine eigene Wohnung zu haben, sie wollen für sich und ihre Kinder selber sorgen.

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Sie sind eine Notruffrau der ersten Stunde – ist heute etwas grundsätzlich anders als vor 25 Jahren?

Wir sind zu Anfang noch in die Wohnungen der betroffenen Frauen gegangen, wenn eine Frau angerufen hat und haben sie dort abgeholt. Das machen wir zu unserer Sicherheit schon lange nicht mehr. Das ist Sache der Polizei. Und wir hatten anfangs kein Handy, das heißt, wir mussten während der Einsatzzeit zu Hause bleiben.

25 Jahre sind eine lange Zeit – Sie machen dieses verantwortungsvolle Ehrenamt immer noch gerne?

Ja, es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn man anderen Frauen helfen kann und dazu beitragen kann, ihnen Perspektiven für einen neuen Weg in ein anderes, gewaltfreies Leben aufzuzeigen. Wer sich für dieses Ehrenamt interessiert, setzt sich am besten mit dem Frauen- und Kinderschutzhaus, Telefon 07751/35 53, oder der Beratungsstelle Courage, Telefon 07741/808 22 77, in Verbindung.