Ursula Freudig

Frau Schäfer, was genau sind die Aufgaben der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS)?

Personen, die eine Selbsthilfegruppe suchen oder gründen möchten, können mich kontaktieren. Aber auch wenn es Probleme in einer bestehenden Gruppe gibt, kann man sich an mich wenden. Öffentlichkeitsarbeit ist eine weitere wichtige Aufgabe. Das Thema Selbsthilfe ist immer noch zu wenig bekannt oder trifft auf Vorbehalte. Man hört immer noch, Selbsthilfegruppen seien Stuhlkreise für Ältere, dabei sind Selbsthilfegruppen eine wichtige Säule im Gesundheitswesen. Mittlerweile gibt es auch junge Selbsthilfegruppen wie im Wutachtal die Gruppe „Jung und Krebs“ oder für Jugendliche mit Depressionen und Angststörungen in Waldshut. Ich initiiere und organisiere auch Projekte und Veranstaltungen.

Bekommen Selbsthilfegruppen finanzielle Unterstützung und kooperiert Ihre Stelle bei Projekten auch mit anderen Einrichtungen?

Die Beratung und Unterstützung im Bereich Förderung ist eine weitere Aufgabe von mir. Gesundheitliche Selbsthilfegruppen bekommen auf Antrag für bestimmte Ausgaben in der Regel eine Pauschalförderung von den Krankenkassen. Und ja, Kooperation mit verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen ist sehr wichtig, so haben wir zum Beispiel im Juni einen Aktionstag zum Thema Alkohol mit dem kommunalen Suchtbeauftragten, der Fachstelle Sucht und weiteren Akteuren durchgeführt.

Nicole Schäfer (links) spricht mit unserer Mitarbeiterin Ursula Freudig über die Selbsthilfe im Landkreis Waldshut, die Plakate hinter ...
Nicole Schäfer (links) spricht mit unserer Mitarbeiterin Ursula Freudig über die Selbsthilfe im Landkreis Waldshut, die Plakate hinter ihr mit Aussagen von Besuchern von Selbsthilfegruppen werden im Rahmen einer kommenden Öffentlichkeitskampagne an vielen Orten auf die Selbsthilfe aufmerksam machen. | Bild: Benedikt Herbst

Hinter Selbsthilfegruppen steckt immer ehrenamtliches Engagement, richtig?

Ja, von einer Krankheit Betroffene gründen und leiten eine Gruppe von Menschen, die das gleiche Schicksal teilen. Manche Selbsthilfegruppen sind auch für Angehörige offen. Es ist grundsätzlich aber auch möglich, dass Personen, die nicht unmittelbar betroffen sind, eine Gruppe gründen oder leiten. Sie sollten dann aber gewisse soziale Fähigkeiten mitbringen, empathisch sein und Bezug zum Thema haben. Viele Selbsthilfegruppen haben auch Dachverbände, zum Beispiel bei Parkinson oder Krebs, die Schulungen für Leiter anbieten. Menschen, die auf der Suche nach einem Ehrenamt sind und sich vorstellen können, im Bereich Selbsthilfe aktiv zu werden, können sich gern mit mir in Verbindung setzen. Zu den Sprechzeiten bin ich unter der Telefonnummer 07751/86 51 33 zu erreichen. Meine E-Mail-Adresse ist (Nicole.Schaefer@landkreis-waldshut.de).

Wie viele Selbsthilfegruppen gibt es im Landkreis Waldshut?

Rund 70. In diesem Jahr sind aber weniger gegründet worden als sonst. Auch bei der Frage der Nachfolge, wenn Leiter oder Leiterinnen nicht mehr können oder wollen, tun sich viele Selbsthilfegruppen schwer. Menschen in Gruppen für Suchtkranke sind oft über Jahrzehnte zusammen. Es wichtig, dass auch zu gleichen Themen immer wieder neue Gruppen gegründet werden.

Was sind die Hauptthemen der Selbsthilfegruppen?

Haupthemen sind Sucht, chronische Erkrankungen wie Rheuma, Krebs-Erkrankungen und psychische Erkrankungen sind mehr denn je ein Thema. Die Selbsthilfegruppe in St. Blasien für Erwachsene mit Depressionen und Angststörungen hat zum Beispiel enormen Zulauf. Corona, Krieg und Inflation – es ist für alle eine sehr belastende Zeit.

Stichwort Corona – stimmt es, dass sich auch eine Selbsthilfegruppe für Menschen gebildet hat, die an Long Covid leiden?

Das stimmt, seit Januar dieses Jahr gibt es eine solche Gruppe. Rund 20 Personen tauschen sich regelmäßig aus, bislang online. Sie kommen nicht nur aus dem Landkreis Waldshut, sondern auch aus dem Landkreis Lörrach. Es ist durchaus Bedarf da. Es gibt zwar mittlerweile viele Studien zu Long Covid, aber die Erfahrungswerte sind noch sehr gering. Umso wichtiger ist es für Betroffene, sich auszutauschen.

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Was bringt Ihrer Erfahrung nach der regelmäßige Besuch von Selbsthilfegruppen?

Es tut den Menschen in Selbsthilfegruppen einfach gut, sich auszutauschen. Sie merken, dass sie nicht allein mit ihren Problemen sind, fühlen sich ernst genommen und spüren Zusammenhalt. Eine Frau hat mir mal gesagt, sie müsste in der Gruppe gar nicht viel sagen, sie würde sofort verstanden werden, dieses Verständnis füreinander ohne viele Worte würde ihr einfach guttun. Sie könnte zwar auch mit ihrem Mann reden und er würde ihr zuhören, aber dieses Gefühl, vollkommen verstanden zu werden, hätte sie nur in der Gruppe. Selbsthilfegruppen helfen auch ganz praktisch. Man tauscht sich beispielsweise über Therapien aus, welche man ausprobiert hat, welche einem gutgetan haben oder erzählt von einem Arzt, der helfen konnte.

Ist trotzdem die Hemmschwelle, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen, noch groß?

Der wichtigste und schwierigste Schritt ist die Kontaktaufnahme mit der Gruppe oder der KISS und dann das erste Mal an einer Gruppensitzung teilzunehmen. Wenn dieser erste Schritt geschafft ist, merken viele, was für einen Mehrwert man durch die Gruppe gewinnt. Viele schöpfen neue Hoffnung und Kraft und knüpfen neue Kontakte, die ihnen guttun. Grundsätzlich haben Selbsthilfegruppen noch immer ein verstaubtes Image, das einfach nicht stimmt. Es muss selbstverständlicher werden, sie zu besuchen. Dies gilt vor allem für Suchtproblematiken und noch mehr für psychische Erkrankungen wie Depressionen. So ist es sehr wichtig, Tabus abzubauen und beispielsweise über psychische Erkrankung und Sucht genauso reden zu können wie über Herzprobleme und nicht stigmatisiert zu werden.

Sind Online-Foren Ihrer Erfahrung nach eine gute Alternative für Präsenz-Selbsthilfegruppen?

Online-Selbsthilfegruppen sind sicher ein Trend. Besonders junge Menschen holen sich Infos im Internet und treffen sich auf Foren. Da kann aber auch viel schieflaufen, man kennt die Leute nicht, mit denen man es zu tun hat, es können auch immer Leute sein, die es nicht gut mit einem meinen. Unsere Selbsthilfegruppen treffen sich zwischendurch schon auch mal online, aber überwiegend finden die Treffen in Präsenz statt. Zum Beispiel bei Suchtgruppen ist Präsenz auch sehr wichtig. Online sieht man nicht, ob jemand die Bierflasche neben sich stehen hat.

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Sie sagten, Selbsthilfegruppen seien eine wichtige Säule in der Gesundheitsfürsorge. Welche Rolle genau spielen sie im Gesundheitswesen?

Sie sind eine Stütze. Die Arztpraxen sind überlaufen, sie haben oft zu wenig Personal. Umso wichtiger sind Gespräche, für die Ärzte aber in der Regel keine Zeit haben. Selbsthilfegruppen können auffangen, was anderweitig nicht möglich ist. Der Arzt sagt, wenn bei Krebs eine Bestrahlung oder Chemo nötig ist, aber nicht was die Psyche in solchen Situationen braucht. Außerdem sind Selbsthilfegruppen da, wenn es anderswo, wie bei einer Therapie oder Reha, einfach aufhört. Die Menschen werden weiter aufgefangen und bekommen Unterstützung. Selbsthilfegruppen sind deshalb sehr wichtig und sie sind freiwillig, jeder kann sich bis zu dem Maß engagieren wie es für ihn oder sie richtig und gut ist.

Auf dem Bild von uns Beiden sind im Hintergrund viele Plakate mit Menschen und Zitaten zu sehen, was hat es damit auf sich?

Das sind Mitglieder von Selbsthilfegruppen und Aussagen von ihnen. Im Rahmen einer Öffentlichkeitskampagne werden die Plakate demnächst an vielen Orten im Landkreis Waldshut hängen, um auf Selbsthilfegruppen aufmerksam zu machen. An Litfaßsäulen, in öffentlichen Gebäuden, in Arztpraxen, Kliniken, in Räumen von Wohlfahrtsverbänden. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, so viele Menschen wie möglich für die Selbsthilfe zu begeistern. Die Kampagne möchte Berührungsängste abbauen und näherbringen, was Selbsthilfe tatsächlich ist: Information, Austausch, Unterstützung, Freundschaft und vieles mehr.

Was wünschen Sie sich mit Blick auf Selbsthilfegruppen und Ihre Stelle für die Zukunft?

Dass unsere Plakat-Aktion „Selbst-Hilfe wirkt“ erfolgreich ist, die Menschen offener für Selbsthilfe werden und den Mut haben, zu mir oder direkt mit einer Selbsthilfegruppe Kontakt aufzunehmen. Bei mir kann man alle nötigen Auskünfte bekommen. Ich wünsche mir, dass sich neue Gruppen bilden, besonders für psychische Erkrankungen, und dass die junge Selbsthilfe an Auftrieb gewinnt. Wünschenswert ist auch, dass Ärzte und Kliniken Selbsthilfegruppen auf dem Schirm haben, einige weisen ihre Patienten auf sie hin, aber längst nicht alle.

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