Frau Kellner, seit wann sind Sie im Hospizdienst tätig?

Ich bin seit meiner Pensionierung vor 17 Jahren ehrenamtlich für den ambulanten Hospizdienst tätig, zunächst im Verein „Jestetten und Umgebung“, der vor zwei Jahren in den Hospizdienst Hochrhein integriert worden ist. Ich begleite Menschen in ihrem Zuhause, in Pflegeheimen und in Krankenhäusern. Die meisten Menschen wollen in ihrer gewohnten Umgebung sterben. Wir versuchen, unseren Beitrag dazu zu leisten, um dies zu ermöglichen. Diese Unterstützung ist für die Betroffenen kostenlos. Die Gründung eines stationären Hospizes im Landkreis sehen wir als wertvolle Ergänzung zu unserer Tätigkeit, wenn eine Versorgung Zuhause nicht mehr machbar ist.

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Wie sind Sie zu Ihrem Ehrenamt gekommen?

Bei meiner Arbeit in der Pflege musste ich feststellen, dass die Gerätemedizin das Zwischenmenschliche und die ganzheitliche Sicht des Menschen immer mehr verdrängt hat. Zum Ende meines Berufslebens habe ich mir Gedanken über eine sinnvolle Tätigkeit in meinem Ruhestand gemacht und für mich entschieden, dass ich mich in diesem zwischenmenschlichen Bereich einsetzen und mich um Patienten in ihrer Ganzheit kümmern möchte.

Worin besteht das Bereichernde in Ihrer Tätigkeit?

Für mich ist es schön zu sehen, dass mein Besuch den Patienten gut tut, ihnen vielleicht innere Ruhe und Entspannung bringt. Besonders befriedigend ist es, wenn ich die Gelegenheit habe, über einen längeren Zeitraum eine Beziehung zum Patienten aufzubauen. Es ist auch für den Patienten angenehmer, wenn er zum Ende seines Lebens eine bereits vertraute Person um sich hat. Daher würde ich mir wünschen, dass wir frühzeitig gerufen werden, dass zum Beispiel Ärzte oder Pflegepersonal rechtzeitig auf uns aufmerksam machen. So können wir auch Angehörige entlasten und unterstützen, die oft selbst am Rande ihrer Kraft angelangt und dann erleichtert sind, in dieser belastenden Situation von erfahrenen Sterbebegleitern aufgefangen zu werden.

Wie sieht Ihre Tätigkeit vor Ort konkret aus?

Das hängt von den Wünschen und Bedürfnissen des Patienten und der Angehörigen ab. Wir als Begleiter nehmen uns zurück und bemühen uns, empathisch auf die Patienten einzugehen. Ich selbst versuche, mich vor einem Besuch auf diese Begegnung einzustellen, unter anderem, indem ich mich nach der Biografie, nach Vorlieben und Abneigungen eines Patienten erkundige. Je nach dessen Wunsch und Möglichkeiten lese ich etwas vor, wir hören Musik, sprechen über Themen oder unterhalten uns einfach. Vieles bleibt auch unausgesprochen – und dann gilt es, die Stille auszuhalten. Für mich ist es wichtig, die momentane Stimmung des Gegenübers sensibel wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Haben Sie bestimmte Schulungen erhalten, um Ihre Arbeit leisten zu können?

Alle ehrenamtlichen Begleiter, die für den Hospizdienst tätig sind, erhalten vor ihrem Einsatz eine Ausbildung. Bei mir war es so, dass ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit entsprechende Schulungen erhalten und durch die Hospizgruppe an regelmäßigen Weiterbildungen teilgenommen habe. Der Hospizdienst Hochrhein bietet immer wieder Ausbildungen für neue Begleiter an, die aus vier Wochenenden sowie 40 Praxisstunden bestehen. Themen sind unter anderem Kommunikation, Umgang mit Tod und Trauer, Umgang mit Angehörigen, medizinische Themen.

Haben Sie dort auch gelernt, wie Sie privat Abstand zu den Schicksalen halten können?

Wie man es schafft, privat Distanz zu halten und das Leid anderer nicht zu seinem eigenen zu machen, gehört zu den grundlegenden Elementen der Vorbereitung auf diese Tätigkeit.

Gab es Situationen, bei denen Sie persönlich an Ihre Grenzen gekommen sind?

Ja, die gab es schon. Ich bin damit aber nicht alleine. Probleme können wir in unseren monatlichen Treffen besprechen. Außerdem ist immer die Einsatzleitung im Hintergrund dabei und ansprechbar – und wir haben regelmäßig die Gelegenheit, unsere Anliegen in einer Supervision zu klären. In meinen Augen ist es ein wichtiger Lernprozess zu akzeptieren, dass unsere eigenen Möglichkeiten unterschiedlich und begrenzt sind. Wir kommen als Menschen zum Menschen und dürfen uns nicht damit überfordern, für alles eine vollkommene Lösung finden zu wollen.

Hat sich die Arbeit seit Corona verändert und wenn ja, wie?

Die Gefahr der Ansteckung schwingt mit und beeinträchtigt menschliche Nähe. Durch mein Alter gehöre ich wie viele ehrenamtliche Begleiter zur Risikogruppe. Der Hospizdienst nimmt darauf Rücksicht. Jedem Ehrenamtlichen steht frei zu sagen, ob er zu Begleitungen bereit ist oder nicht. Aber wir freuen uns auf eine Normalisierung durch die fortschreitenden Impfungen.

Wie viele Ehrenamtliche gibt es beim Hospizdienst? Gibt es auch Männer?

Wir sind über 50 Ehrenamtliche im Landkreis – wie immer im sozialen Bereich sind darunter nur wenige Männer.

Fragen: Susann Duygu-D‘Souza

Anhang: Der Hospizdienst Hochrhein e.V. ist im gesamten Landkreis tätig. Erreichbar ist er unter der Telefonnummer 07751/80 23 33 oder unter per E-Mail (info@hospizdienst-hochrhein.de).