Vor 40 Jahren wurde Aids erstmals von Ärzten nachgewiesen. Die Krankheit entwickelte sich im Laufe der 1980er zu einer Pandemie. „Damals herrschte eine große Unsicherheit. Manche Leute dachten, sie könnten sich am Türknauf oder auf dem Klo anstecken“, erzählt Birgit Petersen-Mirr. Sie war fast 30 Jahre lang Leiterin der AIDS-Beratungsstelle im Landkreis Waldshut.

Petersen-Mirr war Ärztin, als ein Bundesprogramm 1988 die Gesundheitsämter in den Landkreisen dazu zwang, eine Aids-Beratungsstelle einzurichten. Obwohl sie in Steinen im Landkreis Lörrach wohnt, fesselt sie das Thema, sie bewarb sich als einzige für die neu geschaffene Stelle im Landkreis Waldshut.

„Aids war damals noch ein verpöntes Thema. Es war bald bekannt, dass das HI-Virus bei bestimmten sexuellen Praktiken übertragen werden kann und dass besonders viele Ansteckungen bei schwulen Männern auftraten. Homosexualität war damals in Deutschland noch ein geschlossener Topf, auf dem man lieber den Deckel lassen wollte“, erzählt sie.

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Von Anfang an ist der Anspruch klar, dass die Aids-Beratung anonym sein soll. Zusätzlich zu Veranstaltungen mit Krankenkassen, Schulen, Rotem Kreuz, Polizei und Feuerwehren werden in Waldshut und in Bad Säckingen zwei Beratungsstellen mit festgelegten Sprechstunden eingerichtet.

Sie werden zur Anlaufstelle von Männern, die Sex mit Männern haben, und Drogenabhängige mit unheilbaren Infektionskrankheiten. Der intravenöse Drogenkonsum, also durch das Spritzen in die Armvenen, birgt nämlich ebenfalls ein erhebliches Ansteckungsrisiko, wenn Spritzen mehrfach verwenden werden.

In den 1990ern wurde die offene Drogenszene im Platzspitz-Park und auf dem Letten-Areal in Zürich geschlossen. Die Drogenabhängigen wurden in ihre Heimat zurückgeschickt. „Das haben wir auch im Landkreis Waldshut zu spüren bekommen. Das war unsere Jugend, die dort abhängig und kriminell wurde“, erzählt Petersen-Mirr.

Laut dem Schweizer Bundesamt für Gesundheit war die häufigste Ursache einer HIV-Ansteckung im Jahr 1990 der intravenöse Drogenkonsum. In der Beratungsstelle und auch in Apotheken im Landkreis wurden Drogenabhängigen folglich die Spritzenabgabe und der Spritzentausch ermöglicht.

Der Anteil der HIV-Infektion durch intravenösen Drogenkonsum hat seither stark abgenommen – jedoch auch die Zahl der Ansteckungen insgesamt. 2019 gab es laut Robert-Koch-Institut in Deutschland noch 2600 HIV-Ansteckungen.

Das hängt wohl auch mit der Aufklärung und der Prävention zusammen, die durch Beratungsstellen geleistet wurden. „Als ich angefangen habe, wurde das Kondom in der Gesellschaft noch belächelt. Die Pillenindustrie hat wohl auch ihren Teil dazu beigetragen, dass es als weniger wirksames Verhütungsmittel angesehen wurde“, erzählt Petersen-Mirr.

Dabei ist das Kondom bei richtiger Anwendung wirksam und verhindert nicht nur Schwangerschaften, sondern auch die Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten – es muss halt richtig passen. „Bei Besuchen in Schulen habe ich immer den Vergleich mit Schuhgrößen gebracht. Hätte ich für alle nur Schuhgröße 39 dabei, würde das auch nur den wenigsten passen.“

Mittlerweile sei das Kondom selbstverständlich geworden. „Selbst pubertierende Jungs, die ihr erstes Mal noch nicht hatten, haben heute ein Kondom in der Tasche, weil sie cool sein wollen“, sagt die 69-Jährige. Die größte Änderung innerhalb der vergangenen 40 Jahren ist allerdings die Zulassung von Medikamenten, mit denen Aids-Patienten behandelt werden können.

„Heute können Aids-Patienten genau so alt werden, wie wenn sie nicht infiziert wären – wenn sie regelmäßig die Medikamente nehmen. Wir können bei infizierten Schwangeren verhindern, dass sie das Virus an ihre Kinder weitergeben.“
Birgit Petersen-Mirr

Auch Präexpositionsprophylaxen, sogenannte „Preps“, sind mittlerweile etabliert: Sie können vor dem Sex eingenommen werden, um eine HIV-Ansteckung zu verhindern. Birgit Petersen-Mirr ist von Preps nicht sonderlich begeistert: „Andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphillis oder Tripper kann man trotzdem noch bekommen und weiter verbreiten.“

Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass von rund 90.000 HIV-Infizierten in Deutschland zehn Prozent nichts von ihrer Infektion wissen – eine Dunkelziffer, die Petersen-Mirr beunruhigt, da das Virus so weiter verbreitet werden kann und mutiert. Das macht die Suche nach einem Impfstoff noch schwieriger, als sie eh schon ist.

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