Frau Große, Deutschland erlebt derzeit einen Geburtenanstieg. Auch im Kreis Waldshut werden immer mehr Babys geboren. Wie steht es derzeit um die Hebammenversorgung in der Region?

Wir haben hier einen deutlichen Hebammenmangel. Waren wir im Jahr 2015 noch 23 Hebammen, wird es in diesem Jahr mal nur noch rund 15 geben.

Woran liegt der Rückgang? Hat die Erhöhung der Versicherung vor einigen Jahren dazu beigetragen?

Nicht unbedingt. Zunächst einmal wurden die Ausbildungsfrequenzen runter geschraubt, mit der Folge, dass weniger Hebammen auf dem Markt waren. Hinzu kommt die Schließung der Stühlinger und Bad Säckinger Geburtenstation vor einigen Jahren. Die dort angestellten Hebammen sind zum Teil in die Schweiz gegangen oder haben sich umstrukturieren müssen. Durch die Schließung der beiden Häuser wurde die Nachwuchsförderung gehemmt. Zudem ist der Hebammenmangel auch altersbedingt. Einige Hebamme wechseln aber auch aufgrund der höheren Bezahlung in die Schweiz. Und wir haben Hebammen, die den Beruf wechseln. Ein Grund dafür ist unter anderem Überlastung. Damit einher geht die psychische Belastungen, die daher rührt, dass man Schwangeren absagen muss, weil die jeweiligen Hebammen schlichtweg ausgelastet sind.

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Mussten Sie selbst auch schon Schwangere abweisen?

Regelmäßig. Ich betreue derzeit jeden Monat im Schnitt zehn neue Frauen. Wenn man bedenkt, dass man die Frauen mindestens zwei Monate betreut, ergibt sich eine Zahl von 20.

Hebammen sollen ab 2020 studieren – mit diesem Vorschlag will Gesundheitsminister Jens Spahn den Hebammenmangel lösen. Doch kann das das Nachwuchsproblem lösen?

Es gibt jetzt schon Hebammen-Studiengänge. Auch wir haben hier zwei Hebammen, die bereits studieren. In Tübingen beispielsweise läuft derzeit ein Studiengang für Hebammenschülerinnen. In Stuttgart läuft einer, wo ausgebildete Hebammen studieren können. Das sind alles duale Studiengänge, das heißt, man hat einen Ausbildungsbetrieb, in dem Mann die Praxis lernt. Das ist das, was uns Hebammen wichtig ist. Die Idee von Herrn Spahn ist also nicht ganz neu. Auch die EU sieht einen Studiengang als notwendig.

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Glauben Sie, dass der Vorschlag den Hebammenmangel bekämpft?

Nein, aber es wertet den Beruf auf. Hebammen haben in den Kreißsälen die Hauptverantwortung zu tragen, aber bei pathologischen Vorgängen müssen wir einen Arzt hinzurufen. Was man bei einem Studiengang lernt, ist dass wir unsere Arbeit wissenschaftlich belegen können. Es trägt dazu bei, kompetenter und selbstständiger zu sein.

Was können werdende Mütter unternehmen, wenn Sie keine Hebamme finden?

Es gibt in mehreren Orten in der Region sogenannte Elterntreffs, die von den Frühen Hilfen koordiniert werden. Das ersetzt aber natürlich keine Hebammenbetreuung. Ansonsten sind die Familienmitglieder gefragt.

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Worauf kommt es bei der Wochenbett-Betreuung in erster Linie an?

Zunächst einmal die kindliche Anpassung an das Leben, Nahrungsaufbau, Rückbildungsprozesse bei der Mutter, körperliche und seelische Begleitung der Eltern. Paare werden unterstützt, sich in die neue Rollenverteilung mit Baby hinein zu finden.

Wie viele Frauen entscheiden sich heute noch für den Beruf in der Region?

Aktuell wissen wir, dass es acht Auszubildende gibt. Das ist viel vor dem Hintergrund, dass wir vor Jahren so gut wie niemanden hatten. Als wir die Zahlen damals ermittelt hatten, mussten wir handeln. Wir konnten belegen, dass ein Mangel herrscht. Somit konnten wir an den Kreistag herantreten, der uns eine Förderung zugesichert hat. Aktuell gibt es vier Hebammenschülerinnen, die eine Förderung erhalten. Nächstes Jahr erhalten nach Antragstellung wieder vier neue Schülerinnen eine Förderung.

Wie sieht die Förderung aus?

Sie erhalten einen Zuschuss für Bücher und Benzin, und sie bekommen eine Hebammen-Mentorin zur Seite gestellt. Die Schüler sind eingeladen, an Hebammen-Treffen und Fortbildungen teilzunehmen, außerdem haben sie die Möglichkeit, bei den Hebammen der Region ihre Praktika zu machen.

Was haben Sie noch unternommen, um neue Hebammen zu finden?

Wir stehen im Gespräch mit vielen Bürgermeistern und Landrat Martin Kistler. Sie alle unterstützen zum Beispiel bei Anzeigenaufgaben, um freiberufliche Stellen neu zu besetzen. Das ist jüngst in Bad Säckingen erfolgreich gelungen. Außerdem sind in dem neu geplanten Campus in Bad Säckingen Räumlichkeiten für Hebammentätigkeiten eingeplant. Das war gar nicht so einfach, weil eine gute Vernetzung notwendig war.

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Wie eng arbeiten Hebammen hier zusammen auch hinsichtlich der Konkurrenzsituation?

Mittlerweile gibt es keine Konkurrenz wegen des Mangels mehr. Wir müssen gut miteinander arbeiten, um so viel Frauen wie möglich versorgen zu können.

Gibt es auch Männer im Beruf?

Es gibt Männer in Deutschland, aber die Zahl schwankt zwischen ein oder zwei. Im Kreis Waldshut gibt es aber keine.

Auf welche Bereiche sind Sie als Hebamme spezialisiert?

Ich persönlich mache keine Vorsorge und bin nur in der Nachsorge und Geburtsvorbereitung tätig. Wenn man alleine selbstständig ist, kann man nicht alles Bereiche abdecken und muss sich festlegen. Andernfalls könnte man nur eine geringe Zahl an Frauen versorgen. Aber die Vorsorge ist ein wichtiges Aufgabengebiet, gerade zu Zeiten, in den ein Gynäkologen-Mangel herrscht.

Sie haben selbst zwei Kinder. Hatten Sie auch eine Hebamme?

Ja, weil man selbst Mutter wird und in diesem Moment sein Wissen hormonell nur halb abrufen kann. Ich bin bis heute sehr dankbar für die Unterstützung.

Würden Sie heute den Beruf noch einmal wählen?

Ja, es gibt selten Berufe, in denen man in so vielfältigen Aufgabenbereichen arbeiten kann.