Pflegeeltern werden immer dann wichtig, wenn Kinder aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Eltern aufwachsen können. Ob ein Pflegekind vorübergehend oder dauerhaft bleibt, ist von der Lebenssituation der leiblichen Eltern und der Betreuungsform der Pflegeeltern abhängig. In der Bereitschaftspflege sind Pflegeeltern dazu bereit, Kinder aus einer akuten familiären Notlage heraus kurzfristig und meist ohne Vorbereitung aufzunehmen – so wie Familie Hagemann aus Laufenburg.

Nur wenige Stunden zur Vorbereitung

Für Stefanie (40) und Nicholas (44) Hagemann aus Laufenburg sind ihre Pflegekinder wie Besuch: Er kommt und es steht von bereits fest, dass er wieder geht. Seit acht Jahren nimmt Familie Hagemann Kinder im Rahmen der Bereitschaftspflege auf. Häufig vergehen zwischen dem Anruf des Jugendamtes und dem Eintreffen der Kinder nur wenige Stunden. Von den 13 Pflegekindern, die Familie Hagemann seit 2010 bei sich aufgenommen hatte, war das jüngste Pflegekind sechs Tage, das älteste 12 Jahre alt.

Stefanie und Nicholas Hagemann aus Laufenburg nehmen seit 2010 im Rahmen der Bereitschaftspflege Pflegekinder bei sich auf.
Stefanie und Nicholas Hagemann aus Laufenburg nehmen seit 2010 im Rahmen der Bereitschaftspflege Pflegekinder bei sich auf. | Bild: Privat / Hagemann

Familie Hagemann hat zwei leibliche Kinder und ein Adoptivkind, das zuvor sechs Jahre als Pflegekind bei ihnen gelebt hat. Worin für sie der Unterschied liegt? „Es ist faszinierend, da gibt es gar keinen Unterschied“, sagt Stefanie Hagemann. Obwohl man wisse, dass die Pflegekinder früher oder später wieder gehen werden: "Die Kinder wachsen einem schnell ans Herz“, sagt Stefanie Hagemann. .

Die Kinder kämen oft mit fast gar nichts bei ihnen an „Eine Grundausstattung haben wir immer da“, sagt Stefanie Hagemann und meint damit vor allem ein Bett, einen Kinderwagen oder Windeln. Säuglingsnahrung müsse bei Bedarf gekauft werden, ebenso Bekleidung. „Wir können nicht auf alle Altersstufen vorbereitet sein“, sagt sie.

Zeit für die eigene Familie muss bleiben

Für ihre eigenen Kinder sei das Kommen und Gehen mittlerweile normal und auch sie würden sie sich freuen, wenn wieder ein Pflegekind in die Familie kommt. Es sei auch schön zu sehen, welche Wandlung die Pflegekinder in der Familie durchmachten und ihrer Verhaltensweisen teilweise ablegen könnten und neue übernehmen würden. Was die Bereitschaftspflege betrifft, steht für Stefanie Hagemann fest: „Wir machen das nur, solange es für unsere Kinder passt.“ Deshalb wird im Voraus auch mit den Kindern besprochen, ob ein Pflegekind gerade in die Familie passt oder nicht. Wenn ein Pflegekind gegangen ist, herrscht bei Familie Hagemann dennoch erst mal eine Weile Ruhe, weil dann „auch wieder Zeit für die eigene Familie bleiben muss“, sagt Stefanie Hagemann.

Dauerhafte Betreuung: Vollzeitpflege

Anders als Familie Hagmann, betreut Familie Kratzer aus Waldshut Kinder langfristig. Für Anna (30) und Timo (40) Kratzer aus Waldshut war ein Leben ohne Kinder nicht vorstellbar. Zwei Pflegekinder in Vollzeitpflege leben bei ihnen. Ihr Sohn (8) kam 2012 und ihre Tochter (3,5) 2015 zu ihnen. Beide Kinder waren noch sehr jung. „Das war uns wichtig“, sagt Anna Kratzer. „Ich war damals selbst erst 24 und konnte mir nicht vorstellen, ein zehnjähriges Kind aufzunehmen.“

Bei der Aufnahme von Pflegekindern ist es Anna Kratzer ganz wichtig, mit dem Herzen dabei zu sein.
Bei der Aufnahme von Pflegekindern ist es Anna Kratzer ganz wichtig, mit dem Herzen dabei zu sein. | Bild: Ann-Kathrin Bielang

„Es gibt ganz viele schöne Momente"

Anders als in der Bereitschaftspflege haben Pflegeeltern in der Vollzeitpflege die Möglichkeit die Pflegekinder vor der Aufnahme kennenzulernen. „Man spürt ganz schnell, ob es passt“, sagt Anna Kratzer. Wichtig sei, dass man mit dem Herzen dabei ist und auf sein Bauchgefühl höre: „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich leibliche Kinder mehr lieb haben könnte, das ist für mich das Gleiche.“ Pflegeeltern zu sein ist für Anna Kratzer „eine Aufgabe, die einen erfüllt und viel zurückgibt. Was man investiert, kommt irgendwann auch wieder zurück durch die Kinder.“ Und weiter: „Es gibt ganz viele schöne Momente. Das sind eher alltägliche Situationen, in denen man merkt, man ist eine ganz normale Familie und die Kinder sind hier zuhause.“

"Pflegeeltern sein ist eine Aufgabe, die erfüllt und viel zurückgibt", sagt Anna Kratzer aus Waldshut.
"Pflegeeltern sein ist eine Aufgabe, die erfüllt und viel zurückgibt", sagt Anna Kratzer aus Waldshut. | Bild: Ann-Kathrin Bielang

Kinder kommen aus schwierigen Familienverhältnissen

Was beide Betreuungsformen eint ist, dass die Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen kommen und viele Dinge nicht gewohnt sind. „Wir versuchen den Alltag so normal wie möglich weiterlaufen zu lassen“, sagt Stefanie Hagemann. Die Struktur sei für die Kinder wichtig, viele seien es nicht gewohnt, dass es zu regelmäßigen Zeiten Essen gibt. Auch Anna Kratzer bestätigt: „Rituale sind ganz wichtig.“ Mit dem Alltag komme ein Rhythmus in die Familie, der den Pflegekindern gut tut und ihnen hilft anzukommen. Aber auch Gewohnheiten aus der leiblichen Familie sollte man, wenn möglich beibehalten, sagt Anna Kratzer. Wenn ein Kind zum Beispiel eine Schlafpuppe mit in die Pflege bringt, sollte es diese auch weiterhin haben dürfen.

Unterstützung des Jugendamtes

Kinder kosten Geld, das gilt auch für Pflegekinder. Das Jugendamt zahlt den Familien nach Alter gestaffelt Pflegegeld für die Unterkunft, Ernährung, Bekleidung oder den Schulbedarf der Kinder. Auf Antrag gibt es zusätzliche Beihilfen für die Erstausstattung wie zum Beispiel Möbel. Neben der finanziellen Hilfe bietet das Jugendamt regelmäßige Treffen für Pflegeeltern und gemeinsame Ausflüge wie Kanufahrten oder Weihnachtskino. Zudem begleitet das Jugendamt die Hilfeplangespräche, in denen die Rahmenbedingungen der Hilfe für die Pflegekinder festgelegt werden. Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt sei durchweg gut, sagt Stefanie Hageman. Man habe immer einen Ansprechpartner und fühle sich nie kontrolliert. Schön sei auch, dass alles freiwillig ist. Sowohl die regelmäßigen Treffen als auch die Aufnahme von Pflegekindern, wie Stefanie Hagemann sagt: „Man kann immer offen sagen, ob es gerade passt oder nicht.“

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Pflegekinder haben zwei Familien

Für Pflegekinder gilt: Sie haben zwei Familien. Ihre Herkunftsfamilie, in der sie teilweise belastende Erfahrungen gemacht haben und ihre Pflegefamilie. Für die Pflegefamilie ist es wichtig, diese Geschichte zu kennen, weil das Verhalten der Kinder von ihrer Vorgeschichte abhängig ist. „Die Kinder brauchen dann einen anderen Umgang“, sagt Stefanie Hagemann. Oftmals falle es Pflegekindern aufgrund von Beziehungsabbrüchen in der Herkunftsfamilie schwer, Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, sagt Anna Kratzer. Denn auch wenn die Kinder noch klein sind, ist „im Unterbewusstsein sicherlich noch viel da“, so Anna Kratzer.

Wurzeln respektieren und Vertrauen aufbauen

Der Kontakt zu den leiblichen Eltern ist bei jedem Pflegekind individuell geregelt. „Im Mittelpunkt stehen immer die Kinder“, sagt Claudia Stahl vom Jugendamt. Oftmals gibt es Besuchskontakte, teilweise ziehen sich die leiblichen Eltern ganz zurück oder halten Kontakt über Whatsapp. Häufig findet der Kontakt mit den leiblichen Eltern auch auf neutralem Boden statt, teilweise begleitet durch das Jugendamt. „Wir haben ein offenes, neutrales Verhältnis zu den leiblichen Eltern“, sagt Anna Kratzer. Und auch Stefanie Hagemann ist diese Offenheit wichtig: „Man muss die Menschen so akzeptieren, wie sie sind.“

Pflegekinder: Welche Voraussetzungen und Betreuungsformen gibt es?

Pflegekinder aufnehmen kann grundsätzlich jeder, der bestimmte Voraussetzungen erfüllt. Die Spannbreite der Pflegefamilien ist groß: „Das Gesetz macht da keine Vorgaben“, sagt Claudia Stahl vom Jugendamt. Ob die Pflegeperson alleinstehend ist, als Ehepaar mit oder ohne leibliche Kinder oder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, ist nicht entscheidend. Zu den Grundvoraussetzungen zählen genügend Platz in der Wohnung, Zeit, gesicherte finanzielle Verhältnisse, Belastbarkeit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern und dem Jugendamt.

Pflegeeltern werden: Der erste Schritt für zukünftige Pflegeeltern ist der Kontakt mit dem Jugendamt Waldshut. Hier bekommen Interessierte die notwendigen Informationen zum Thema Pflegschaft. Es folgen persönliche Gespräche, ein Hausbesuch durch das Jugendamt und ein Vorbereitungsseminar. Im Seminar werden den Teilnehmern unterschiedliche Inhalte vermittelt, von allgemeiner Entwicklungspsychologie, über die rechtliche Situation bis hin zum Umgang mit der Herkunftsfamilie der Pflegekinder. Nach dem Seminar findet ein Auswertungsgespräch mit dem Jugendamt statt. Dann kann die Aufnahme von Pflegekindern erfolgen.

Drei Betreuungsformen unterscheidet das Jugendamt: In der Bereitschaftspflege werden Kinder und Jugendliche aus einer akuten Familienkriese heraus in eine Pflegefamilie vermittelt. Die Aufnahme ist kurzfristig und in der Regel auf eine Dauer von einigen Wochen begrenzt. Ziel ist es, die Perspektive des Kindes oder des Jugendlichen zu klären und zu entscheiden, ob eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie möglich ist. In der Vollzeitpflege bleiben die Kinder und Jugendlichen länger in ihren Pflegefamilien. Die Dauer ist von der Lebenssituation der leiblichen Eltern abhängig und kann zeitlich befristet oder unbefristet sein. Eine zeitlich unbefristete Vollzeitpflege kommt immer dann in Frage, wenn eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie auch langfristig ausgeschlossen ist und der Lebensmittelpunkt der Kinder in den Pflegefamilien liegt. Diese Betreuungsform kann mehrere Jahre dauern, meist bis die Kinder volljährig sind oder darüber hinaus.