Der Schopfheimer Kofferprozess vor dem Berufungsgericht in Waldshut nimmt kein Ende: Ein ehemaliger Anwalt des Angeklagten stellt nun dessen Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt 2010 in Frage.

Weitere Beweisanträge

Der aktuelle Verteidiger zweifelte am Montag grundsätzlich an, dass bei einer Hausdurchsuchung ein Waldshuter Staatsanwalt von einem herabfliegenden Alu-Koffer getroffen wurde und die attestierten Verletzungen daher rührten. Feststellungen von Polizeibeamten, Anwälten und Ärzten sollen durch neue Beweisanträge erschüttert werden.

Gutachter soll im Oktober aussagen

Diese Anträge hörte der Angeklagte, der nach einer Stunde das Landgericht fluchtartig verlassen hatte, nicht mehr. Laut Verteidiger Matthias Müller war er gesundheitlich nicht mehr in der Lage, der Verhandlung zu folgen. Auf Müllers Antrag entband der Vorsitzende der Kleinen Strafkammer, Marc Gerster, den Entschwundenen von der Teilnahmepflicht. Die Entscheidung über die neuen Beweisanträge verkündet das Gericht wohl am 29. September. Am 8. oder 19. Oktober wird der psychiatrische Gutachter vortragen.

Stein des Anstoßes: Ein Koffer

Der Anlass, der in erster Instanz beim Amtsgericht Schopfheim mit einer Geldstrafe abgeurteilt wurde, liegt über acht Jahre zurück.

Bei einer Hausdurchsuchung wegen des Vorwurfs Abrechnungsbetrug soll ein vom Obergeschoss herabfliegender Aluminiumkoffer den auf einem Sofa sitzenden Staatsanwalt verletzt haben. Die Frage ist, ob lediglich die Schwerkraft wirkte oder der nach oben geeilte Angeklagte die Flugbahn tatkräftig beeinflusst hatte.

Ein ehemaliger Rechtsanwalt des Beschuldigten, vom Angeklagten von der Schweigepflicht entbunden, war zwar beim Vorfall im Eigenheim des Mediziners nicht anwesend, berichtete aber als Zeuge aus diversen Akten und Gesprächen.

Schuldfähigkeit laut Ex-Anwalt fraglich

Danach war der Hausherr in einem Wutanfall nach oben gestürzt, von einem Bekannten eingeholt und von hinten umarmt worden. Dabei sei dem Angeklagten der Koffer aus der Hand geglitten. Nach seiner Überzeugung sei der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr schuldfähig gewesen, so der erfahrene Anwalt.

Lange Ausführungen der Ehefrau

Die als Beistand zugelassene Ehefrau des Beschuldigten sieht den Angeklagten seit 18 Jahren von diesem Staatsanwalt verfolgt. Der erwähnte Anwalt im Zeugenstand machte indes keinen Hehl aus seiner kritischen Einstellung zu der Ehefrau, die mit langen Monologen auch die Geduld des Vorsitzenden strapazierte.

Für den aktuellen Verteidiger ist klar, dass ein 2,5 Kilogramm schwerer Alukoffer beim Geschädigten andere und stärkere Verletzungsspuren hinterlassen hätte. Die vorgefundene Blessur am unteren Ende der Halswirbelsäule müsse von einem anderen Gegenstand herrühren.

Der Berufungsprozess gegen den vorbestraften Mann soll nach Plan am 26. Oktober beendet werden, am zwölften Sitzungstag.