Der eine, er nennt sich Sicoer und stammt aus Polen, setzt in seinen Runen- und Buchstabenbildern mit dem Pinsel kräftige Striche im Stil klassischer Kalligrafie. Der andere, es ist Mason aus Dortmund, füllt Wände und Leinwände mit geometrisch-konstruktiven Formen. Der dritte, der Brasilianer Salmos, hat es mit Comicfiguren wie Mickey Mouse und knalligen Farben.

Fokus auf das Graffiti-“Schreiben“

Sie sind drei von acht Graffitikünstlern, die sich an der neuen Winterausstellung in der Colab Gallery in Weil am Rhein beteiligen. Unter dem Titel „What do you write?“, der an die frühere Graffiti-Schau „Don‘t forget to write“ (2015) anknüpft, geht die Galerie zurück zu den Wurzeln und legt den Fokus auf ein Kernthema in der Graffiti, das zeitgenössische „Writing“ (Schreiben).

Mit Comicfiguren spielt der Brasilianer Salmos in seiner großen Wandgestaltung in der Colab Gallery.
Mit Comicfiguren spielt der Brasilianer Salmos in seiner großen Wandgestaltung in der Colab Gallery. | Bild: Jürgen Scharf

Schon 15 Jahre gibt es diese Spezialgalerie für Urban Art und sie hat sich mittlerweile weltweit einen hervorragenden Ruf in der Szene erarbeiten können. Zu der neuen Themenschau wurden internationale Aushängeschilder des Genres Graffiti-Writing eingeladen, darunter der bekannte Basler Künstler Sweetuno, der den klassischen „Style“ vertritt.

Seit zehn Jahren ist Stefan Winterle, der selber aus der Street Art-Szene kommt, Kurator. In dieser Zeit hat er 20 Ausstellungen organisiert, die immer die aktuelle Entwicklung in der Graffiti-Kunst, ihre besondere Ästhetik und die neuen innovativen Stile und experimentellen Arbeitstechniken in den Blick rücken.

In seiner Werkstatt: Graffiti-Künstler Stefan Winterle, Kurator der Weiler Colab Gallery.
In seiner Werkstatt: Graffiti-Künstler Stefan Winterle, Kurator der Weiler Colab Gallery. | Bild: privat

Und gerade die neue Übersichtsschau, die sich im Untertitel dem „Contemporary Stylewriting“ widmet, ist ein gutes Beispiel für die unterschiedlichen Handschriften.

Urban Art auf 500 Quadratmetern

Die Colab Gallery im Weiler Stadtteil Friedlingen, die sich auf einer offenen, umlaufenden Galerie über einem „Store“, einem modischen Textilladen, befindet, kann auf 500 Quadratmetern Fläche die neuesten länderspezifischen Trends in dieser Kunstrichtung zeigen. Seit der Eröffnung 2006 ist die Galerie immer mehr zu einer Drehscheibe der urbanen Kunst in der internationalen Kunstszene geworden.

Sie konzentriert sich auf Street Art-Künstler, deren Wurzeln auf der Straße zu finden sind. Zwei Mal im Jahr – zeitlich parallel zur Kunstmesse Art Basel und der Art Miami – werden Künstler nach Weil am Rhein eingeladen, um große Wände vor Ort selber zu gestalten und ihre Studioarbeiten zu zeigen. Die Street Art-Künstler können die zwölf Ausstellungsboxen selbst inszenieren.

Anfänglich hieß die Galerie Carhartt Gallery, nach dem Textilunternehmen. Ihr damaliger erster Kurator Sigi von Koeding alias Dare war selber eine Graffiti-Legende. Er hat die Gallery aufgebaut und ihr seinen „Spirit“, seinen Stempel aufgedrückt. Nach Koedings frühem Tod war lange nicht klar, wie es mit der Urban Art-Galerie weiter gehen sollte. 2010 übernahm dann der Weiler Street-Artist Stefan Winterle die Leitung. Beide waren Freunde und Ateliernachbarn, damals noch im Atelierzentrum Kesselhaus in Weil am Rhein, und Koeding war für Winterle ein Mentor.

Auch Konzeptarbeiten zu sehen

Unter Winterle ist das Spektrum erweitert worden, vom Graffiti hin zur Urban Art, nicht mehr nur Writing – wie jetzt wieder einmal – sondern auch Konzeptarbeiten, Street Art, Stencil-Art oder Schablonentechnik werden gezeigt. Letzteres ist sowieso Winterles Spezialität. Nur einmal in den zehn Jahren hat der Kurator selber mitausgestellt, als es um seine bevorzugte Technik mit Schablonen ging.

Sonst hält er sich zurück, das hätte für ihn „ein Gschmäckle“, so Winterle. Der erfolgreiche Künstler, der in der internationalen Szene agiert, seine Arbeit im weltweiten Kontext sieht und 2011 den Markgräfler Kunstpreis erhalten hat, malt viel auf Betonelementen aus dem Straßenbau. Man findet ihn natürlich im Internet, seit mehreren Jahren hat er eine schöne Werkstatt im „Art Dorf“ Ötlingen.

Stefan Winterle ist sehr gut vernetzt; die Kontakte helfen ihm bei der Auswahl der Künstler. Diese müssen ein gewisses „Standing“ haben, wie er sagt, sich also einen Namen auf der Straße gemacht haben, eine gute Technik, Kontinuität und Wiedererkennungswert vorweisen. Das sind für ihn wichtige Kriterien für den Mix in seinen Gruppenausstellungen mit acht bis zehn Künstlern.

Vom Sprayer zum angesagten Künstler

Die „Subkultur“ der Street Art hat sich längst gewandelt und die früheren Sprayer sind aus der Anonymität herausgetreten, sprayen nicht mehr illegal auf Brücken und Häuserwände. Sie haben es längst ins Museum und in die Kunstgalerie geschafft. Die meisten arbeiten schon gar nicht mehr mit der Spraydose, sondern setzen vielfältige unterschiedliche Techniken ein. Winterle gelingt es, Topleute zu gewinnen, weil sich die Galerie einen Namen gemacht hat.

Entdeckung neuer Talente

Für die neue Schau hat Funco aus Paris, der sich 20 Jahre lang bei Ausstellungen extrem rar gemacht hat, sofort zugesagt. Stolz ist Winterle auch auf Entdeckungen neuer Talente wie Marti Sawe, ein junger Spanier aus Barcelona, der konsumkritische Themen wie Obdachlosigkeit und Wegwerfgesellschaft in seine Motive von der Straße einbringt.

Aber auch die Graffiti-Künstler alter Schule haben bei Winterle einen Stein im Brett. Etwa Sweetuno, mit bürgerlichem Namen Cedric Pitarelli, der in den 90er Jahren in der Basler Street Art aufwuchs, seit zwölf Jahren in Heidelberg lebt, auch als Schauspieler und Bühnenautor arbeitet und schon ein Stück über das Thema Graffiti geschrieben hat.

Alle Künstler bespielen das obere Stockwerk des Outlet-Centers, das neben der Verkaufsfläche durch die Galerie eine große kulturelle Plattform hat. Eigentümer ist der Basler Edwin Faeh, selber Kunstsammler mit einem Faible für Urban Art. Das Galerieteam um Geschäftsführer Kevin Reinhart besteht aus vier Festangestellten und Freelancern. Daniel Küster ist der für visuelle Kommunikation zuständige hauseigene Grafiker, der auch die „Making of“-Videofilme über die vor Ort arbeitenden Künstler gedreht hat. Die Filme in einer Cinema-Lounge sind eine Neuerung, die beim Publikum gut ankommt. Für die Zukunft wird überlegt, vier statt zwei Ausstellungen pro Jahr zu machen. Aber das ist noch nicht spruchreif, denn das wäre ein weit größerer logistischer und struktureller Aufwand als bisher.

Die Schau „What do youwrite?“ in der Colab Gallery in Weil-Friedlingen, Schusterinsel 9, ist bis 16. Mai, Dienstag bis Samstag 12 bis 18 Uhr zu sehen. Eintritt frei.