Waldshut-Tiengen Uwe Kaier über die Arbeit des Kriseninterventionsteams: "Verzweiflung auffangen und zuhören"

Uwe Kaier, langjähriger Leiter des Kriseninterventionsteams Waldshut-Tiengen, hat seinen Posten an Margarete Lenz und Andreas Wagner abgegeben. Im Interview spricht er über die Arbeit mit Menschen, die Extremsituationen durchleben müssen und warum die Arbeit der rund 22 Mitglieder so wichtig ist.

Herr Kaier, was macht ein Kriseninterventionshelfer?

Wir sind da, wenn die Menschen in Not sind. Dazu gehören Todesfälle, plötzliche traumatische Ereignisse. Wir betreuen ebenso Unfallopfer wie deren Angehörige und Augenzeugen vor Ort. Darüber hinaus gibt es im Landkreis ein neues Team, das sich um Helfer und Einsatzkräfte kümmert. Im Mittelpunkt steht immer der Betroffene und der Respekt ihm gegenüber. Wichtig ist, dass jeder mit jedem können kann und eine hohe Motivation hat, anderen zu helfen. Erfahrungsgemäß übernehmen viele unserer Mitglieder langjährig Verantwortung.

Wie sind Sie zu dem Job gekommen?

Ich war schon bei der Gründungsversammlung im Jahr 2000 mit dabei. Davor hatte ich mich auch schon mit dem Thema beschäftigt. Betroffene und Angehörige sind in solchen Situationen oft alleine. Mir ist es wichtig, für so jemanden da zu sein. Es tut einem aber auch selber gut, wenn man helfen kann.

Wie wichtig ist diese Betreuung?

Wir sind mittlerweile ein anerkannter Teil der Rettungskette. Am Anfang wurden wir als „Trostspender“ belächelt, aber mittlerweile schätzt man uns auch seitens der Einsatzkräfte sehr. Es ist wichtig, extreme Ereignisse direkt verarbeiten zu können, da sie sonst verdrängt werden und an anderer Stelle wieder hervortreten können. Bei Opfern und Angehörigen geht es natürlich vorrangig um Schock, Wut und Trauer. Man muss bedenken, viele Angehörige sind beim Erhalt der Nachricht, dass ein naher Angehöriger verunfallt oder zu Tode gekommen ist, alleine zuhause. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, in solchen Situationen zunächst einmal einfach nur da zu sein, Wut und Verzweiflung aufzufangen und zuzuhören. Darüber hinaus vermitteln wir die weitere Betreuung zum Beispiel zum Helferkreis, der Trauerbegleitung oder zum Weißen Ring.

Und wer ist für Sie da, nachdem Sie bei einem schwierigen Einsatz waren?

Wir sind grundsätzlich immer zu zweit unterwegs. Nach jedem Einsatz setzen wir uns in Ruhe zusammen und tauschen uns darüber aus, was passiert ist. Anderen gegenüber sind wir natürlich an die Schweigepflicht gebunden. Manche Erlebnisse aber bleiben.

Welche sind dies?

Besonders schwer ist es natürlich, wenn kleine Kinder betroffen sind, aber auch bei plötzlichen Todesfälle und oft bei Suiziden, bei denen Fragen offen und Trauernde zurückbleiben. Es kommt auch vor, dass der eigene Bekannten- oder sogar Freundes- und Familienkreis betroffen ist.

Wie gehen Sie damit um?

Es gibt keine Routine, jeder Einsatz ist anders. Wir bilden uns regelmäßig weiter und versuchen immer über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Man sammelt mit der Zeit selbst Erfahrung, aber mit dem Alter beschäftigt es einen länger und man macht sich mehr Gedanken.

War das für Sie der Grund, die Leitung abzugeben?

Nein. Die größte Motivation dafür, mein Amt abzugeben war, mehr Zeit für mein Privatleben zu haben. Es war eine freie Entscheidung ohne Druck oder Kritik. Die Entscheidung ist über längere Zeit gewachsen und wurde vom ebenfalls gewachsenen Team mitgetragen. Wir sind nach wie vor das gleiche Team und ich werde weiterhin meine Erfahrung einbringen und zu Einsätzen fahren. Aber frischer Wind in der Leitung schadet ja nicht und ist meistens sogar gut. Neue Besen schrubben ja bekanntlich besser.

Fragen: Peter Rosa

Zu Person und KIT

  • Die Person: Uwe Kaier ist 51 Jahre alt, Polizeikommissar und seit 23 Jahren bei der Polizei tätig. Er lebt mit seiner Familie in Jestetten, hat das Kriseninterventionsteam mit aufgebaut und zwölf Jahre lang geleitet. Mitte des Jahres hat er die Leitzung an Margarete Lenz und Andreas Wagner abgegeben.
  • Das KIT: Das Kriseninterventionsteam hilft Menschen ehrenamtlich dabei, akute seelische Notlagen zu überstehen. Seine Einsatzorte sind die Schauplätze schwerer Unfälle, aber auch die Wohnzimmer traumatisierter Angehöriger. Das KIT hat 22 Mitglieder und war 2017 rund 70 Mal im Einsatz.

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