Das Flugzeug wiegt nur 620 Kilogramm, die Kabine ist nicht größer als der Innenraum eines Smarts. Gustl Raußen (66) ist stellvertretender Vorsitzender der Segelfluggemeinschaft Bohlhof und seit über 40 Jahren Pilot. Er hat mich eingeladen, heute mit ihm zu fliegen.

Gustl Raußen ist stellvertretender Vorsitzender der Segelfluggemeinschaft Bohlhof in Wutöschingen-Schwerzen.
Gustl Raußen ist stellvertretender Vorsitzender der Segelfluggemeinschaft Bohlhof in Wutöschingen-Schwerzen. | Bild: Huwiler, Sira

Jetzt macht er einen letzten Kontrollgang, schaut ob noch genügend Benzin, Öl und Kühlwasser vorhanden sind. Dann tastet er die Flügel ab, prüft, ob alle Schrauben sitzen. „Der erste, der am Tag fliegt, muss das machen“, erklärt er. „Mit dem Auto kann man nur stehen bleiben, bei einem Flugzeug kann einen ein kleiner Defekt das Leben kosten.“ Ich habe ein mulmiges Gefühl im Bauch, eine Mischung aus Vorfreude und großem Respekt.

Auch Öl- und Kühlwasserstand überprüft Gustl Raußen. Bild: Sira Huwiler
Auch Öl- und Kühlwasserstand überprüft Gustl Raußen. Bild: Sira Huwiler

Gemeinsam mit einem Flieger-Kollegen schiebt Raußen die „Grob G 109 Turbo“ in weniger als einer Minute aus der Halle auf den Rasen. „Hereinspaziert“, sagt mein Pilot und öffnet die Luke. Über den Flügel klettere ich etwas unbeholfen in die Kabine, schiebe mich, wie bei einem Kanu, auf den Sitz, meine Beine unter die Armatur, und schnalle mich an.

Anschnallen ist Pflicht im Cockpit des Motorseglers. Bild: Sira Huwiler
Anschnallen ist Pflicht im Cockpit des Motorseglers. Bild: Sira Huwiler

Signale piepsen, Raußen drückt dutzende Knöpfe, dann schiebt er mir einen Kopfhörer in die Hand: „Setzen Sie den bitte auf, gleich wird es laut, damit können wir uns unterhalten.“ Dann jauchzt der Motor auf, wir rollen los und heben ab.

Mit Pilot Gustl Raußen entdeckt Reporterin Sira Huwiler den Hochrhein von Oben. Die Kopfhörer dienen zur Kommunikation während des Fluges. <em>Bild: Sira Huwiler</em>
Mit Pilot Gustl Raußen entdeckt Reporterin Sira Huwiler den Hochrhein von Oben. Die Kopfhörer dienen zur Kommunikation während des Fluges. Bild: Sira Huwiler

Es fühlt sich leichter aber auch ein bisschen wackeliger an, als bei einem Start mit einer Boeing 747. Sanft gleiten wir in die Höhe bis auf knapp unter 3000 Fuß (rund 900 Meter), die Felder werden zu bunten Mosaiken. Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu orientieren. „Was wir sehen, sieht normalerweise nur der Adler“, krächzt es aus dem Kopfhörer, „wollen Sie die Küssaburg mal von Oben sehen?“. Raußen fliegt eine Kurve, dann erblicke ich die alten Gemäuer der Burg, schieße Fotos und grinse.

Die Küssaburg aus der Perspektive eines Adlers. Bild: Sira Huwiler
Die Küssaburg aus der Perspektive eines Adlers. Bild: Sira Huwiler

Wir fliegen über den riesigen Schornstein der Lauffenmühle in Lauchringen, dann entdecke ich die Peter-Thumb-Kirche in Tiengen, das Langensteinstadion, noch in der Ferne das Kernkraftwerk Leibstadt. „Wow, wie schnell fliegen wir denn?“, frage ich. Raußen deutet mit dem rechten Zeigefinger auf ein Tacho im Cockpit, dort steht: „198 Km/h“. Im Nu lassen wir die Wutach hinter uns, fliegen über die Hochhäuser der Waldshuter Bergstadt, die Kaiserstraße und das Landratsamt. Dann schallt Gustl Raußens Stimme aus dem Kopfhörer: „Ich habe eine Überraschung für Sie. Sie wohnen doch in Eschbach, oder? Ich zeige Ihnen Ihr Haus von oben!“

198 Kilometer pro Stunde – so schnell ist Gustl Raußens Motorsegler mit Reporterin Sira Huwiler an Bord unterwegs. Bild: Sira Huwiler
198 Kilometer pro Stunde – so schnell ist Gustl Raußens Motorsegler mit Reporterin Sira Huwiler an Bord unterwegs. Bild: Sira Huwiler

Blick auf das eigene Zuhause

Nach einer Kurve hinauf ins Liederbachtal und ein bisschen Geholper, strecke ich wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal Delfine im Meer hüpfen sieht, die Hand aus: „Ja! Da ist mein Haus“, rufe ich euphorisch. Raußen freut sich, erzählt mir später: „Das funktioniert immer! Die Fluggäste lieben es, ihre persönliche Umgebung aus einer anderen Perspektive zu sehen.“

In Eschbach wohnt Reporterin Sira Huwiler. Ein Blick das Liederbachtal hinab bis zum Rhein und dem Kernkraftwerk Leibstadt. Bild: Sira Huwiler
In Eschbach wohnt Reporterin Sira Huwiler. Ein Blick das Liederbachtal hinab bis zum Rhein und dem Kernkraftwerk Leibstadt. Bild: Sira Huwiler

Nach der Schleife über mein Zuhause drehen wir um und landen wenige Minute später wieder auf der Wiese im Wald zwischen Schwerzen und Rechberg. Ich bin patschnass geschwitzt. Mit wackeligen Beinen klettere ich aus der Maschine. Mein Magen fühlt sich ganz schön durcheinandergewirbelt an, aber ich bin glücklich.

Video: Huwiler, Sira

„16 Minuten waren wir in der Luft, das kann ich im Navigationssystem ablesen“, sagt Raußen. Und noch etwas kann er seinem Fliegerbuch entnehmen: Das war sein 2170. Flug. „In 40 Jahren war ich über 2400 Stunden selbst am Steuer in der Luft“, sagt er stolz. Als der Lauchringer noch bei ABB als Leitender Angestellter tätig war, flog er an den Wochenenden. Seit er in Rente ist, macht er das in jeder freien Minute. „Der Bohlhof ist mein zweites Zuhause“, sagt er. Gemeinsam mit 59 aktiven Vereinsmitgliedern, Flugschülern und Förderern des Segelflugsports, frönt er hier seiner Leidenschaft.

Gustl Raußen prüft vor dem Abflug mit der Grob G 109 Turbo, ob alles sitzt. Bild: Sira Huwiler
Gustl Raußen prüft vor dem Abflug mit der Grob G 109 Turbo, ob alles sitzt. Bild: Sira Huwiler

„Wenn man mindestens 1,5 Kilometer weit sehen kann und das Wetter nicht völlig verrückt spielt, fliegen wir“, sagt Raußen. Besucher-Rundflüge sind an Wochenenden zwischen 9 und 18 Uhr dann auch spontan möglich. Hierfür stehen Segel-, Motor- und Motorsegelflieger mit zwei oder vier Sitzen bereit. Als Unkostenbeitrag berechnet die Segelfluggemeinschaft zwei Euro pro Minute und Sitzplatz – mein 16 Minuten-Flug hat also 32 Euro gekostet. „Jeder kann mitfliegen oder selbst den Flugschein machen“, sagt Raußen. „Es ist kein elitärer Sport, sondern Gemeinschafts- und Leistungssport, der Spaß macht und erfüllt.“

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Ein beliebter Höhepunkt sei der große Alpenrundflug: „In weniger als drei Stunden geht es dabei über den Rheinfall, den Säntis, den Gotthard hinüber ins Wallis, über den Aletschgletscher, die Berner Alpen und den Pilatus zurück“, erklärt Gustl Raußen, „es gibt nix Schöneres“.

 

Luftige Ausflugsziele in der Region

  • Segelflugplätze gibt es in Wutöschingen-Schwerzen (www.bohlhof.de), Rickenbach-Hütten (www.lg-hotzenwald.de) und Rheinfelden-Herten (www.lsg-suedwest.de).
  • Heißluftballon kann man ab Grafenhausen fliegen (www.ballonsport-ackermann.de).
  • Gleitschirm fliegen kann man in Menzenschwand (www.airpower.de), Motor-Gleitschirmflüge gibt es außerdem in Wehr (www.flieg-mit.eu).
  • Fallschirmsprünge wagen Action-Fans in Eschbach bei Freiburg (www.skyhigh-ev.de), in Freiburg (www.tandemspringen.tv) oder Villingen-Schwenningen (www.para-club.de).
  • Hochseilgärten bieten einen luftigen Ausflug mit Bodenhaftung, zum Beispiel im Action Forest Kletterwald Tittisee (www.action-forest-kletterwald.de), Fundorena Kletterwald Feldberg (www.kletterwald-feldberg.com), Erlebnnis-Kletterwald Lörrach (www.erlebniskletterwald.de) oder an der Kletterwand am Rothaus-Zäpfle-Turm in Höchenschwand. Bei schlechtem Wetter bietet sich die Hotzenblock Boulderhalle in Tiengen an (www.hotzenblock.de).
  • Aussichtstürme in der Umgebung, die luftige Panoramen bieten, sind der Gugelturm in Herrischried, der Vitibuck in Tiengen, der Chaisacher Turm im schweizerischen Gansingen (www.cheisacher-turm.ch), die Totenbühl-Hütte oberhalb von Bad Säckingen und der Hochkopfturm in Todtmoos.