Kalte Luft strömt aus der Tiefe in den kleinen Eingangsraum. Familien mit Kindern drängen sich an die Metalltür, die in die Erdmannshöhle in Hasel führt. Noch brennt die rote Lampe und sagt uns: "Führung läuft." Auch ich will mir heute die dunkle Unterwelt anschauen, die ich zum letzten Mal als sechsjähriges Mädchen gesehen habe.

Noch brennt die rote Lampe am Eingangsbereich zur Höhle – die vorangegangene Führung läuft noch. Bild: Sira Huwiler
Noch brennt die rote Lampe am Eingangsbereich zur Höhle – die vorangegangene Führung läuft noch. Bild: Sira Huwiler

"Keine Steine anfassen", mahnen Mamas ihre Knirpse bevor es losgeht, "und keine Erdmännchen", fügt eine Oma hinzu und grinst geheimnisvoll. Erdmannshöhle heißt sie, weil hier der Sage nach Zwerge gelebt haben sollen, die Erdmännchen und Erdweibchen. Selbstverständlich nur ein Gag für Kinder – die finden die Vorstellung von Fabelwesen natürlich aufregend.

Gibt es hier etwa Erdmännchen und Erdweibchen? Der Sage nach lebten einst Zwergenmenschen in der Erdmannshöhle. Bild: Sira Huwiler
Gibt es hier etwa Erdmännchen und Erdweibchen? Der Sage nach lebten einst Zwergenmenschen in der Erdmannshöhle. Bild: Sira Huwiler

Mit ehrfürchtigem Gesichtsausdruck tapsen die kleinen Höhlenbesucher und ich um 14 Uhr los. Nur ein paar Stufen, dann werden die 28 Grad in der Mittagssonne zu 10 Grad feuchtem Höhlenklima. Es ist düster und klamm. So kalt wie erwartet, fühlt es sich trotzdem nicht an. Michael Chevalier (75) ist heute der Höhlenführer.

Höhlenführer Michael Chevalier zeigt seit rund zwei Jahren Touristen die Unterwelt von Hasel.
Höhlenführer Michael Chevalier zeigt seit rund zwei Jahren Touristen die Unterwelt von Hasel. | Bild: Huwiler, Sira

Seit rund zwei Jahren zeigt der Rentner Touristen das Erdmannsreich. "Das alles hier hat die Natur ganz alleine geschaffen", sagt er und lässt seine Taschenlampe an der Höhlendecke kreisen. "Ein Tropfstein wächst in 100 Jahren rund einen Zentimeter". Ein erstauntes Raunen der Besucher hallt durch die Höhle.

Eine riesige Tropfsteinwand im großen Saal der Höhle.
Eine riesige Tropfsteinwand im großen Saal der Höhle. | Bild: Huwiler, Sira

Der Berg in Hasel besteht aus Karst- und Kalkstein. Unentwegt plätschern Millionen von kohlesäure- und kalkhaltigen Wassertropfen langsam hinab auf die Steine. Das Wasser verdunstet, zurück bleiben Kalkablagerungen. Über Jahrtausende sind hier dadurch Tropfsteine entstanden. Verschiedene Mineralien geben ihnen farbliche Schattierungen von weiß, gelb und grün bis hin zu violett.

Lila, grün und weiß: Verschiedene Mineralien machen diesen Stalagmiten zu einem Kunstwerk der Natur. Bild: Sira Huwiler
Lila, grün und weiß: Verschiedene Mineralien machen diesen Stalagmiten zu einem Kunstwerk der Natur. Bild: Sira Huwiler

Stalaktiten wachsen wie Eiszapfen von der Decke hinab, Stalagmiten türmen sich vom Boden empor – manchmal sind sie auch zusammengewachsen, diese selteneren Tropfsteinsäulen nennt man Stalagnat. "Der größte Tropfstein hier in Hasel ist 4,2 Meter hoch", sagt Chevalier, "der hatte es sogar einst als größter Tropfstein Europas ins Guinessbuch der Rekorde geschafft". Heute wurden längst größere entdeckt.

Video: Huwiler, Sira

Der Boden ist nass und rutschig. An unebenen Stellen haben sich kleine Pfützen gebildet. Ich trage Turnschuhe, wie die meisten Sonntagsbesucher. Viele haben Fließjacken gegen die Kälte übergezogen. Mal können wir aufrecht laufen und den Blick durch einen riesigen Saal schweifen lassen, mal stoßen wir links und rechts an glänzend nassen Felsvorsprüngen an, mal geht es gebückt zum nächsten meterhohen Tropfstein.

 

"Naturgewalt zeigt sich hier in ihrer wohl kreativsten Form", sagt Höhlenführer Chevalier. Und mit etwas Fantasie erkennt man die witzigsten Figuren in so manchem Tropfstein: Hochzeitstorten, ein menschliches Gerippe, ein Elefant.

Manche Steine türmen sich auf wie kunstvoll verzierte Hochzeitstorten. Bild: Sira Huwiler
Manche Steine türmen sich auf wie kunstvoll verzierte Hochzeitstorten. Bild: Sira Huwiler

"Schau mal Mama, der Stein ist ja ganz nass", sagt ein Kind. "Die nassen Tropfsteine wachsen weiter", erklärt unser Höhlenführer, "die trockenen sind quasi tot, weil hier keine Kalktropfen mehr von der Decke fallen". Echtes Leben gibt es in der Erdmannshöhle kaum, nur hin und wieder überwuchert Moos oder giftgrüner Farn die Steine an den Stellen, an denen die LED-Beleuchtung für bessere Sicht sorgt und das Wachstum begünstigt.

Das feuchte Höhlenklima und die LED-Beleuchtung lassen an manchen Steinen grünes Moos sprießen. Bild: Sira Huwiler
Das feuchte Höhlenklima und die LED-Beleuchtung lassen an manchen Steinen grünes Moos sprießen. Bild: Sira Huwiler

Mehr als 24 000 Besucher kommen jährlich in die Höhle im idyllischen Hasel. Rund 40 Vereinsmitglieder des Heimat- und Höhlenvereins kümmern sich um Wartung, Pflege und Besucherströme.

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Alle Gänge, Säle und Nischen in der Erdmannshöhle sind auf natürlichem Wege, durch Erdverschiebungen, Erosion und Korrosion über die vergangenen 500 000 Jahre entstanden. Ist ein Besuch hier unten denn überhaupt sicher? "Absolut sicher", beruhigt mich Chevalier, "Hunderte Mini-Sonden sind in der ganzen Höhle verteilt und registrieren millimetergenau jede kleinste Verschiebung."

 

In diesem Fall würde die Höhle für Besucher sofort gesperrt werden. Denn: Wenn sich Steine verschieben, können sie Durchgänge begraben oder Wasser aus der Unterwelt könnte sich plötzlich neue Wege quer durch die Höhle suchen.

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Die Erdmannshöhle ist 2185 Meter lang. 360 Meter sind für Besucher geöffnet, der hintere Teil ist nur mit Höhlen- und Klettererfahrung begehbar. Deshalb dürfen dort nur Forscher hin. "Die freuen sich auf die Nebensaison, um dann wieder die Unterwelt wissenschaftlich oder hobbymäßig zu erkunden", so Michael Chevalier.

Naturfreund ist jetzt "Tropfsteinsüchtig"

Er selbst war früher immer Naturfreund aber nie besonders an Höhlen oder Geologie interessiert. "Doch seit ich das hier mache, bin ich Tropfstein-süchtig", lacht er. Wenn er im Dezember Urlaub in Vietnam macht, ist ein Besuch in der Hang Sung Sot Höhle auf einer Insel im Halong See geplant. "Die Höhle ist riesig und soll sehr beeindruckend sein", sagt er, "da freue ich mich gewaltig drauf".

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Ausflugsziele unter der Erde

  • Tropfsteinhöhlen: Die Erdmannshöhle in Hasel ist eine der ältesten Tropfsteinhöhlen Deutschlands. Höhepunkt ist ein Riesentropfstein, der es einst sogar ins Guinessbuch der Rekorde geschafft hat; im August und den Herbstferien täglich von 10 bis 16 Uhr, im September und Oktober an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen, 10 bis 16 Uhr geöffnet; Führungen zu jeder vollen Stunde; Eintritt: Erwachsene 4,50 Euro, Kinder 3 Euro (Internet: www.erdmannsreich.de). Ganz in der Nähe, in Rheinfelden-Karsau, liegt die Tschamberhöhle. Höhepunkt ist ein Höhlenbach, der sich am Ende der Besichtigung in einem Wasserfall die Felsen hinab stürzt; Besichtigungen nur nach Vereinbarung (Buchbar über die Tourist-Info Rheinfelden, Telefon 07623/966 87 20, E-Mail: info@tourismus-rheinfelden.de); Eintritt: Erwachsene 4 Euro, Kinder 1,50 Euro (Internet: www.tourismus-rheinfelden.de ). In der Nähe von Zürich, in Baar (Kanton Zug), locken die Höllgrotten mit einem gratis Audio-Guide und innovativer LED-Beleuchtung; noch bis 31. Oktober täglich, 9 bis 17 Uhr; Eintritt: Erwachsene 12 Franken, Kinder 6 Franken (Internet: www.hoellgrotten.ch).
  • Schau-Bergwerke: Um die Arbeit unter Tage geht es in Schaubergwerken. Im Todtmooser Hoffnungsstollen wurden ab Ende des 18. Jahrhunderts Magnetkies und Nickelerz abgebaut. Schautafeln geben auf dem Rundgang durch mehrere Stollen Hintergrundinformationen; Noch bis 31. Oktober donnerstags, samstags, sonntags und an Feiertagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet; Eintritt: Erwachsene 3 Euro, Kinder 1 Euro (Internet: www.hochschwarzwald.de/Todtmoos). Auch in Herznach (Kanton Aargau) lädt ein Bergwerk zu Führungen ein. Bis 31. Oktober am ersten Sonntag des Monats, 13 bis 17 Uhr; (Internet: http://bergwerkherznach.ch).
  • Grotten: Nicht ganz so tief unter der Erde, sondern häufig in höhlenartigen Felsvorsprüngen befinden sich Grotten. Sie ziehen weniger geologisch als viel mehr spirituell interessierte Menschen an – befinden sich doch in vielen Grotten efeuumrankte Statuen der Mutter Gottes. Die teils von der Natur, teils vom Menschen geschaffenen Hohlräume sind Orte des Gebets und der Andacht – und oft wildromantisch. Der Eintritt ist in der Regel frei. Besonders schöne Mariengrotten gibt es etwa am Hang des Waldshuter Aarberges und am Humbel in Wehr-Brennet. Der Schweizer Kanton Aargau beheimatet außergewöhnlich viele Lourdes-Grotten. Zu den 22 Orten gehören etwa Eiken, Frick, Gansingen, Hornussen, Kaisten, Mumpf, Sulz und Schupfard. Die wohl bekannteste ist die Lourdes-Grotte in Leuggern. Auch auf der deutschen Seite des Hochrheins, in Murg, gibt es eine Lourdes-Grotte.