Die Zahl der Einkaufstouristen kannte in den vergangenen Jahren nur eine Richtung – immer weiter nach oben. Seit die Schweizerische Nationalbank im Januar 2015 den Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro aufgehoben hat, zog es immer mehr Eidgenossen für den Einkauf über die Grenze. Günstige Preise und die Erstattung der Mehrwertsteuer waren verlockend. Doch diese Entwicklung scheint sich nun zu ändern. „Jede Welle bricht irgendwann mal Richtung Brandung“, sagt Jochen Seipp, Pressesprecher des Waldshuter Werbe- und Förderungskreises, zur aktuellen Entwicklung.

10,8 Millionen Ausfuhrscheine 2017

Denn erstmals seit Jahren ist am Hauptzollamt Singen, das für die Landkreise Waldshut und Konstanz zuständig ist, die Zahl der abgestempelten grünen Ausfuhrscheine deutlich gesunken – und zwar um vier Prozent. Zwar befindet sich die Zahl mit rund 10,8 Millionen Ausfuhrscheinen (2016: 11,2 Millionen) nach wie vor auf einem hohen Niveau.

Für Karlheinz Renz, Inhaber von Winnis in Waldshut (rechts), ist das Ausfüllen von Ausfuhrscheinen mittlerweile Routine.
Für Karlheinz Renz, Inhaber von Winnis in Waldshut (rechts), ist das Ausfüllen von Ausfuhrscheinen mittlerweile Routine. | Bild: Halter, Maximilian

Aber dennoch eine halbe Million unter dem Rekordjahr 2015 mit 11,28 Millionen grünen Zetteln. Auch am Hauptzollamt Lörrach ist ein Rückgang zu verzeichnen. Mit knapp 6,3 Millionen Ausfuhrscheinen waren es dort rund 100 000 weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: 2011 lag die Zahl bei beiden Hauptzollämtern zusammen bei knapp elf Millionen.

Sättigungsgrad und Kursentwicklung

Die Gründe für den ungewöhnlichen aber für viele Experten nicht ganz unerwarteten Rückgang sind vielfältig. „Im Wesentlichen sind es zwei Aspekte: zum einem das Erreichen eines gewissen Sättigungsgrades und zum anderen die aktuelle Kursentwicklung“, erklärt Jochen Seipp. Erstmals seit der Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank war der Euro im April wieder 1,20 Franken wert. Der Euro wird für die Schweizer folglich teurer, der Einkauf jenseits des Rheins lohnt sich teils weniger. Im Gegenteil: Einige Schweizer Detail-Händler erfreuen sich mittlerweile wieder an mehr deutschen Kunden.

Anpassungen des Schweizer Handels

Den Anpassungen des Schweizer Handels, insbesondere der Preise, werden von Experten wie Peter Fröhlich, Geschäftsleiter Aargauischer Gewerbeverband, als weiteren Grund für den Rückgang der Einkaufstouristen genannt. Das sieht auch Tilo Kropf, Geschäftsführer des Happy Baby Fachmarkts in Lauchringen so. Er könne für 2017 zwar keinen Rückgang an Schweizer Kunden feststellen, aber: „Der Wettbewerbsdruck steigt allerdings, da auch die Schweizer Einzelhändler nicht schlafen.“

Schweizer Kunden sind wichtig für deutsche Geschäfte

Dass Schweizer Kunden wichtig für sein Geschäft sind, daraus macht Kropf kein Geheimnis. „Schon alleine durch unseren geografischen Standort kommt ein Teil der Kunden aus der Schweiz. Da ist es nur natürlich, dass wir auch Schweizer Kunden ansprechen und diese auch einen Teil des Umsatzes ausmachen. Dieser Umsatz ist daher auch wichtig für uns“, sagt er. Insbesondere in grenznahen Einzelhandelstandorten, wie Waldshut-Tiengen, Bad Säckingen oder Konstanz, sollen Schweizer Experten-Schätzungen zu Folge rund 30 bis 50 Prozent des Umsatzes ausmachen.

Unmut über Staus und Warteschlangen

Dass bei solchen Zahlen auf deutscher Seite auch Unmut über Staus und Warteschlangen entsteht, ist für Peter Fröhlich vom Aargauischen Gewerbeverband verständlich. „Andererseits tragen viele deutsche Anbieter, zum Beispiel Möbelhäuser, mit Filialen in Grenznähe und extrem starker Werbung in Schweizer Medien ebenfalls dazu bei“, argumentiert er. Tilo Kropf hat die Werbeaktivtitäten für sein Geschäft nach eigener Auskunft nicht angepasst.

Kein Laden "nur für Schweizer"

"Wir sind jedoch in der Sortimentsauswahl immer bestrebt Produkte zu führen, die sich nicht nur der ‚vermeintlich reiche Schweizer‘ leisten kann, was ja manchen Einzelhändlern hier am Hochrhein ab und zu vorgeworfen wird. Uns sind die Kunden aus unserer Heimatregion sehr wichtig und wir möchten kein Laden ‚nur für Schweizer‘ sein“, betont er.

"Win-Win-Situation"

Das sieht Jochen Seipp vom Waldshuter Werbe- und Förderungskreis ähnlich: „Die Schweizer Kundschaft ist im Einzelhandel genauso wichtig wie die hiesigen Kunden. Für ein strukturschwaches Gebiet wie unsere Region in Südbaden freuen wir uns über jeden Besucher unserer Einkaufsstädte. Unterm Strich ist es für alle eine Win-Win-Situation und wir profitieren direkt und auch indirekt.“ Arbeits- und Ausbildungsplätze, vitale Innenstädte, attraktive Angebotsstrukturen und eine Markenvielfalt auf dem Niveau von Metropolen, sieht die IHK beispielsweise als sichtbare positive Folgen des Einkaufstourismus.

Der Hochrhein profitiert vom Einkaufstourismus

Und auch wenn die öffentliche Wahrnehmung beim Thema Einkaufstourismus vor allem durch Frust wegen vollen Parkhäusern und langen Kassenschlangen geprägt zu sein scheint, belegen Zahlen, dass die Region am Hochrhein davon auch profitiert. So ist einer Einzelhandelsanalyse des Regionalverbands Hochrhein-Bodensee zufolge, die Verkaufsfläche in Grenznähe überdurchschnittlich hoch.

Rund 4100 Einzelhandelsbetriebe nehmen demnach 1,4 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche ein. Für den Regionalverband, der die Landkreise Lörrach, Waldshut und Konstanz einnimmt, bedeutet dies ein Durchschnitt von 2104 Quadratmetern auf 1000 Einwohner. Deutlich mehr als der bundesweite Durchschnitt, der bei 1500 Quadratmetern (Deutschland) und 1800 Quadratmetern (Schweiz) liegt.

Waldshut-Tiengen ist Spitzenreiter

Spitzenreiter sind hier die Mittelzentren Waldshut-Tiengen (5030 Quadratmeter auf 1000 Einwohner) und Bad Säckingen (3494 Quadratmeter auf 1000 Einwohner). Speziell die städtischen Zentren in Grenznähe profitieren auch teils deutlich von einem Kaufkraftzufluss. Grenzstädte verzeichnen alle mehr oder weniger ausgeprägte Kaufkraftzuflüsse, sind Nutznießer regionaler wie grenzüberschreitender Kaufkraftströme. Auch hier liegt Waldshut-Tiengen mit 225 Prozent, gefolgt von Jestetten (196 Prozent) und Bad Säckingen (181 Prozent) an erster Stelle. „Der Kaufkraftzufluss signalisiert, dass es sich lohnt den Einzelhandel und Gastronomie am Hochrhein zu besuchen“, ist Jochen Seipp zufrieden. Trotz und dank der Schweizer Kunden.

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