Das Thema taucht immer mal wieder auf, dieses Mal aber von ungewohnter Seite: Landesverkehrsminister Winfried Hermann will den Unterrichtsbeginn an Schulen im Land nach hinten verschieben und zeitlich staffeln. Der Grund: Hermann verspricht sich davon eine Entzerrung der morgendlichen Rush-Hour. Von Kultusministerin Eisenmann kommt Schützenhilfe: Eine Entzerrung des morgendlichen Verkehrs hält sie für sinnvoll. Allerdings sollen die Schulen den Unterrichtsbeginn selber regeln. Allerdings hängt nicht nur der Verkehr am Schulbeginn. Auch die Lebensplanung vieler Familien ist dadurch bestimmt. Wir haben deshalb nachgefragt: Was halten denn Familien von dieser Idee. Vier Mütter aus der Region mit schulpflichtigen Kindern sagen, was sie davon halten.

„Für mich als Pendlerin wäre das Ganze super, aber als Mama finde ich es schrecklich“ – Vita Schwarz, Bad Säckingen
„Für mich als Pendlerin wäre das Ganze super, aber als Mama finde ich es schrecklich“ – Vita Schwarz, Bad Säckingen | Bild: Rank, Marion
  • Vita Schwarz: „Unterrichtsbeginn zur zweiten Stunde wäre eine Katastrophe,“ sagt die 46-Jährige aus Obersäckingen. Die medizinische Praxisassistentin arbeitet in Möhlin in der Schweiz und muss spätestens um 7.25 Uhr aus dem Haus, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Ihr neunjähriger Sohn, der die Grundschule in Obersäckingen besucht, verlässt gleichzeitig mit ihr das Haus. „So sehe ich, dass er zu seinem Freund läuft und die beiden sich gemeinsam auf den Weg zur Schule machen.“ Würde sie vor ihrem Sohn das Haus verlassen, weil er später zum Unterricht müsste, hätte sie keine Ruhe. Vita Schwarz: „Ich würde mir Sorgen machen.“
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Im Moment kann Vita Schwarz sicher sein, dass er rechtzeitig aufsteht, Zähne putzt, sich wäscht und rechtzeitig in die Schule geht – „und wir können gemeinsam frühstücken.“ In der Praxis habe sie mit ihrem Handy keinen Empfang, sagt Vita Schwarz, müsste also für den täglichen Kontrollanruf das Geschäftstelefon benutzen. Die Stunde am Morgen würde im Übrigen am Nachmittag fehlen, ist sich Schwarz sicher: „Man hat weniger vom Nachmittag, alles beginnt später, angefangen vom Mittagessen bis zu den Hausaufgaben.“ Dass die eine Stunde das hohe Verkehrsaufkommen verhindern würde, glaubt Vita Schwarz nicht. „Man würde alles nur nach hinten verschieben. Als reine Pendlerin könnte ich ja fünf Minuten früher gehen. Für mich als Pendlerin wäre das Ganze super, aber als Mama finde ich es schrecklich.“

„Ich fände die Verschiebung des Unterrichtsbeginnes nach hinten grundsätzlich schlecht, weil sich alles nach hinten rauszieht“ – Katharina Hering, Bad Säckingen
„Ich fände die Verschiebung des Unterrichtsbeginnes nach hinten grundsätzlich schlecht, weil sich alles nach hinten rauszieht“ – Katharina Hering, Bad Säckingen | Bild: Rank, Marion
  • Katharina Hering, 37, aus Obersäckingen, Mutter eines neunjährigen Sohnes, der die dritte Klasse der Grundschule in Obersäckingen besucht, sieht das ähnlich: „Ich fände die Verschiebung des Unterrichtsbeginnes nach hinten grundsätzlich schlecht, weil sich alles nach hinten rauszieht.“ Denn besonders in den weiterführenden Schulen kämen die Kinder sowieso schon später nach Hause, begründet die Zollbeamtin ihre Meinung. „Ich bin zwar flexibel in meinem Job, aber es wäre morgens eine Stunde weniger. Ich gehe lieber eine Stunde früher zur Arbeit.“ Dass der spätere Schulbeginn etwas am hohen Verkehrsaufkommen am Morgen in Bad Säckingen ändern würde, glaubt Katharina Hering nicht. „Dafür sind andere Sachen verantwortlich.“ Die Zollbeamtin fährt morgens zwischen 7.30 und 7.45 Uhr zur Arbeit. Bereits kurze Zeit später sei das Verkehrsaufkommen nicht mehr so hoch. Das habe sie schon festgestellt, als sie doch einmal später, etwa erst um 7.50 Uhr, zur Arbeit fuhr. Ihrer Meinung nach würde es schon helfen, das Verkehrsaufkommen um diese Zeit zu verringern, wenn mehr Berufspendler, also wenigstens jene, die hier in der Nähe arbeiten, mit dem Rad zur Arbeit fahren würden.

„Für viele Alleinerziehende wäre ein späterer Schulbeginn ein Riesenproblem“ – Nicole Kammerer, Oberhof
„Für viele Alleinerziehende wäre ein späterer Schulbeginn ein Riesenproblem“ – Nicole Kammerer, Oberhof | Bild: Irmgard Kaiser
  • Nicole Kammerer: Die 34-jährige Mutter von zwei Jungs (Jason, 13 und Devin, 11) aus Oberhof ist gar nicht begeistert von einem späteren Schulbeginn: „Diese Idee ist totaler Schwachsinn“, meint die alleinerziehende Mutter. „Gerade in der heutigen Zeit, in der viele alleinerziehend sind oder beide Elternteile arbeiten müssen, weil sie sonst nicht existieren können, wäre ein späterer Schulbeginn ein Riesenproblem“, sagt sie. Nicht jeder habe das Glück eine Oma oder einen Opa vor Ort zu haben, die die Kinder dann vor Schulbeginn betreuen könnten. Wenn die Betreuung in jeder Schule ab 7 Uhr gewährleistet wäre, sähe dies schon anders aus, meint sie. Aber dann stelle sich auch die Frage des Mittagessens und der Betreuung in der Mittagszeit.

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Den Wunsch, das Verkehrschaos in den frühen Morgenstunden zu verringern, versteht die Oberhofer Mutter schon, doch es darf ihrer Ansicht nach keinesfalls auf Kosten von Eltern und Kinder gehen. Eher sieht sie eine Möglichkeit darin, die Eltern zu motivieren, mehr auf öffentliche Verkehrsmittel zurückzugreifen oder wenn diese nicht möglich sind, so weit als möglich Fahrgemeinschaften zu bilden.
Auch das Argument, die Aufnahmefähigkeit der Kinder steige ab 9 Uhr deutlich an, stellt Nicole Kammerer in Frage. Dann verlagere sich das Konzentrationsloch in die Mittagszeit, wenn Kinder Hunger bekommen. Zudem wirke sich ein Eingriff auch auf das Familienleben aus, wenn die gemeinsamen Mahlzeiten entfallen, weil jeder zu einer anderen Zeit Mittagspause hat.

„Ich fände einen späteren Unterrichtsbeginn super, Jugendliche brauchen morgens ohnehin länger“ – Lisbeth Jäckel, Wehr
„Ich fände einen späteren Unterrichtsbeginn super, Jugendliche brauchen morgens ohnehin länger“ – Lisbeth Jäckel, Wehr | Bild: SK
  • Lisbeth Jäckel aus Wehr, 39, kann dem Vorstoß Hermanns jedoch Positives abgewinnen. „Als Hausfrau fände ich einen späteren Unterrichtsbeginn super. Die Kleinen werden früher wach, Jugendliche brauchen morgens ohnehin länger“, so Lisbeth Jäckel. Die Mutter von drei Kindern, davon zwei im schulpflichtigen Alter, kennt als Elternbeirätin auch die Situation vieler Eltern vor Ort. Ihre Söhne besuchen aktuell die Grundschule, wie viele Kinder gehen sie zu Fuß oder werden von den Eltern auf deren Arbeitsweg zur Schule gebracht. „Ein Nachteil ist natürlich, dass am Nachmittag weniger Zeit für alle bleibt“, so Jäckel weiter. Eine sehr große Hürde sei der öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum: „In Wehr gibt es eine weiterführende Schule, darum fahren kaum Schulbusse nach außerhalb. Diese Rahmenbedingungen müssen erst einmal gelöst werden.“