Emily taucht den Pinsel in die gelbe Wasserfarbe. Ihre Zungenspitze blitzt im Mundwinkel als sie mit dem Pinsel über das kleine Stück Papier streicht. Blau und Grün, etwas Gelb: Die Flügel des Schmetterlings werden immer farbenfroher. So wie die Bastelarbeiten ihrer 17 Mitschüler der zweiten Klasse der Grundschule im Murger Ortsteil Niederhof. Doch wie bunt die Schmetterlinge sind, kann das blonde Mädchen nicht sehen. Denn die achtjährige Emily ist fast blind.

Damit Emily ihren Schulalltag bewältigen kann, bekommt sie Unterstützung von Linda Oeschger. Die 18-Jährige absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und begleitet ihren Schützling im Schulalltag. Die beiden sind ein gutes Team. „Ich habe es noch keine Sekunde bereut, mich für die Unterstützung von Emily entschieden zu haben“, sagt Linda Oeschger. Sie selbst kommt aus Laufenburg, absolvierte nach der Realschule das Berufskolleg Fremdsprachen in Bad Säckingen.

Das erste Treffen zeigt: Emily und Linda harmonieren

„Im November 2016 habe ich bei Facebook die Anzeige entdeckt, dass eine FSJ-Kraft für Emily gesucht wird. Dann habe ich mich sofort beworben.“ Nach einem ersten Kennenlernen war klar, dass die Chemie stimmt. Rasch war sie sich mit der gemeinnützigen Gesellschaft für Familienhilfe mbH (GfFH) des Landkreises Waldshut, die die Unterstützungsleistungen für Schüler mit Beeiträchtigungen koordiniert, einig und konnte das FSJ im September 2017 beginnen.

"Mit den Fingern sehen": Für Emily (8) ist der Tastsinn wichtig.
"Mit den Fingern sehen": Für Emily (8) ist der Tastsinn wichtig. | Bild: Olheide, Monika

Wie befremdlich es für den Außenstehenden sein mag, dass ein blindes Mädchen mit Wasserfarben malt, so verständlich ist der Wunsch nach größtmöglicher Normalität für Kinder und Jugendliche – ungeachtet körperlicher Beeinträchtigung. Das Konzept der Einzelinklusion, das seit 2015 im Aufgabenbereich der GfFH liegt, trägt dem Rechnung. Emily ist eines von aktuell zehn Kindern im Landkreis Waldshut, das trotz Beeinträchtigung an einer Regelschule unterrichtet wird. Die Verantwortlichen sprechen davon, dass "zielgleich unterrichtet" wird.

Unterstützung durch Technik

Das heißt, Emily lernt den selben Unterrichtsstoff wie ihre Klassenkameraden. Damit das gelingt, ist Linda Oeschger an ihrer Seite. Sie baut beispielsweise den Computer auf, denn Emily nutzt eine besondere Tastatur, mit der sie in Blindenschrift schreiben kann. Dafür müssen Texte und Dateien auch von der FSJ-Kraft am Computer bearbeitet werden, damit die Zweitklässlerin sie nutzen kann. Doch ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit ist das Ziel: Beinahe unauffällig bewegt sich Emily durch den Klassenraum, der Umgang mit ihren Mitschülern ist freundlich und in den Pausen auf bekanntem Terrain kommt sie gut ohne ihre Begleiterin zurecht.

Simone Thalmann ist Sonderpädagogin der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn und besucht einmal wöchentlich den Unterricht in Niederhof. Sie sagt: "Es ist unheimlich toll mitzuerleben, wie Emily integriert wird und mit Unterstützung durch die FSJ-Kraft mit der Herausforderung zurechtkommt."
Simone Thalmann ist Sonderpädagogin der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn und besucht einmal wöchentlich den Unterricht in Niederhof. Sie sagt: "Es ist unheimlich toll mitzuerleben, wie Emily integriert wird und mit Unterstützung durch die FSJ-Kraft mit der Herausforderung zurechtkommt." | Bild: Simone Thalmann

Der Einsatz von Linda Oeschger wird im Lehrerkollegium der Grundschule geschätzt. „Die FSJ-Kraft ist eine wichtige Unterstützung“, sagt Klassenlehrerin Jessica Becker. Oft werden Ideen ausgetauscht, Umsetzungsmöglichkeiten besprochen. Die pädagogische Verantwortung liegt bei den Lehrern, doch oft gibt es nützliche Hinweise und Ideen.

"Unsere Gesellschaft ist stark visuell geprägt, das merkt man insbesondere im Umgang mit blinden Menschen", sagt Simone Thalmann. Die Sonderpädagogin der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn kommt einmal in der Woche nach Niederhof. Sie kümmert sich um die spezielle Förderung von Emily, unterstützt und berät aber auch Lehrer und Begleiter. "Es ist unheimlich toll mitzuerleben, wie Emily integriert wird und mit Unterstützung durch die FSJ-Kraft mit der Herausforderung zurechtkommt", sagt Simone Thalmann.

Unterschiedliche Schwerpunkte

Tatsächlich ist keine FSJ-Stelle wie die andere und die Herausforderungen sind immer andere. So auch im Fall der 20-jährigen Morena Eckert, die nach den Sommerferien die elfte Klasse des Scheffel-Gymnasiums in Bad Säckingen besuchen möchte. Damit das gelingt, ist eine Unterstützung im Unterricht unerlässlich.

Seit ihrer Erkrankung im Jahr 2011 ist die junge Frau in ihrer Feinmotorik stark beeinträchtigt und sitzt in einem Rollstuhl. „Mein Ziel ist es, das Abitur zu machen“, sagt sie und ihre Augen leuchten. Einfach wird das nicht werden, denn Sitzen und vor allem das Schreiben bereiten ihr immense Probleme und starke Schmerzen: „Es gibt gute und schlechte Tage“.

Morena Eckert (20) besucht das Scheffel-Gymnasium in Bad Säckingen. Für das kommende Schuljahr sucht sie nach einer FSJ-Kraft, die sie im Unterricht unterstützt.
Morena Eckert (20) besucht das Scheffel-Gymnasium in Bad Säckingen. Für das kommende Schuljahr sucht sie nach einer FSJ-Kraft, die sie im Unterricht unterstützt. | Bild: Olheide, Monika

Im September 2017 kämpfte sich Morena Eckert zurück an ihre alte Schule. Mit Unterstützung von drei Mitarbeiterinnen der GfFH konnte sie die zehnte Klasse absolvieren. Nun sucht sie gemeinsam mit der GfFH eine FSJ-Kraft für das kommende Schuljahr, die vor allem im Unterricht mitschreibt. Kein einfacher Job, denn der Unterrichtsstoff ist anspruchsvoll. „Es ist unabdingbar, dass meine Unterstützung Muttersprachler ist und vielleicht selbst sogar Abitur beziehungsweise großes Interesse an den Inhalten hat.“ Ab kommendem Schuljahr wird ein Lehrer die Klassenarbeiten nach Diktat für sie schreiben. Doch der allgemeine Unterrichtsstoff ist eine Herausforderung. Ob es nicht einfacher wäre, eine spezielle Einrichtung zu besuchen? „Vielleicht wäre es einfacher, aber ich möchte nicht aus Bad Säckingen weg. Hier habe ich meine Familie, meine Freunde, mein soziales Umfeld – mein Leben.“

„Jeder Fall ist einzigartig und muss individuell für sich gesehen werden“, sagt Rudi Kappeler, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft für Familienhilfe mbH (GfFH).
„Jeder Fall ist einzigartig und muss individuell für sich gesehen werden“, sagt Rudi Kappeler, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft für Familienhilfe mbH (GfFH). | Bild: Gemeinnützige Gesellschaft für Familienhilfe mbH (GfFH)

Etwa drei bis vier Monate dauert es erfahrungsgemäß, bis sich eine FSJ-Kraft eingearbeitet hat, bis alle Handgriffe sitzen und genug Sicherheit da ist. "Dann macht es wirklich viel Spaß, weil ich auch meine eigene Kreativität mit einbringen darf", schwärmt Linda Oeschger. Je nach Begabung und Beeinträchtigung des Kindes können FSJ-Kräfte eigene Ideen umsetzen.

Eigene Ideen sind gefragt

"Ich habe in diesen Monaten unheimlich viel gelernt“, sagt Linda Oeschger. Über Technik, über die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen und über Wissensvermittlung. Doch auch persönlich hat sich die 18-Jährige entwickelt: „Ich habe gemerkt, wie ungeduldig ich manchmal war und auch, wie sehr mich plötzliche Planänderungen aus dem Konzept gebracht haben. Mittlerweile bin ich viel gelassener.“

Malen mit Wasserfarben: Emily (8) mit ihrer FSJ-Kraft Linda Oeschger und Simone Thalmann vom sonderpädagogischen Dienst für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche in Schramberg-Heiligenbronn.
Malen mit Wasserfarben: Emily (8) mit ihrer FSJ-Kraft Linda Oeschger und Simone Thalmann vom sonderpädagogischen Dienst für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche in Schramberg-Heiligenbronn. | Bild: Olheide, Monika

Linda Oeschgers FSJ endet am Ende des Schuljahres. Wie es für sie weitergeht, steht zwar noch nicht ganz fest, aber die Richtung ist klar: „Ich möchte auf jeden Fall weitere Erfahrungen im sonderpädagogischen Bereich sammeln und mich dann für einen Schwerpunkt entscheiden.“ Eine neue FSJ-Kraft wird dann ihre Aufgaben übernehmen, damit Emily auch in der dritten Klasse in Niederhof bleiben kann, was sie ist: Eine fröhliche Schülerin, die Spaß am Unterricht hat.

Schülerbegleitung im Kreis Waldshut

Einen Einblick in die Aufgaben der gemeinnützigen Gesellschaft für Familienhilfe (GfFH) und das Konzept der Einzelinklusion gibt Geschäftsführer Rudi Kappeler.

  • Das Aufgaben: Das Zuständigkeitsspektrum der GfFH, die aktuell rund 160 Mitarbeiter beschäftigt, umfasst Sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehungsbeistandschaften, Soziale Gruppenarbeit, Betreuung und Begleitung von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden und Integrationshilfe nach den Regelungen des Sozialgesetzbuchs. Für Kinder und Jugendliche mit körperlicher und/oder geistiger Beeinträchtigung können Integrationshelfer in Kindertagesstätten und Schulen eingesetzt werden, um eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen.
  • Die Situation im Kreis: Derzeit werden zehn Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung an einer Regelschule unterrichtet. Koordiniert werden die Unterstützungsleistungen für Schüler von der GfFH. Das Feld, dass die GmbH des Landkreises Waldshut in diesem Bereich abdeckt, ist aber weiter. Mehr als 130 Kinder und Jugendliche profitieren im Kreis von Integrationshilfen im Bildungsbereich. Dabei wird unterschieden: 20 Fälle betreffen Autismusspektrumsstörungen und sind der Jugendhilfe zuzurechnen, 50 Kindergartenkinder werden in integrativen Gruppen gefördert und 47 Kinder und Jugendliche werden in Gruppenlösungen unterrichtet – für sie gibt es ein spezielles sonderpädagogisches Bildungsangebot.
  • Das erwartet FSJ-Kräfte: Wer sich für ein freiwilliges soziales Jahr im Bereich Integrationshilfe entscheidet bekommt eine monatliche Vergütung von 590 Euro. Darüber hinaus sind regelmäßige Seminare vorgesehen, die der Weiterqualifikation und dem Austausch dienen. „Wir haben den Anspruch gute FSJ-Stellen anzubieten“, betont Babette Stolz, Fachbereichsleiterin Integrationshilfe. Die FSJ-Stellen der gemeinnützigen Gesellschaft für Familienhilfe (GfFH) werden mit dem Deutschen Roten Kreuz angeboten. Das Regio Büro für die FSJ befindet sich in Lörrach und ist unter http://www.drk-baden-freiwilligendienste.de zu finden.
  • Der Kontakt: Da jeder Schüler mit Beeinträchtigung unterschiedliche Bedürfnisse hat, weichen auch die Aufgaben einzelner FSJ-Kräfte voneinander ab. „Jeder Fall ist einzigartig und muss individuell für sich gesehen werden“, sagt GfFH-Geschäftsführer Rudi Kappeler. Wer sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr interessiert, kann sich mit Babette Stolz per Telefon 07751/864715 oder E-Mail an babette.stolz@gffh.de in Verbindung setzen. Informationen gibt es unter http://www.gffh.de