Viel mühsamer als erwartet ist der Weg junger Flüchtlinge in die deutsche Arbeitswelt – für die ausländischen Schüler wie auch für ihre Lehrer. Vor Kreisräten gab der Koordinator der Flüchtlingsklassen im Landkreis einen ernüchternden Erfahrungsbericht. Albrecht Müller hält Abstriche auf beiden Seiten für notwendig: bei den Anforderungen der Ausbildung und bei den Wunschvorstellungen der Asylbewerber über ihre Zukunft.

Das Bildungsangebot für Flüchtlinge wurde aufgestockt

Das Angebot an Qualifizierungsklassen zwischen der Hauptschule und einer Ausbildung wurde aufgestockt. Dem „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf für berufsschulpflichtige Jugendliche ohne Deutschkenntnisse“, abgekürzt VABO, schließt sich ein „Qualifizierungsjahr Arbeit/Beruf in der Regelform, abgekürzt VAB(R), an.

Schwerpunkt auf Deutschunterricht

Das erste Angebot der Beruflichen Schulen in Bad Säckingen und Waldshut-Tiengen, das viele Schüler mangels Erfolg wiederholen müssen, hat mit 15 Wochenstunden Deutschunterricht einen Schwerpunkt im Spracherwerb. Das Kennenlernen der Gesellschaft und ihrer Werte sowie die Unterstützung der Integration im Alltag sind weitere Hilfen auf dem Weg zur Ausbildungsreife.

Auch Kenntnisse in Mathematik fehlen den jungen Flüchtlingen

Für die normale Berufsschule und eine Lehre fehlt es neben der Sprache meist auch an Mathematik. Das zweite Qualifizierungsangebot in der Regelform führt die Sprachförderung weiter, ergänzt durch praxisorientierte Lerninhalte, nah an der Berufspraxis.

Völlig unterschiedliche Voraussetzungen

Über seine Erfahrungen berichtete im Schulausschuss des Kreistags der stellvertretende Leiter der Gewerblichen Schulen Waldshut, Albrecht Müller, der den Unterricht für berufsschulpflichtige Migranten im Kreis koordiniert. Es seien Schüler mit völlig verschiedenen familiären, politischen, religiösen und sprachlichen Hintergründen. Müller lobte das Engagement der Pädagogen, die teilweise mit befristeten Arbeitsverträgen arbeiten.

Lehrerinnen kämpfen erfolgreich gegen das Frauenbild an

Besonders die Lehrerinnen hätten es mit großer Hartnäckigkeit geschafft, ihre Autorität gegen überkommene Frauenbilder bei den Schülern durchzusetzen. „Am Ende haben das alle akzeptiert“, freute sich Müller. Mühsam sei durchzusetzen gewesen, dass Regeln für alle gelten, nationale und religiöse Konflikte draußen bleiben müssen. Die Verantwortlichen hätten sicher viel bewirkt, aber „keine Wunder“.

Bei jungen Flüchtlingen ist der Förderbedarf größer als gedacht

Das Fazit: Der Förderbedarf der jungen Ausländer ist weit höher als vermutet, an Ausbildungsreife für einen qualifizierten Beruf ist für viele nicht zu denken. Bisher habe noch kein Absolvent eine Ausbildung abgeschlossen. Die „Bildung, die sie mitbringen, ist nicht vergleichbar mit unserer“, viele seien hier, „die nie eine Ausbildung schaffen werden“. Er gab Kreisrat Ulrich Schoo (SPD) Recht in der Einschätzung, dass viele dennoch mit ihren praktischen Fertigkeiten den Sprung in die Arbeitswelt schaffen werden. Trotz der Mühsal sieht Albrecht Müller keine Alternative zu den Schulangeboten.

Viele Ausbildungen werden abgebrochen

Auch im nächsten Schritt tun sich die jungen Migranten schwer, berichtete Christian Herz, Leiter der Waldshuter Bildungsakademie des Handwerks. Von bisher 217 Ausbildungsverhältnissen in den fünf Landkreisen der Handwerkskammer Konstanz seien 45 Prozent abgebrochen worden. Hauptgrund: Es fehlt an Sprachkenntnissen und am theoretischen Hintergrund für die Ausbildung. Aber: „Praktisches, händisches Arbeiten beherrschen sie.“

Pilotprojekt mit individuellem Lehrplan

Die Kammer startete deshalb ein Pilotprojekt für die Flüchtlinge. Auszubildende und Praktikanten sollen nach ihren individuellen Bedürfnissen mit einem individuellen Lehrplan für die theoretischen Grundlagen gefördert werden. Das Engagement der Handwerkskammer sei ganz im Sinne des Berufsschulträgers Landkreis, versicherte Landratstellvertreter Jörg Gantzer dem Handwerksvertreter.

 

Internationale Klassen

220 Jugendliche aus Asien, Afrika und (dem südlichen und östlichen) Europa werden an Beruflichen Schulen im Kreis Waldshut derzeit in 11,5 Qualifizierungsklassen auf eine Ausbildung vorbereitet: sieben Klassen in Bad Säckingen und 4,5 in Waldshut. Die Handwerkskammer bietet an der Waldshuter Bildungsakademie Flüchtlingen in Ausbildung oder Praktikum zusätzlichen Grundlagenunterricht an.