Die russische Kriegsgefangenschaft galt bereits im Ersten Weltkrieg als die härteste. Nach einem zeitgenössischen Sanitätsbericht starben von den etwa 170 000 deutschen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs in Russland von allen Ländern die meisten – knapp 40 Prozent. Der am 3. März 1918 zwischen Deutschland und Russland geschlossene Frieden bedeutete die Entlassung aus den Lagern. Nur ein Teil der Gefangenen kehrte in Sammeltransporten in die Heimat zurück, die anderen mussten sich auf eigene Faust nach Hause durchschlagen. Ursache war der bis 1922 herrschende russische Bürgerkrieg, in dessen Chaos eine geordnete Übergabe der Gefangenen, vor allem in Sibirien, unmöglich war.

Große Schwierigkeiten

„Seit Abschluss des Friedens ist schon eine große Anzahl gefangener Deutscher zurückgekehrt“, informierte der Alb-Bote am 29. August 1918. „Viele haben die weite Reise unter großen Schwierigkeiten auf eigene Faust gemacht, andere, vor allem Invaliden und Kranke, sind in geschlossenen Transporten über die Grenze gekommen. Dieser Zustrom hat in letzter Zeit nachgelassen. Der Hauptgrund dafür ist der Vormarsch der Tschechoslowaken (von den damals in Russland lebenden 100 000 Tschechoslowaken kämpften etwa 15 000 Mann im Bürgerkrieg gegen die Rote Armee, Red.), durch den der schon vielfach vorbereitete Abtransport aus Sibirien und den östlichen Gouvernements unterbrochen wurde.

Schweden setzt sich ein

Die westlichen Gouvernements im europäischen Russland dagegen sind dank der erfolgreichen Tätigkeit unserer deutschen Kommissionen schon größtenteils von den Gefangenen geräumt. Nunmehr versuchen schwedische Kommissionen, die von deutschen Rot-Kreuz-Schwestern begleitet werden, nach Sibirien zu gelangen, um die noch dort befindlichen schwedischen Delegierten in der Gefangenenfürsorge zu unterstützen.“

Bürgerkrieg behindert Rückkehr

Der Artikel vom 29. August 1918 geht auch auf die Bemühungen schwedischer Kommissionen ein, den Abtransport der Gefangenen aus Sibirien durchzusetzen, was bei der Verworrenheit der dortigen Verhältnisse noch nicht zu übersehen sei. Ferner werde man erneut versuchen, auch deutsche Kommissionen nach Sibirien zu entsenden. Zum Schluss des Artikels heißt es: „Die hier geschilderten Verhältnisse erklären das lange Ausbleiben der deutschen Kriegsgefangenen. Grund zur Beunruhigung liegt für die Angehörigen nicht vor. Sie dürfen versichert sein, dass von deutscher Seite auch weiterhin alles geschieht, um die Gefangenen in Russland zu schützen und zu versorgen und ihren Rücktransport nach Möglichkeit zu beschleunigen.“

Einzelschicksal eines Mannes aus Rhina

Wie es einem deutschen Kriegsgefangenen erging, der sich allein nach Hause durchschlug, geht aus diesem Alb-Bote-Bericht vom 3. September 1918 hervor: „Große Freude wurde der Familie Bernhard Baumgartner in Rhina zuteil. Ihr Sohn Eugen, seit Januar 1916 in russischer Gefangenschaft, kam wohlbehalten zurück. Vieles hat er in den zweieinhalb Jahren mitzumachen, Schweres zu erdulden; selbst die Knute bekam er zu kosten. Als es im Frühjahr mit Russland Frieden ward, wurde er, der bei Perm am Ural als Holzhauer beschäftigt war, auf freien Fuß gestellt, ohne Geldmittel, ohne genügende Kleider, ohne Heimbeförderung, einfach entlassen, hinten am Ural, 3500 Kilometer von der Heimat.“

Schock nach glücklicher Heimkehr

Also musste sich Eugen Baumgartner auf eigene Faust durchschlagen. „Es gelang ihm“, heißt es im Artikel weiter, „zu Schiff auf Kama und Wolga nach Kasan und Nischni-Nowgorod zu kommen; dann ging’s auf Schusters Rappen, unbehelligt und ganz allein, 400 Kilometer auf der großen Staatsstraße nach Moskau. Hier erreichte ihn die deutsche Fürsorge, die ihn aller Not enthob und ihn über Warschau, wo er noch eine kurze Sperrfrist abzuwarten hatte, mit der Bahn in die Heimat brachte. Er ist überglücklich, wieder daheim zu sein! Schmerzlich war es ihm aber, zu vernehmen, dass sein älterer Bruder Bernhard gefallen, sein jüngster in französischer Gefangenschaft ist.“