US-Präsident Donald Trump straft Europa mit Zöllen auf Stahl und Aluminium. Sollte er auch noch den Import von Autos mit höheren Zöllen belegen, dann ist es vorbei mit der von den USA seit 70 Jahren geprägten Weltordnung mit freiem Handel und sich frei entfaltender Länder. Aufschlussreich ist deshalb, wie die vor 148 Jahren noch nicht als Weltmacht geltenden USA aus deutscher Sicht gesehen wurden.

1870 war Amerika 94 Jahre alt

"Es ist in hohem Grade interessant, die Wechselwirkungen zu beobachten, welche in neuester Zeit die beiden Hemisphären, die alte und die neue Welt, auf einander ausüben", beginnt ein Artikel, der unter dem Titel "Amerika und Europa" am 18. Juni 1870 im Alb-Bote erschien. Die Vereinigten Staaten waren gerade mal 94 Jahre alt und zählten kaum mehr als zehn Prozent der im Jahr 2018 in den USA lebenden 323 Millionen Menschen.

"Mit Hilfe der Verbindungsmittel der Neuzeit, der Eisenbahnen, Telegraphen und Dampfschiffe, sind sich die beiden Weltteile näher als irgend welche anderen getreten, und es findet täglich nicht nur der vollste Austausch der Ideen, sondern auch ein höchst merkwürdiger Wechsel und Tausch der Bewohner, eine eigentliche friedliche Völkerwanderung statt."

Der Artikel geht zunächst auf die nach Nordamerika ausgewanderten Menschen aus dem übervölkerten Europa ein, durch deren fortdauernde Einwanderung sich die Bevölkerung der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert mehr als verzehnfacht habe und bereits nahezu 40 Millionen betrage.

Viele Touristen aus Amerika

"Seit einigen Jahren hat uns Amerika dagegen besonders in der schönen Jahreszeit eine beträchtliche Menge von Touristen und anderen Besuchern von kürzerem oder längerem Aufenthalte geschickt", heißt es dann in dem Beitrag über eine wenig bekannte Reiselust der damaligen Amerikaner.

"Sicherem Vernehmen nach verspricht dieser amerikanische Wanderzug nach Europa in diesem Jahre größere Dimensionen anzunehmen als je zuvor. Für den Monat Mai waren fast schon alle Plätze auf den verschiedenen Dampferlinien zum Voraus besetzt. Viele amerikanische Geschäftsleute beabsichtigen, ihre Familien auf mehrere Jahre herüber nach Europa zu schicken, weil das Leben im alten Weltteile angenehmer und daneben viel billiger als in den von hohen Schutzzöllen und Steuern gedrückten Staaten ist."

In deutschen Städten entstehen amerikanische Kolonien

Weiter geht es mit der Überraschungswert beinhaltenden Nachricht, dass sich "in Folge dieses Wanderstroms an manchen Orten Deutschlands bereits amerikanische Kolonien gebildet haben. In Dresden, Heidelberg, Stuttgart, Darmstadt oder Berlin leben eine Menge amerikanischer Familien, deren Anzahl fortwährend im Wachsen begriffen ist und die vielleicht mit der Zeit ganze amerikanische Quartiere bilden werden. Ein Umstand, der hauptsächlich zu dieser Auswanderung beiträgt, ist die bessere Garantie für moralische Erziehung der Kinder, die besonders in Deutschland geboten wird".

Zwei Klassen von Reisenden

Nach diesem Exkurs mit dem moralisch fragwürdigen Versuch, die junge Demokratie der USA mit dem alten Europa der Monarchien zu vergleichen, heißt es in dem Artikel weiter, dass sich "die amerikanischen Reisenden jetzt in zwei Klassen einteilen. Die eine kommt zu uns, um sich im Glanze ihres Reichtums zu zeigen. Diese Klasse hält sich hauptsächlich in Paris auf, oder bereist den Kontinent im Sturmschritt und verwöhnt alle Kleinhändler, Hotelbesitzer, u.s.w. durch den Leichtsinn, womit sie das Geld zum Fenster hinauswirft. Die andere, für uns wichtiger Klasse, kommt herüber, weil das Leben hier billiger und die Erziehung eine bessere ist als in Amerika. Letztere zieht die kleineren, erstere die großen Städte vor. Beide jedoch liefern Stoff für den Beobachter und werden viel dazu beitragen, die Vorurteile aufzuklären und zu bekämpfen, welche man noch an vielen Orten gegen Amerika hegt".