Die Versorgungslage der im Ersten Weltkrieg unter Lebensmittelknappheit leidenden deutschen Bevölkerung verbesserte sich nach Kriegsende nur allmählich. Umso mehr blühten in der ersten Hälfte des Jahres 1919 Schmuggel, Schleichhandel und Schiebertum. Der Kommunalverband Waldshut, damals für die Versorgung der Landkreisbevölkerung mit Lebensmitteln zuständig, sagte im Mai 1919 diesen Auswüchsen den Kampf an.

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„Es wird allgemein lebhaft darüber geklagt, dass sich in Grießen und Geißlingen zahlreiche Ortsfremde als Schmuggler niedergelassen haben, ohne polizeilich angemeldet zu sein oder Ausweispapiere zu besitzen“, heißt es im Protokoll der Sitzung des Kommunalverbands vom 23. Mai 1919. „Dieselben würden in unerhörter Weise hamstern und Lebensmittel nach Hause schicken. Allen diesen Ortsfremden soll mit sofortiger Wirkung der weitere Aufenthalt in den genannten Gemeinden verboten und außerdem den Einwohnern untersagt werden, Ortsfremde zu beherbergen.“ Außerdem setzte der Kommunalverband Belohnungen für das Polizei- und Gendarmeriepersonal für Erfolge bei der Bekämpfung des Schleichhandels und der Geheimschlachtungen aus.

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Die jetzt angekündigten energischen Schritte gegen Schieber und Schleichhändler, die sich in einzelnen Orten des Landkreises, vor allem im Klettgau, zu Hunderten eingenistet hatten, wurde von einem kommentierenden Artikel im Alb-Bote vom 3. Juni 1919 lebhaft begrüßt. Es sei höchste Zeit, „diesen Blutsaugern das Handwerk zu legen“, denn die Preise für Eier, Butter und dergleichen seien für Familien mit kleinen Einkommen unerschwinglich. So sei es schon vorgekommen, dass für ein Ei 1,20 Mark verlangt worden seien. Es ist höchste Zeit, dass eingeschritten und kräftig zugegriffen wird.“

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„Schieber ade“ hieß die Überschrift dieser am 5. Juni 1919 im Alb-Bote veröffentlichten Notiz: „Die Schieber müssen nunmehr zu ihrer Abreise rüsten, denn wenn diese Herrschaften nicht bis zum Pfingstsonntag (8. Juni) den Klettgauer Staub abgeschüttelt haben, so werden dieselben unfreiwillig aus ihren Schlupfwinkeln und Herbergen herausgeholt und selber verschoben werden. Also bitte, die Herrschaften, einsteigen nach Frankfurt, Hamburg, Berlin und so weiter, höchste Zeit.“

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Zu den Maßnahmen gegen das Schiebertum zählte auch die Beschlagnahmung der aufgegriffenen Schieberwaren, wie der Alb-Bote am 6. Juni 1919 berichtete: „Mehrere Lastkraftwagen mit Schiebergut reich beladen, fuhren gestern, von Grießen kommend, im Hof des Waldshuter Gerichtsgebäudes vor, wo dieselben ihrer kostbaren Beute entledigt wurden. Es darf die Hoffnung ausgesprochen werden, dass von den Waren auch der Bevölkerung etwas zugutekommt. Volksrat und Kommunalverband sind bereits in diesem Sinne bei der Behörde vorstellig geworden. Jetzt erst kann man sich einen ungefähren Begriff machen, welche Unmengen Waren von landfremden Elementen aus der hiesigen Gegend verschoben wurden und was für Riesensummen in die Taschen der Schieber und ihrer Helfershelfer wanderten. Es war höchste Zeit, denn auf Dauer hätte sich der von allen Mitteln entblößte Teil der Bevölkerung, der kaum das Nötigste zum Lebensunterhalt aufbringt, diese jeder Staatsordnung hohnsprechenden Zustände nicht mehr gefallen lassen.“

Die Ausweisung

Die meisten der Schleichhändler und Schieber konnten nach dem Stichtag 8. Juni 1919 ausgewiesen werden, zumal das badische Innenministerium einen entsprechenden Erlass herausgab, der alle diesem Kreis angehörenden Personen ohne Wohnsitz in der Gemeinde betraf. Allerdings hielten sich einige besonders hartnäckige Vertreter dieser Zunft nach wie vor im Klettgau auf. Doch auch ihnen ging es schließlich an den Kragen, wie dieser Notiz aus Klettgau im Alb-Bote vom 17. Juni 1919 entnommen werden konnte: „Zahlreiche Schmuggler und Schieber und solche, die Gewalttätigkeiten gegen Zollbeamte und Sicherheitsorgane verübten, wurden verhaftet. Da das Gefängnis in Waldshut nicht ausreichte, wurde eine ganze Anzahl der Verhafteten in Säckingen untergebracht.“