Es war ein strahlend schöner Herbstsonntag mit leuchtend blauem Himmel. Seit Samstagnacht wehte der Föhn durchs Tal von Meiringen, der sich gegen Morgen zu einem Sturm entwickelte. Kurz vor halb acht Uhr brach in einem Haus im Ortsteil Stein ein Brand aus. Was sich unter normalen Umständen auf dieses Gebäude beschränkt hätte, wurde durch den Sturm zur Katastrophe. Am 25. Oktober 1891 meldete der Alb-Bote diese um 16 Uhr in Bern abgeschickte telegrafische Nachricht: „Das Dorf Meiringen mit 2853 Einwohnern ist fast vollständig in Asche gelegt.“

Schon am 10. Februar 1879 hatte sich in dem in Berner Oberland liegenden Meiringen eine verheerende Brandkatastrophe ereignet. 110 Wohngebäude, Gasthöfe, Werkstätten, Scheunen und Ställe waren abgebrannt. Am 25. Oktober 1891 aber sollte es noch schlimmer kommen.

„Das eigentliche Zerstörungswerk hatte kaum drei Stunden gedauert“, hieß es in einem ausführlichen Bericht, den der Alb-Bote am 31. Oktober 1891 veröffentlichte. „Um halb acht Uhr brach in Stein im Hause der Witwe Brügger das Feuer aus. Man glaubt, dass die Ursache in einem eisernen Ofen zu suchen sei, dessen Rohr durch eine Holzwand ging. Als zweites Gebäude wurde eine Scheune vom Feuer erfasst und dann die Brauerei. Das Feuerhorn ertönte, die Löschmannschaft kam und glaubte, das Feuer lokalisieren zu können, da das Dorf Meiringen von Stein durch eine bedeutende Entfernung, durch den Alpbach und eine Mauer getrennt ist. Aber der Föhn trug die Flammenfunken über die nächsten Häuser weg, zum Hotel Krone, das sofort auch in Flammen stand. Jetzt war im Nu die ganze Kirchgasse abgebrannt; der Föhn jagte rasend die Flammen von Haus zu Haus. Man konnte kaum die Bewohner retten und hier und da einiges Mobiliar.

Das Feuer pflanzte sich weiter dem Bahnhof zu fort; dieser und das gegenüberliegende Restaurant blieben unversehrt; aber der Ortsteil Eisenbolgen brannte nieder, und weiter unten im Tal, 20 Minuten von Meiringen entfernt, verbrannten im Weiler Hausen alle alten Häuser. Die neuen Häuser mit harter Bedachung, seit dem Brande von 1879 neu aufgebaut, fingen nicht Feuer.

Abgebrannt sind die Hotels Bären, Krone, Viktoria, Meiringer Hof, Brünig, Kreuz und Adler, die Amtsschaffnerei, die Post, die Amtsersparnis- und Leihkasse und die anliegenden zum Teil neuen, zum Teil alten Häuser. Es stehen noch: die Kirche, das Pfarrhaus und das Krankenhaus, das Gefängnis, eine Häuserreihe bei der Kirche, der Gasthof zum Wilden Mann und die Häuser vom Wilden Mann zu beiden Seiten der Straße mit dem Gasthof zum Hirschen. Die Bevölkerung ist sehr gefasst; als das Feuer ausbrach, wusste sie sofort, dass das Dorf verloren ist.“

Eine provisorische Bilanz der Katastrophe wurde bereits in den ersten Tagen nach dem Brand gezogen: Ein alter, blinder Mann hatte den Ausweg aus dem Feuer nicht gefunden und war umgekommen. 792 Personen hatten ihr Heim verloren. Fast alles Großvieh hatte gerettet werden können.

Am 13. Januar 1892 wurde eine Übersicht über die Schaden- und Versicherungssummen veröffentlicht: 176 Gebäude waren vollständig eingeäschert worden, darunter 87 Wohnhäuser und sieben Gasthöfe. An diesen stellten die Schätzer einen Schaden von 1 510 480 Franken fest. Dazu kamen 19 mehr oder weniger schwer beschädigte Bauten mit einem Schaden von 2881 Franken. Neben Verlusten an Immobilien waren große Schäden an Wohnungseinrichtungen, Vorräten, Lagerbeständen und Maschinen entstanden. Dafür zahlten die Versicherungsanstalten 680 856 Franken aus.