Der Untergang des Raddampfers „Princess Alice“ stellt das bis heute schwerste Schifffahrtsunglück auf britischen Binnengewässern dar. Dabei ist das schon 139 Jahre her. Über das Unglück vom 3. September 1878 erschien im Alb-Bote diese erste Notiz: „Eine weitere Unglücksbotschaft wird aus London gemeldet, wo auf der Themse durch einen Zusammenstoß des Dampfers ,Princess Alice’ mit dem Kohlenschiff ,Bywell’ an die 600 Personen, darunter sehr viele Frauen und Kinder, in den Fluten versanken.“

Der Raddampfer war 1865 von einer schottischen Gesellschaft unter dem Namen „Bute“ in Dienst gestellt worden und hatte eine Tonnage von 171 Bruttoregistertonnen. 1867 wurde das Schiff an die „London Steamboat Company“ verkauft, die den Dampfer umbauen und auf 251 Bruttoregistertonnen vergrößern ließ. Das Schiff wurde in „Princess Alice“ umbenannt. Namenspatin war eine Tochter von Königin Victoria. Jetzt wurde das Schiff für Ausflugsfahrten auf der Themse genutzt.

„Über den so verhängnisvollen Zusammenstoß zweier Dampfer auf der Themse erfahren wir heute“, so der Alb-Bote in einem weiteren, jetzt ausführlichen Artikel, „dass die ,Princess Alice’, eines der größten Schiffe der London Steamboat Company, im Sommer zu Spazierfahrten zwischen London, Gravesend und Sheerness verwandt wurde. Sie war am Morgen des 3. September bei herrlichem Wetter von London abgefahren“.

Die Tickets waren für zwei Schilling erhältlich, Hunderte Londoner nutzten dieses Angebot. Viele wollten den Lustgarten Rosherville Gardens in Gravesend in der Grafschaft Kent besichtigen. Mehr als 800 Menschen waren an Bord, obwohl der Dampfer nur für 500 Fahrgäste ausgelegt war. Das Kommando hatte der 47-jährige Kapitän Grinstead.

„Abends um sechs Uhr hatte die ‚Princess Alice’ die Rückfahrt angetreten“, hieß es im Alb-Bote-Bericht von 1878 weiter. „Gegen acht Uhr befand sie sich in der Nähe von Woolwich, als ein großer eiserner Schraubendampfer, die ,Bywall Castle’, welche zwischen London und Newcastle den Kohlentransport besorgt, gegen die ,Princess Alice’ anfuhr. Der Zusammenstoß war furchtbar, da beide Dampfer mit bedeutender Schnelligkeit fuhren. Die ,Princess Alice’ sank fast augenblicklich und war binnen fünf Minuten vollständig unter Wasser. Während dieses kurzen Zeitraumes bot das Bord ein entsetzliches Schauspiel dar. Die Passagiere waren der großen Mehrzahl nach Frauen und Kinder, es waren nur wenige Rettungsapparate vorhanden; jedenfalls fehlte es an Zeit, sich ihrer zu bedienen. Man schätzt die Zahl der Ertrunkenen auf 500. Auf einer Strecke von 100 Metern war der Fluss voll unglücklicher Opfer, welche sich zu retten suchten und verzweifelt nach Hilfe riefen.“

Ursache des Zusammenstoßes war, dass nach einem Ausweichmanöver des wesentlich größeren Kohlenfrachters auch Kapitän Grinstead den Kurs der ,Princess Alice’ änderte, allerdings direkt vor den Bug des Frachters. Als sich der Bug in die rechte Seite der ,Princess Alice’ bohrte, zerbrach sie in zwei Teile, wobei das Heckteil sofort absackte. Dutzende Menschen wurden in die Themse geworfen, die damals stark mit Abwässern aus Kläranlagen und Abfällen der vielen Industriebetriebe am Ufer verschmutzt war. Dieser Teil der Themse war eines der damals am meisten verunreinigten Gewässer in England und glich an vielen Tagen einer Kloake.

Der größte Teil der Passagiere befand sich unter Deck, war also im vier Minuten nach dem Zusammenstoß sinkenden Schiffsteil gefangen. Die nur unwesentlich beschädigte ,Bywell Castle’ ließ drei Rettungsboote zu Wasser, um die Schiffbrüchigen aufzunehmen.

Etwa 640 Menschen kamen durch das Unglück um, darunter Kapitän Grinstead, drei seiner Angehörigen, fast alle Offiziere sowie die Ehefrau und die vier Kinder des Direktors der Steamboat Company. Zwischen 100 und 170 Personen überlebten. Viele Leichen wurden nie gefunden, und ein Großteil derer, die gefunden wurden, konnten nicht identifiziert werden.