Ein Großteil der Bahnhaltestellen wird nicht barrierefrei umgebaut, obwohl erst kürzlich die Feuerwehr ausrücken musste. Nun wehren sich Betroffene und Gemeindevertreter. Die SBB verteidigt sich.
Bis Ende 2023 haben die SBB Zeit, ihre 747 Bahnhöfe in der Schweiz behindertengerecht zu gestalten. Von den elf Bahnhöfen im Zurzibiet und unteren Aaretal sind sieben noch nicht barrierefrei. Und die Haltestellen in Rekingen, Mellikon und Rümikon sollen gar nicht erst umgebaut werden.

Vorfall verdeutlicht Dringlichkeit

Was das für Rollstuhlfahrer bedeutet, zeigt ein Vorfall in Rekingen. Dort musste kürzlich die Feuerwehr ausrücken, um einen Rollstuhlfahrer über die Gleise zu tragen. Denn der Bahnhof verfügt nur über eine Treppe, nicht aber über eine Rampe. „Es ist unhaltbar, dass die SBB die Bahnhöfe trotz gültigem Gleichstellungsgesetz nicht umbauen wollen“, sagt Paul Meier, Präsident von Procap Sektion Baden und Umgebung.

Zwar bieten die SBB Hilfestellungen wie Rampen und mobile Lifte bei Bahnhöfen an, die nicht umgebaut werden. Das funktioniert meist gut, erfordert jedoch einen massiven Aufwand, insbesondere bei abgelegenen Bahnhöfen. Denn ein Mitarbeiter muss extra aus Zürich oder Olten anreisen, um beispielsweise den Lift zu bedienen. “Hinzu kommt, dass von barrierefreien Bahnhöfen auch ältere Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs sind, oder Eltern mit Kinderwagen profitieren würden", sagt Meier.

"Barrierefreiheit gehört zu unserer Gesellschaft dazu"

In Rekingen führt nur eine Treppe zum Bahnsteig. Dabei geht es nicht nur um das Ein- und Aussteigen aus dem Zug, sondern auch darum, das Perron erreichen oder verlassen zu können, wie das oben erwähnte Beispiel aus Rekingen zeigt. „Vermutlich ist dem Reisenden erst bewusst geworden, dass es keine Rampe hat, als er bereits in Rekingen ausgestiegen war“, sagt Ammann Werner Schumacher, der sich an diesen Vorfall erinnert. Er findet deutliche Worte: „Barrierefreiheit gehört zu unserer Gesellschaft dazu. Mobil bleiben zu können, ist zentral.“ Ob mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen.

Während in Rekingen die Behörden bei den SBB vorstellig wurden, nahmen die Gemeinden Mellikon und Rümikon die Information der SBB, die Bahnhöfe nicht umbauen zu wollen, zur Kenntnis. „Wie in Rekingen ist auch bei den Haltestellen Mellikon und Rümikon das Perron etwas zu tief. Die SBB haben uns bis voraussichtlich Ende dieses Jahres Informationen zu den geplanten Ersatzmaßnahmen in Aussicht gestellt“, so Gemeindeschreiberin Karin Engel.

Kriterien für den Umbau

Für die SBB sei der Aufwand, die drei betroffenen Bahnhöfe im Zurzibiet umzubauen, nur mit einem unverhältnismäßig großen finanziellen Aufwand realisierbar. SBB-Mediensprecherin Sabine Baumgartner erklärt gegenüber der Aargauer Zeitung: „Kriterien sind unter anderem die Anzahl Ein- und Aussteiger sowie die Nähe von Spitälern oder Altersheimen zum Bahnhof.“

So steigen in Rümikon täglich rund 50 Personen ein und aus, in Mellikon etwa 70, in Rekingen circa 180 und in Kaiserstuhl knapp 260. Im Vergleich: In Koblenz sind es pro Tag 2900 Reisende. Insgesamt waren 2018 auf der Strecke zwischen Siggenthal-Würenlingen und Bad Zurzach täglich rund 5900 Reisende unterwegs. “Schweizweit benötigt im Schnitt eine Person pro 3300 Reisende im öffentlichen Verkehr Hilfe für den Ein- und Ausstieg„, sagt Sabine Baumgartner.

Barrierefrei sind bereits die Bahnhöfe in Siggenthal-Würenlingen, Döttingen, Koblenz und Bad Zurzach. Den Bahnhof in Klingnau planen die SBB 2023 umzubauen, jene in Koblenz Dorf, Kaiserstuhl und Rietheim folgen 2025. Rund drei Millionen Franken investieren die SBB pro Bahnhof. Dass der Bahnhof in Kaiserstuhl erst in sechs Jahren umgebaut werden soll, kommt im Städtchen nicht gut an.

Die Gemeinde möchte nicht so lange warten und gleichzeitig das aktuelle Provisorium der Postautohaltestellen in der Bahnhofstraße ersetzen. Dank einer neuen Verkehrsführung sollen auch die drei Postautolinien das SBB-Perron verwenden. Der gesamte öffentlicher Verkehr soll unter einem Dach vereint werden, barrierefrei und wettergeschützt. An allen Haltestellen, die ab Ende 2023 nicht barrierefrei sind, wollen die SBB Ersatzlösungen anbieten wie mobile Lifte und Rampen.