Seit 57 Jahren ziehen Caspar, Melchior und Balthasar in Wehr von Haus zu Haus. Sie singen, segnen das Haus und bitten dafür um eine kleine Spende für Hilfsprojekte in der Welt. Die Tradition des Sternsingens geht bis ins Mittelalter zurück. Heute ist die Aktion laut Kindermissionswerk die weltweit größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder. Dieser Tradition drohte im November 2017 in Wehr das Aus: Weil sich nicht genügend Kinder fanden, um die geforderten Gruppen zu füllen, stand das Organisationsteam kurz davor, die Sternsingeraktion 2018 abzusagen.

Dennoch ist es Ulrich Jurkiewicz und seinem Team gelungen, das Ruder noch einmal umzudrehen. Ein Aufruf in dieser Zeitung und ein Sternsingerabend halfen auf die kritische Situation aufmerksam zu machen und doch noch genügend Mitstreiter zu finden. „Wir mussten den Leuten wieder bewusst machen, dass das Sternsingen mehr als nur eine reine Spendensammlung ist“, sagt Ulrich Jurkiewicz. „Es ist vielmehr eine schöne Tradition, die einfach zu Weihnachten dazugehört.“

Das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ mit Sitz in Aachen gibt jedes Jahr ein Thema vor, unter dem dann Spenden für Hilfsprojekte gesammelt werden. In diesem Jahr wird ein Blick auf die Kinderarbeit in Indien geworfen. „Es ist wichtig, dass es nicht darum geht, ein politisches Statement zu setzen, sondern zu zeigen, dass es ein Problem gibt und wir mit unseren Spenden helfen wollen, die ausbeuterische Kinderarbeit, die Kinder von Schulen und einer Ausbildung fernhält, zu stoppen“, betont Ulrich Jurkiewicz. In diesem Jahr fanden sich schließlich fast 90 Kinder und Erwachsene, die die Sternsingtradition in Wehr fortführen werden. „Wir haben 44 Kinder, die in zehn Gruppen durch Wehr laufen, außerdem fast 40 Erwachsene, die sich als Begleiter abwechseln werden“, sagt Jurkiewicz.

Mit dem Nachwuchsmangel steht die Wehrer Aktion nicht alleine da. Auch in vielen anderen Gemeinden der Region steht das Sternsingen Jahr für Jahr auf wackeligen Beinen. Die organisierenden Kirchengemeinden finden oft nicht mehr genug Kinder und Erwachsene, die bereit sind, vom 1. bis zum 6. Januar den Segen zu den Menschen nach Hause zu bringen und Spenden für Hilfsprojekte zu sammeln. Auch in Bad Säckingen ist das Problem des Sternsingermangels bekannt. „Es wird jedes Jahr schwerer, genug Kinder zu finden“, sagt Ulrike Lebert, Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit Bad Säckingen-Murg. „Wir bekommen nicht genügend Gruppen zusammen, sodass wir dazu übergehen mussten, nur noch auf Anmeldung zu den Haushalten zu kommen.“ Den Grund für den Mangel vermutet Lebert nicht etwa in der fehlenden Lust. „Die meisten Kinder kommen wieder, wenn sie mal dabei waren. Das Problem ist oft eher die Zeit. Es sind Ferien und viele Familien fahren in den Urlaub.“

Das System Voranmeldungen gibt es auch in Bonndorf. „Seit drei Jahren kommen die Sternsinger nur noch auf Vorbestellung und das funktioniert sehr gut“, sagt die Bonndorfer Pfarrsekretärin Eva Dietsche. An zwei Tagen ziehen drei Gruppen mit je vier Personen durch Bonndorf und die Ortsteile. Die Haushalte, die sich für den Besuch der Ministranten und Mitglieder der KJG angemeldet haben, freuen sich jedes Jahr aufs Neue auf den Besuch. Eva Dietsche: „Die Leute haben Verständnis dafür, nur vereinzelt gibt es Beschwerden, dass die Sternsinger nicht in jeden Haushalt kommen.“

Die Probleme, genügend Mitstreiter für die Aktion zu finden, sind auch dem Kindermissionswerk als Organisator der Aktion bekannt. „Wir merken, dass es schwieriger geworden ist als vor fünf Jahren, Kinder und Jugendliche für die Aktion zu finden“, sagt Urte Podszuweit, Pressesprecherin des Kindermissionswerks. Als Grund nennt sie den demografischen Wandel und die gestiegene Anzahl an Kirchenaustritten. Aber: „Die Gruppen, die zum Sammeln ausschwärmen, werden an den Türen umso herzlicher empfangen.“ Obwohl es immer schwieriger wird, Sternsinger zu finden, habe sich das Sammelergebnis laut Podszuweit von Jahr zu Jahr gesteigert.

Auf den Wandel hat sich auch die Seelsorgeeinheit Mittlerer Hochrhein vorbereitet. Gemeindereferentin Sabine Gerteis bestätigt, dass es auch hier immer weniger Sternsinger gibt. „Aber nicht nur Sternsinger, sondern auch interessierte Haushalte nehmen ab“, so Gerteis. „In manchen Wohngegenden ist die christliche Bevölkerung inzwischen zurückgegangen und auch diejenigen, die offen sind für einen Sternsingerbesuch werden weniger.“ Deshalb kommen auch in Tiengen und Unterlauchringen die Sternsinger nur noch auf Anmeldung vorbei. „Ich denke, dass wir dieses Modell in der Zukunft in noch mehr Gemeinden übernehmen werden müssen“, blickt die Gemeindereferentin voraus. „Leider sind immer weniger Kinder und Jugendliche daran interessiert, in der Kirche mitzuhelfen oder Spenden zu sammeln.“ In Waldshut sähe es da noch am besten aus. „Hier stellen die Ministranten die Sternsinger und können dadurch genügend Gruppen füllen“, so Gerteis. In Tiengen wird nun bereits bei den Kleinsten angefangen, Mit-Sternsinger zu gewinnen.

„Wir haben festgestellt, dass gerade jüngere Kinder gerne bei den Sternsingern mitmachen wollen“, erzählt Gerteis. Deshalb wird in Tiengen bereits an den Grundschulen dafür geworben. „Und wenn die Kinder einmal dabei waren und sehen, wie viel Spaß das Sternsingen macht, kommen sie auch gerne immer wieder.“

Anna Bröker, 19, aus Wallbach: Ich bin mit Pausen bei den Sternsingern, seit ich sechs bin, also seit rund 13 Jahren. Seit vier Jahren gehe ich als Begleitperson mit. Am Anfang war es schön, mit den Freunden mitzulaufen, weil sich viele Leute so gefreut haben, wenn wir kamen. Ich habe das Gefühl, es werden immer weniger Sternsinger, die mitmachen. Anfangs brauchten wir noch Ministranten Kostüme. Es ist anstrengend, wenn man den ganzen Tag rumläuft, kalt, irgendwann wird es dunkel. Es machen auch immer weniger Leute die Türe auf. Und die, die neu hergezogen sind, kennen das nicht so." Bild: Marion Rank
Anna Bröker, 19, aus Wallbach: Ich bin mit Pausen bei den Sternsingern, seit ich sechs bin, also seit rund 13 Jahren. Seit vier Jahren gehe ich als Begleitperson mit. Am Anfang war es schön, mit den Freunden mitzulaufen, weil sich viele Leute so gefreut haben, wenn wir kamen. Ich habe das Gefühl, es werden immer weniger Sternsinger, die mitmachen. Anfangs brauchten wir noch Ministranten Kostüme. Es ist anstrengend, wenn man den ganzen Tag rumläuft, kalt, irgendwann wird es dunkel. Es machen auch immer weniger Leute die Türe auf. Und die, die neu hergezogen sind, kennen das nicht so." Bild: Marion Rank

Seit dem Grundschulalter unterstützt auch Anna Bröker aus Wallbach die Aktion: „Ich bin mit Pausen bei den Sternsingern, seit ich sechs bin“, sagt die 19-Jährige. Mittlerweile zieht sie mit den Wallbacher Sternsingern als Begleitperson von Haus zu Haus. Auch sie kann einen Wandel feststellen: „Ich habe das Gefühl, es werden immer weniger Sternsinger, die mitmachen. Es machen aber auch immer weniger Leute die Türe auf.“ Ihre Schwester Lotta (14) ist ebenfalls Sternsingerin: „Ich mache mit, weil es schön ist, helfen zu können und weil es Spaß macht. Da freue ich mich immer drauf in den Ferien.“

Lotta Bröker, 14, aus Wallbach: "Ich bin seit sieben Jahren bei den Sternsingern. Ich kam durch meine Schwester dazu, deshalb bin ich irgendwann auch mitgelaufen. Ich mache mit, weil es schön ist, helfen zu können und weil es Spaß macht. Da freut man sich immer drauf in den Ferien." Bild: Marion Rank
Lotta Bröker, 14, aus Wallbach: "Ich bin seit sieben Jahren bei den Sternsingern. Ich kam durch meine Schwester dazu, deshalb bin ich irgendwann auch mitgelaufen. Ich mache mit, weil es schön ist, helfen zu können und weil es Spaß macht. Da freut man sich immer drauf in den Ferien." Bild: Marion Rank

Die Sternsinger und ihre Mission

  • Organisation: Das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ in Aachen ist ein Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland und eines von weltweit 120 Missionswerken von Kindern für Kinder. Das Werk ist in einen Inlands- und einen Auslandsbereich gegliedert und arbeitet mit seinen Partnern in 112 Ländern daran, die Bildung von Kindern zu verbessern, soziale Integration zu ermöglichen, Ernährung zu sichern und Gesundheit zu fördern.
  • Aktion: Träger der Aktion sind das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Die Sternsingeraktion wurde 1959 in Deutschland ins Leben gerufen. Heute ist sie laut Kindermissionswerk die größte Solidaritätsaktion der Welt. Jedes Jahr ziehen rund eine halbe Million Kinder als Caspar, Melchior und Balthasar verkleidet durch die Städte und Gemeinden. Sie bringen mit dem Kreidezeichen „C+M+B“ den Segen „Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus“ zu den Menschen und sammeln Geld für Kinder in Not. Die Aktion findet 2018 zum 60. Mal statt und steht unter dem Motto „Segen bringen, Segen sein. Gemeinsam gegen Kinderarbeit – in Indien und weltweit!“. Indien, Beispielland der Aktion, ist das Land mit den meisten arbeitenden Kindern weltweit. 2015 wurde das „Sternsingen“ in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
  • Sammlungen: 2017 haben die Sternsinger im Bistum Freiburg Spenden in Höhe von 4 423 035,53 Euro gesammelt. An der Aktion waren 531 Pfarreien und Gruppen aus dem Bistum beteiligt. In Baden-Württemberg kamen bei den Sammlungen im vergangenen Jahr 9 535 470,31 Euro zusammen. Das Geld wurde von 1472 Pfarreien und Gruppen gesammelt. Aus ganz Deutschland erreichten das Kindermissionswerk Spenden in Höhe von 46, 8 Millionen Euro (2016: 46,2 Millionen Euro; 2015: 45,5 Millionen Euro). Zu den sammelstärksten Bundesländern gehören Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. (mvö)