Frau Bordasch, der Anteil der Jägerinnen nimmt tendenziell zu. Wie erklären Sie diese Entwicklung?

Unsere Gesellschaft ist einem Wandel unterworfen. Das Erleben und eine sinnvolle Beschäftigung in und mit der Natur konnte in früheren Zeiten von Frauen nicht so freizügig praktiziert werden. Sie waren zu sehr in althergebrachten Denkmustern und Rollen gefangen – Hausfrau, Mutter, Erziehung der Kinder.

Was macht die Jagd interessant?

Die Facetten des Interesses reichen von Natur erleben, Wild beobachten, Beute machen, Bereicherung für die Küche und/oder das gemeinsame Erleben mit dem Partner.

Gibt es den Jagdschein extra für Frauen oder müssen Sie dieselben Anforderungen erfüllen wie Männer?

Der Jagdschein wird auch das „grüne Abitur“ genannt und genau wie bei der Reifeprüfung in der Schule wird auch hier kein Unterschied zwischen männlich und weiblich gemacht.

Ab welchem Alter kann man sich um den Jagdschein bewerben?

Jeder kann ab dem 15. Lebensjahr eine Jagdschule besuchen. Mit 16 Jahren kann dann – nach bestandener Prüfung – der Jugendjagdschein gelöst werden. Dieser berechtigt den Inhaber in Begleitung eines volljährigen Jägers, die Einzel-, meist Ansitzjagd auszuüben. An Gesellschaftsjagden (zum Beispiel Treibjagd) darf erst ab 18 Jahren als Schütze teilgenommen werden.

Inwiefern kann die Jagd von Frauen profitieren? Sind Frauen sensibler für die Aufgaben der Jagd?

Ob Frauen sensibler sind, sei dahingestellt. Sensibilität ist sicherlich geschlechtsneutral unterschiedlich. Männer und Frauen können sich, wie auch sonst im Leben, auf der Jagd sehr gut ergänzen.

Die Jägerei ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein weitgehend männliches Privileg. Was halten Sie dem entgegen?

In Zeiten der gesellschaftlichen Gleichstellung sind bereits viele männliche Privilegien gefallen. Heute machen sich die meisten Menschen keine Gedanken mehr, ob Arzt oder Ärztin, Polizist oder Polizistin oder auch andersherum, Krankenpflegerin oder -pfleger, ob in der Kita eine Erzieherin oder der Erzieher die Kleinen betreut. Warum sollte die Jagd eine Ausnahme bleiben?

Frauen müssen mit der Waffe umgehen und auf der Jagd auch schießen können – gibt es diesbezüglich Unterschiede zwischen Jägerinnen und ihren männlichen Kollegen?

Beim jagdlichen Schießen, egal ob Prüfung, Wettbewerbsschießen oder der Jagdausübung, werden keine Unterschiede gemacht.

Wie sind Sie zur Jagd gekommen? Und wie oft sind Sie auf der Pirsch?

Mein ursprünglicher Berufswunsch war Försterin – der sich leider nicht erfüllen ließ. Ich hatte schon immer Interesse an der heimatlichen Fauna und Flora, und den Wunsch, mehr darüber zu lernen. Ausschlaggebend war dann das gemeinsame Interesse mit meinem Mann. In der Regel bin ich mehrmals in der Woche im Revier, wobei vielfältige Arbeiten in Zusammenhang mit der Jagd anfallen: Wildschadensverhütung, Kontrollieren von jagdlichen Einrichtungen, insbesondere nach Unwettern, aber auch Kontrollgänge an den Kirrungen, Auswertungen von Wildkameras, Instandhaltung des Duftzaunes zur Vermeidung von Wildunfällen, Kontaktaufnahme mit Grundstückseigentümern und Waldbesitzern, Kontrollgänge an Neupflanzungen im Wald hinsichtlich Verbissschäden. In unseren heimatlichen Gefilden wird vorwiegend die Ansitzjagd, die Treib- und Drückjagd praktiziert. Die Pirschjagd wird weniger ausgeübt. Die Häufigkeit der Ansitze variiert sehr nach Gegebenheiten wie Jagdzeiten auf die verschiedenen Wildarten, Brunftzeiten, Reifezeit von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Mondphasen und Wetter.

Was gefällt Ihnen persönlich an der Jagd?

Ich finde, ein Tag kann nicht besser beginnen, als bei einem Morgenansitz das Erwachen der Natur zu erleben, wenn die ersten Vögel zu singen beginnen, während langsam das Licht zunimmt. Ein Fuchs mit vollem Fang – die Mäuseschwänze hängen links und rechts herunter – Richtung Bau schnürt, ein Hase ihn dabei aufmerksam beobachtet, ob der Rote auch nicht auf dumme Gedanken kommt. Der starke Bock einen Jüngling aus seinem Revier stäubt und die Rehgeiß mit ihren spielenden Kitzen über die Wiese zieht. Derweil die Sonne immer höher steigt und das Konzert der Vögel seinen Höhepunkt erreicht. Da geht mir das Herz auf und ich empfinde so etwas wie Glück, dies erleben zu dürfen, auch wenn ich an diesem Morgen kein Stück Wild erlege. Natürlich gehört auch „Beute machen“ zur Jagd. Schlussendlich steht mir durch die Jagdausübung für die Ernährung meiner Familie gesundes Wildfleisch zur Verfügung und ich brauche nicht auf Erzeugnisse der Massentierhaltung zurückgreifen. Handwerklich richtig ausgeübte Jagd erspart den Tieren unnötiges Leiden und liefert ein hochwertiges Nahrungsmittel.