Vor etwas mehr als 40 Jahren wetteten 15 Männer mit dem Wirt der „Ganter Stuben“ in Tiengen, dass man es schaffen würde, die Düengemer Fasnet 1973 musikalisch zu untermalen. Damals ahnte noch keiner, dass damit ein musikalischer Meilenstein gesetzt würde. Mittlerweile begleiten die Stammtischler die Fasnacht in Tiengen und der Umgebung seit über 40 Jahren und sind eine der ältesten Guggenmusiken am Hochrhein.

„Tschättermusik“, „Charivari“ oder „Katzenmusik“: All diese Begriffe beschreiben die Musik der Guggen. Diese oft improvisierenden Musikgruppen spielen laut, rhythmisch und doch ein wenig schräg. „Es ist ein Verein, der sich dazu verschrieben hat, Fasnachtsmusik zu machen. Die Musik besteht aus modernen Stücken und Evergreens und ist zumeist keine Marschmusik. Dazu hat man Blasmusik, wie Trompete und Posaune und Rhythmusinstrumente wie das Schlagzeug“, erzählt Patrick Müller, Vorsitzender der Interessengemeinschaft fasnächtlicher Guggen-Musiken in Basel.

Die spezielle Art der Musik kommt aus dem Schweizer Basel. 1906 wurde der Begriff „Gugge“ erstmals für musizierende Fasnachtsgruppen verwendet. „Der Begriff kommt aus dem alemannischen und bedeutet ,vom Blech’ oder ,gedrucktes Blech’. Das Wort spielt auf die schrägen Töne an“, erzählt Volker Gegg, Pressesprecher der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN). Dabei gehört Musik seit jeher zur Fasnacht. „Es wurde gefeiert und getanzt. Alle Vorräte wurden verbraucht und daraus wurde ein Fest. Maichöre oder Kapellen begleiteten die Feiern“, so Gegg.

Doch anfangs hatten es die Guggen schwer. Man wollte diese lauten Gruppen nicht am Sunntigs-Bummel oder dem Morgenstraich in Basel dabei haben. Immer wieder formierten sich Gruppen neu, lösten sich auf oder wurden verboten. Erst Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sich die neue Musik etablieren. „Der Ursprung kam aus den Cliquen heraus. Man hat sich zusammengefunden, um zu musizieren. Damals noch mit wirklich selbst gemachten Instrumenten“, erzählt Patrick Müller.

Der Funke sprang über. 1948 erreichte der Gugge-Virus Luzern, wo noch im gleichen Jahr eine Gruppe entstand. Es dauerte nicht lange, bis die erste Guggenmusik auf deutscher Seite gründete: 1953 in Lörrach. Dann war es nur noch eine Frage der Zeit bis die schräge Musik sich am ganzen Hochrhein verbreitete. „Ab den 60ern gründeten sich im ganzen Süden viele Guggengruppen. Ganz groß kamen sie in den 80er und 90er Jahren raus“, so Gegg.

Auch die Fidelen Stammtischler zogen anfangs mit selbst gemachten Instrumenten los: „Wir haben ein Ofenrohr als Alphorn umgebaut. Auch der Schellenbaum war selbst gemacht. Den musste immer der stärkste Mann tragen, der Baum war nämlich aus Stahl“, sagt Hans-Dieter Dambach, eines der Gründungsmitglieder der Fidelen Stammtischler, lachend. „Alles, was Musik machte, wurde mitgeschleift.“ Die Musik kam an. Während der Hochsaison hatten die Fidelen Stammtischler zeitweise bis zu 50 Mitglieder. Heute musizieren die 24 Mitglieder vor allem bei Umzügen.

Doch was anfangs schräg und laut rüberkam, wird heute immer professioneller: „Die Guggenmusik hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Früher hat man beispielsweise das Lied der Biene Maja ohne Noten gespielt, so gut man eben konnte. Durch den Einfluss aus Basel und Luzern gibt es mittlerweile auch extra komponierte Stücke für Guggenmusik“, erzählt Manuel Döbele, musikalischer Leiter der Düengemer Stadtbachschränzer. Dafür wird regelmäßig geübt, man trifft sich nicht mehr nur kurz vor der Fasnacht. Darüber hinaus sind auch viele Musiker Mitglieder in Musikvereinen. Und auch Manuel Wagner, Leiter der Jugendmusikschule Bad Säckingen, stellt eine zunehmende Professionalität fest: „Ich glaube, Anfang der 90er Jahre haben sich die Guggen regeneriert. Man konnte langsam die Musikalität heraushören. Vorher hat man sich getroffen, ein Lied überlegt und einfach gespielt.“ Wagner selbst hat zehn Jahre die musikalische Richtung bei den Waldshuter Waldstadtfägern angegeben. „Ich hätte nie so viel Spaß an der Fasnacht gehabt, wäre ich nicht bei den Waldstadtfägern gewesen. Guggenmusik hat was. Man holt aus den Möglichkeiten, die man hat, das Beste raus.“

Dennoch erkennt man Unterschiede: Lörracher Guggenmusiken gleichen musikalisch und im Auftritt den Basler Cliquen, während die Guggen vom Hochrhein mit den Luzernern vergleichbar sind. „Die Luzerner haben einen wesentlich größeren Fasnachtstourismus als die Basler und haben damit die Guggenmusik an den Hochrhein gebracht“, erzählt Jörg Roßkopf, Obergildenmeister der Narrengilde Lörrach. Heutzutage kann man sich eine Fasnacht ohne Guggen nicht mehr vorstellen. „Die Guggen haben sich etabliert und gehören zur heutigen Fasnacht dazu“, ist für Volker Gegg (VSAN) klar. Die Musik existiert mittlerweile weltweit, dazu kommen internationale Guggen-Festivals, wie etwa die großen Guggentreffen in Laufenburg (9. Februar) oder Lörrach (10. Februar).

 

"Man muss erst mal spielen können"

Patrick Müller, Vorsitzender der Interessengemeinschaft fasnächtlicher Guggen-Musiken (IG Gugge in Basel), gibt einen Einblick in die Tradition der Gugge-Musik, die sich im Schweizer Basel entwickelt hat. Die IG ist die Dachorganisation der Basler Gugge-Musiken und umfasst 13 Vereine.

Herr Müller, warum gehört die Gugge zur Fasnacht dazu?

Das ist schwierig zu beantworten. Die Guggenmusik der Basler Fasnacht ist schon ein Teil der Fasnacht geworden. Mittlerweile sind wirklich Tausende von Leuten dabei. Das Publikum wippt bei den Konzerten mit den Füßen mit oder klatscht auch dazu. Ich kann mir keine Fasnacht ohne Guggen vorstellen. Letztes Jahr gab es die erste Basler Fasnachts-Plakette mit Guggen drauf. Das gab schon eine Diskussion. Aber Guggenmusik gehört zur Neuzeit dazu.

Was ist der Unterschied zu den Guggemusiken in Deutschland?

Den Unterschied kenne ich ehrlich gesagt zu wenig. Wir in Basel tragen auf jeden Fall Larven und haben keine angemalten Köpfe. Vom Repertoire her gibt es keinen großen Unterschied. In Luzern gibt es die Guggen allerdings nur durch die Basler Fasnacht und ihrer Guggen-Szene. Die Luzerner haben aus meiner Sicht mehr musikalische Qualität, aber wie am Hochrhein auch angemalte Köpfe. Ich glaube der Hauptunterschied ist wirklich die Larve in Basel, da auch das Grenzgebiet qualitativ sehr gut ist.

Wie kommt es, dass die Gugge so stark sind?

Guggen hatten es am Anfang schwer. Bis in die 50er ist es wild gelaufen. 1951 wurde dann die IG gegründet, man hat das Ziel gehabt, die Guggen mehr zu formieren. Beispielsweise durfte man am Bummel-Sunntig nicht mitmachen und auch am Morgenstraich waren Gugge nicht gern gesehen. Carli Stortz war Mitbegründer der IG und jahrelang Obmann. Er hat den Vorschlag unterbreitet, dass man den Gugge den Dienstag gibt, man dafür aber nicht am Morgenstraich mitläuft. Daraus entstanden dann das Guggenkonzert, der Guggen-Sternmarsch mit 30 Formationen und der Gugge-Dienstag. Zudem hat man erreicht, des uns der Abend gehört und man am Sunntig-Bummel mitziehen darf. Ab 6 Uhr gehört die Stadt dann uns.

Wie hat sich die Guggenmusik seither verändert?

Früher gab es nur Männer oder Frauen getrennt in einer Guggenmusik. Seit 2005 gibt es auch gemischte Gruppen in der IG. Das kam teilweise auch aufgrund der Knappheit der Register, man ist dann mit einer anderen Guggenmusik fusioniert. Die großen Vereine haben weniger Probleme mit Nachwuchs, die mittleren und kleineren schon. Die Jungen haben heute andere Interessen, man macht nichts mehr zu 100 Prozent oder sie können sich einfach nicht mit Fasnacht identifizieren. Heute macht man aktiv Werbung. Früher brauchte man das nicht, da sind uns die Türen eingerannt worden.

Wie hat sich die Guggenmusik musikalisch entwickelt?

Die Musik wurde immer professioneller. Früher waren es wirklich einfache Stücke mit zum Teil selbstgebauten Instrumenten. Heute wird es schon hörbarer. Viele der Musiker können zwar auch heute noch keine Noten lesen. Man zeigt zwar die Griffe und Noten, aber man spielt nach Gehör. Das Publikum erwartet aber auch, dass man qualitativ besser wird. Im Gegensatz zu früher ist es fast keine Guggenmusik mehr. Die Musik ist „zu sauber“, das „Schränzen“ fehlt. Man kann es fast mit einem Musikverein vergleichen. Man spielt von modernen Stücken, über Evergreens bis zur Klassik eigentlich alles. Bei manchen Guggemusiken hört man zudem auch gleich, wer es ist.

Gekonnt falsche Töne spielen, stimmt das noch?

Damit man professionell falsch spielen kann, muss man erst mal spielen können. Aber das ist fast nicht möglich. Es kommt unabsichtlich, absichtlich eher nicht. Man will ja ein wenig falsch spielen, das passt so. Im Unterschied zu den Basler spielen die Luzerner beispielsweise sehr sauber.

Fragen: Ines Biedenkapp