Liam möchte mit Buntstiften malen, Sina lieber noch etwas essen, während Sohn Leno schon mal die Spielzeugkiste durchforstet und irgendeine Windel riecht verdächtig: Wo weniger routinierte Betreuer vielleicht hektisch werden, behält Jennifer Rugel in Laufenburg-Binzgen problemlos den Überblick. Sie lässt keines der Kleinen aus den Augen und schafft es innerhalb weniger Minuten, dass die Kinder alle zufrieden sind. Alltag einer Tagesmutter.

Alternative zur Festanstellung

„Ich betreue seit April dieses Jahres Kinder als Tagesmutter“, erzählt Jennifer Rugel. Nach den Geburten ihrer ersten beiden Kinder ging sie jeweils wieder in Teilzeit mit 50 Prozent im Kindergarten arbeiten. „Nachdem Leno auf der Welt war, gab es diese Möglichkeit dann so nicht mehr.“ Leno ist mittlerweile 14 Monate alt und freut sich jeden Morgen darauf, wenn es an der Tür klingelt und die Kinder kommen, die seine Mutter betreut. „Die Besetzung ist nicht konstant, einige kommen nur zwei Tage die Woche, andere öfter“, sagt Jennifer Rugel.

Bild: Orlowski, Birgit

Jennifer Rugel arbeitet gerne mit Kindern und fand mit der Tätigkeit als Tagesmutter eine geeignete Alternative und eine Möglichkeit, weiter berufstätig zu sein. Doch anders als als Angestellte, ist Jennifer Rugel nun selbstständig, muss sich beispielsweise um die Krankenversicherung selbst kümmern und hat im Krankheitsfall kein Einkommen. Bezahlt wird sie vom Landratsamt mit dem gesetzlichen Stundesatz pro Kind und von den Eltern, mit denen sie eine eigene Vereinbarung getroffen hat.

Das Landratsamt ist zuständig

Während die Kindertagesstätten in das Aufgabengebiet der Städte und Gemeinden fallen, sind Tagesmütter und -väter, genannt Tagespflegepersonen (TPP) organisatorisch dem Landratsamt zugeordnet. Für die Eltern bringt die Betreuung bei der Tagespflegeperson je nach Konstellation Vorteile, denn die Betreuungszeiten sind oft flexibler, als die der Kindertagesstätten.

Kritik am Betreuungsschlüssel

Dieser Punkt macht das Betreuungskonzept besonders attraktiv, wie auch Grünen-Politikerin und Kreisrätin Ruth Cremer-Ricken betont. Sie selbst war bis 2010 als Vorsitzende des Tageselternvereins Bad Säckingen aktiv. Im Jahr 2015 löste sich der Verein auf. Ruth Cremer-Ricken ist sicher: „Wir haben zu wenig Tagespflegepersonen. Hier muss deutlich mehr getan werden.“

„Wir haben zu wenig Tagespflegepersonen. Hier muss deutlich mehr getan werden“, sagt Grünen-Politikerin Ruth Cremer-Ricken aus Bad Säckingen.
„Wir haben zu wenig Tagespflegepersonen. Hier muss deutlich mehr getan werden“, sagt Grünen-Politikerin Ruth Cremer-Ricken aus Bad Säckingen. | Bild: privat

Als problematisch sieht sie vor allem den Betreuungsschlüssel an, der im Kreis Waldshut niedriger ist, als in anderen Kreisen und das Angebot reduziere: "Wenn man das vergleicht, wäre die Mutter eines Kleinkinds, die nun Zwillinge bekommen hat, bei der Betreuung schon über ihrer Kapazitätsgrenze. Und wer würde das sagen wollen?" Berufstätige Eltern würden bei den Krippenzeiten oft vor immense Herausforderungen gestellt werden, hier können Tagespflegepersonen deutlich mehr Flexibilität bieten. „Denken Sie beispielsweise an die Pflege“, so Cremer-Ricken. Sie ergänzt: „Es sind vor allem Fachkräfte und junge Familien, für die der Kreis attraktiver gemacht werden könnte.“

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Was die Randzeiten angeht, so legt Jennifer Rugel den Schwerpunkt auf ihre eigene Familie. „Ich selbst betreue tatsächlich nur vormittags, aber natürlich können wir Betreuungszeiten mit den Eltern flexibel abstimmen und das wird auch von einigen Kolleginnen angeboten.“ Und von Eltern auch in Anspruch genommen, wenn beispielsweise vom Kita-Schluss bis zum Feierabend noch etwas Zeit zu überbrücken ist.

Qualifikation umfasst 160 Stunden

Derzeit lassen sich im Kreis Waldshut 14 neue TPP ausbilden. Die Qualifikation ist kostenlos und erfolgt in Form von Kursen. Nach Auskunft des Landratsamts bildet das Curriculum des Deutschen Jugendinstitutes die Basis. Die derzeit 160 Unterrichtseinheiten werden in vier Kursblöcke unterteilt und in der Regel an Wochenenden angeboten. Die Teilnahme an allen vier Kursen ist verpflichtend. Wer die Lizenz als TPP erworben hat, muss darüber hinaus jährlich an 15 Unterrichtseinheiten teilnehmen und es steht mindestens einmal im Jahr ein Hausbesuch des Jugendamtes an. Die Förderung in der Kindertagespflege durch das Jugendamt umfasst die Vermittlung des Kindes, die fachliche Beratung, sowie die Begleitung des Pflegeverhältnisses.

Ausbildung zur Erzieherin bringt Vorteile

Optimale Voraussetzungen brachte Jennifer Rugel durch ihre Ausbildung zur Erzieherin mit. „Ich musste nur einen der Kurse absolvieren, um mit der Betreuung zu Hause zu beginnen. Das Haus der Familie bietet sich dafür an, denn die Räumlichkeiten sind kindgerecht und entsprechen den Vorschriften – wichtige Voraussetzungen für eine Tagespflegeperson.

Für Jennifer Rugel steht fest: „Für mich war es genau die richtige Entscheidung.“ Viel Zeit zum Plaudern bleibt nicht mehr, denn langsam werden die Kinder unruhig. Schnell werden die Sandalen angezogen und dann geht es raus in den Sandkasten. Denn draußen – und das ist bei der Tagesmutter ebenso wie in einer Kindertagesstätte – ist es für die Kinder einfach am spannendsten.

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Kinderbetreuung durch Tagespflegepersonen: Konzept und Hintergründe

  • Wie sieht der Betreuungsschlüssel aus? Im Kreis Waldshut darf eine TPP bis zu acht Betreuungsverträge abschließen. Die Betreuungskapazität pro TTP von 100 Prozent wird aufgeteilt. Das Landratsamt rechnet bei einem Kind bis zum vollendeten ersten Lebensjahr mit 50 Prozent Kapazität, im Alter von einem bis drei Jahren mit 30 Prozent. Von drei bis 14 Jahren werden 20 Prozent angesetzt. Zeitgleich betreut werden dürfen demnach maximal zwei Kinder unter einem Jahr oder drei Kinder zwischen einem und drei Jahren. In anderen Landkreisen, beispielsweise im Kreis Lörrach, wird den TPP mehr Kapazität eingeräumt.
  • Was verdient eine Tagespflegeperson? Das Landratsamt fördert die Unterbringung bei Tagespflegepersonen mit 5,50 Euro in der Stunde für Unter-Dreijährige und mit einem Stundensatz von 4,50 Euro für Über-Dreijährige, wenn die Eltern nachweisen können, dass mindestens fünf Stunden Betreuung in der Woche nötig sind. Der Elternbeitrag, der direkt an das Landratsamt bezahlt werden muss, richtet sich nach der Anzahl minderjähriger Kinder im Haushalt für die Kindergeld bezogen wird. Der Beitrag bewegt sich ab 1. September 2018 zwischen 2,19 Euro bei einem Kind, bis 0,37 Euro je Stunde bei vier oder mehr Kindern. Da die TPP selbstständig tätig ist, steht es ihr frei eine Stundenvergütung festzusetzen, deshalb sind meist noch Zuzahlungen der Eltern an die TPP nötig.
  • Welche Voraussetzungen muss eine TPP mitbringen? Ob eine Person geeignet ist fremde Kinder zu betreuen, wird anhand verschiedener Kriterien festgestellt. Formale Voraussetzungen sind die Volljährigkeit und mindestens der Hauptschulabschluss, ein erweitertes Führungszeugnis und ein ärztliches Attest. TPP müssen sich durch Persönlichkeit, Sachkompetenz und Kooperationsbereitschaft auszeichnen und eine stabile Bindungsbeziehung zum Kind und eine Erziehungspartnerschaft zu den Eltern aufbauen.
  • Wo gibt es weitere Informationen? Für Eltern, die eine Tagespflegeperson zur Betreuung ihrer Kinder suchen, aber auch für alle, die sich für eine kostenlose Qualifikation zur TPP interessieren, ist das Jugendamt der Ansprechpartner. Kontaktdaten finden sich unter http://www.landkreis-waldshut.de

Die Situation im Kreis Waldshut

  • Wie viele Kinder werden von Tagespflegepersonen (TPP) betreut? Groß ist die Nachfrage nach Plätzen für Unter-Dreijährige und für Schulkinder. Zum Stichtag 1. März 2018 wurden im Kreis 250 Kinder von TPP betreut. Davon waren 114 bis zu drei Jahre alt, 39 zwischen drei und sechs und 97 zwischen sechs und 14 Jahren alt.
  • Wie viele Tagespflegepersonen gibt es? Von den insgesamt 109 Tagespflegepersonen – unter ihnen vier Tagesväter – waren 78 belegt, elf nicht belegt und 20 pausierend.