Mit einem neuartigen „Corona-Drive-In“, in dem Verdachtspatienten untersucht werden, versucht das Gesundheitsamt Waldshut, die niedergelassenen Ärzte im Landkreis sowie das Kreiskrankenhaus zu entlasten. „Das Gesundheitsamt, ein Arzt und eine medizinische Fachkraft, werden an drei Tagen diese und nächste Woche jeweils zwei bis drei Stunden an einem Standort im Landkreis in einem Fahrzeug Rachen-Nasenabstriche nehmen“, teilt die Pressesprecherin des Landratsamts Susanne Heim mit. Der Standort des Untersuchungsmobils werde aber nicht öffentlich bekannt gegeben, da es keine öffentliche Abstrichstelle sei. Die infrage kommenden Patienten werden ausschließlich von den niedergelassenen Ärzten ausgewählt und an das Gesundheitsamt gemeldet. Mit der Aktion versucht das Gesundheitsamt, die örtlichen Praxen zu entlasten und Verdachtsfälle möglichst rasch abzuklären.

Noch gibt es im Landkreis Waldshut keinen bestätigten Corona-Fall (Stand: 9. März, 14 Uhr) – und dennoch stellt das Virus die Träger der Gesundheitsversorgung vor eine gewaltige Herausforderung. Der Internist Günter Straub aus dem Wehrer Ärztehaus spricht von „einem geschärften Bewusstsein der Bevölkerung“, die seit etwa anderthalb Wochen zu einem erhöhten Patientenaufkommen führt. „Einige Wehrer Bürger waren vor kurzem noch geschäftlich oder privat in der Region Lombardei, Emilia Romana, Südtirol und bei der Rückkehr stark grippal“, so Straub. Ein Alarmsignal für wohl jeden Mediziner. Das Problem: Kommen möglicherweise infizierte Patienten in die Sprechstunde, könnten sie in der Praxis Patienten mit anderen Vorerkrankungen anstecken. Dies hätte nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Virus möglicherweise fatale Folgen.

Verheerende Auswirkungen hätte es zudem, wenn sich das medizinische Personal anstecken sollte. Ein einziger Fall hätte die Quarantäne des gesamten Teams und damit die vorübergehende Schließung der Praxis zur Folge. Deshalb habe der Selbstschutz des medizinischen Personals oberste Priorität: „Wir haben in unserer Praxis immerhin einige OP-Mäntel, Handschuhe gibt es natürlich auch, aber FFP-3 Masken sind rar“, so Dr. Straub. „Wir haben noch 50 Masken bestellt, werden sie aber möglicherweise nicht bekommen.“ Für das Wehrer Ärztehaus stelle sich die Situation noch vergleichsweise positiv dar, „denn manche Allgemeinärzte haben nichts dergleichen zur Verfügung“, so der Internist. Hilfe vom Gesundheitsamt haben diese Ärzte aber nicht zu erwarten: „Jede medizinische Einrichtung muss in eigener Zuständigkeit die jeweils notwendige medizinische Ausrüstung beschaffen, kein Gesundheitsamt muss oder kann Schutzausrüstungen für Praxen besorgen“, so das Gesundheitsamt im Landratsamt Waldshut.

In der Not hat sich Dr. Straub nun einen Corona-Schutzhelm selbst gebastelt. Seit vergangenem Mittwoch behandelt der Mediziner damit Patienten mit verdächtigen Symptomen und nimmt Abstriche zur Laboruntersuchung – auf dem Parkplatz am Nebeneingang seiner Praxis, damit potentiell Infizierte nicht mit anderen Patienten in Kontakt kommen.

Eigenschutz hat Priorität: Weil die Schutzausrüstung knapp ist, hat sich Dr. Günter Straub einen Schutzhelm gebastelt. Was kurios aussieht, hat einen ernsten Hintergrund.
Eigenschutz hat Priorität: Weil die Schutzausrüstung knapp ist, hat sich Dr. Günter Straub einen Schutzhelm gebastelt. Was kurios aussieht, hat einen ernsten Hintergrund. | Bild: Ärztehaus Wehr

Ähnlich reagieren auch andere Hausärzte im Landkreis, die „Verdachtsfälle“ nicht in die Praxen bitten, sondern über ein Fenster behandeln. Der Grund ist einleuchtend: Auch wenn die Viruserkrankung nicht in vielen Fällen lebensgefährlich verläuft, bedroht das Virus eine wesentliche Komponente unserer Infrastruktur. Eine ungehemmte Ausbreitung des Virus auch auf Arztpraxen muss deshalb unbedingt vermieden werden.

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Für Dr. Günter Straub kann die Behandlung auf dem Praxisparkplatz allerdings nur eine Übergangslösung sein. Von Kassenärztlicher Vereinigung und Gesundheitsämtern erwartet er deutlich mehr Untersützung: „Vor allem geht es um die Einrichtung von Abstrichstellen, mobil oder ortsgebunden in Notfallpraxen, Rekrutierung von freiwilligen Ärzten für den Seucheneinsatz“, so Straub. Ein mobiles Untersuchungsprogramm ist beispielsweise in Basel gestartet. Im Kanton Baselland sollen in dieser Woche mobile Teams – gebildet aus Medizinischen Praxisassistenten – unterwegs sein. Sie führen Tests zu Hause bei möglicherweise an Corona-Erkrankten durch.

Was tun im Verdachtsfall?

  • Personen mit Krankheitssymptomen und dem Verdacht, mit Coronavirus infiziert zu sein, sollen vorab in der Arztpraxis anrufen und ihren Verdacht äußern. Bitte gehen Sie nicht unangemeldet zu Ihrem Arzt oder in eine Klinik!
  • Anhand Ihrer Angaben klären der Arzt, gegebenenfalls. mit dem Gesundheitsamt zusammen für jeden Fall das individuelle Vorgehen.
  • Bis zur Klärung des weiteren Vorgehens wird den Betroffenen empfohlen, zu Hause zu bleiben und den Kontakt zu anderen Personen auf das Minimum zu beschränken.
  • Gemäß den Angaben des Robert-Kochs-Instituts liegt ein begründeter Verdachtsfall vor, wenn:
    - Symptome einer Atemwegserkrankung bestehen und bis zu 14 Tage zuvor ein Kontakt zu einem bereits labordiagnostisch bestätigten Coronavirus – Erkrankten bestand
    oder
    - Symptome einer Atemwegserkrankung bestehen und ein Aufenthalt in einem Risikogebiet bis maximal 14 Tage vor Erkrankung stattfand.
  • Risikogebiete gemäß Robert-Koch-Institut sind aktuell: In China: Provinz Hubei; im Iran: Provinz Ghom, Stadt Teheran; in Italien: Südtirol, Region Lombardei, Stadt Vo in Region Venetien, Region Emilia-Romagna.
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