Frau Bächle, wann merkten Sie, dass mit Ihren Ohren etwas nicht stimmt?

Mitte der 70er Jahre sagte ein Ohrenarzt mir, dass mir das hohe C fehlen würde und ich in den nächsten zehn Jahren das Gehör verlieren würde. Das hohe C vermisst man nicht und ich habe ihm nicht so richtig geglaubt, aber er hatte recht. Ich habe es lange überspielt, aber als mein Sohn in der Schule auffiel, weil er so laut redete, Kunden im Geschäft meinten, ich solle sie nicht anschreien und ich dann auch Probleme mit meinem Mann bekam, ging das irgendwann nicht mehr.

Was passierte dann?

Ich bekam ein Hörgerät, aber ich habe eine Art Neurodermitis im Ohr. Wir haben verschiedenste Materialien ausprobiert, aber es ging nicht.

Ihre Cochlea Implantate bekamen sie aber erst 2010, das heißt, Sie haben viele Jahre mit ihrer Gehörlosigkeit gelebt, wie waren diese Jahre?

Nichts hören trennt vom Leben und den Menschen. Man wird wütend und aggressiv, wenn man nicht versteht, was andere sagen. Man geht irgendwann nicht mehr unter Leute, bleibt zuhause, kapselt sich immer mehr ab und wird immer einsamer. Man schaut nicht mehr Fernsehen, weil sich alle beschweren, es wäre zu laut. Man wird psychisch krank. Mein Leben war für mich nicht mehr lebenswert.

Abkapseln war der falsche Weg?

Ja, ich weiß heute, dass es besser ist, offen mit seinen Hörproblemen umzugehen, damit auch andere offen damit umgehen können. Man stößt selten auf Ablehnung, wenn andere Bescheid wissen. Was auch hilft, sind Menschen an der Seite, denen gleiches widerfahren ist und die nachempfinden können, wie es einem geht. In Selbsthilfegruppen trifft man solche Menschen. Mir hat meine sehr geholfen.

Was war das für eine Selbsthilfegruppe?

Wir trafen uns regelmäßig in Kadelburg bei Udo Barabas, der Träger von Cochlea Implantaten war. Er ist leider Ende 2017 verstorben. Danach hat sich die Selbsthilfegruppe aufgelöst. Ich bin jetzt dabei, die Gruppe als neue Leiterin wieder aufzubauen und hoffe, es klappt.

Haben Sie in Ihrer damaligen Gruppe von der Möglichkeit, mit Cochlea Implantaten wieder hören zu können, erfahren?

Nein, ich habe Udo Barabas von der Schule gekannt. Auf der Messe 1998 konnte ich mich mit Udo trotz Lärm unterhalten. Da fasste ich den Entschluss, mir diese Implantate auch einsetzen zu lassen. Es hat dann aber noch gut zehn Jahre gedauert, bis es soweit war. 2010 bekam ich in Freiburg mein erstes Implantat, aber mein Ergebnis war zunächst nicht gut und ich war verzweifelt. Die Selbsthilfegruppe hat mir Mut gemacht und geholfen durchzuhalten.

Wann ging es aufwärts?

Ich habe ein halbes Jahr gebraucht um das Hören zu verstehen. Ich hörte dann einen Laut und erkannte eine Krähe, das war ein unglaubliches Erlebnis. Von da an ging es schnell bergauf. Ich habe Logopädie gemacht und mit meinem Mann und meiner Freundin geübt. Ich habe 20 Mal den Staubsauger angemacht und beim 21 Mal den Ton sofort erkannt: das ist ein Staubsauger. Man kann es vergleichen mit dem Spracherwerb eines Kleinkindes. Es hört 100 Mal das Wort Mama und weiß dann irgendwann, wer und was die Mama ist. Geduld ist Voraussetzung beim Cochlea Implantat, das ganz anders funktioniert als ein Hörgerät.

Wie funktioniert es denn?

Cochlea Implantate sind eine Art Computer. Normal Hörende verstehen den Sinn eines Wortes sofort. Ich muss erst im Gehirn zusammensetzen, was ich höre. 22 Elektroden in meinem Innenohr übernehmen bei mir die Funktion der 7000 Haarzellen im Ohr von normal Hörenden. Das Ohr ist außer Betrieb, es sind die Elektroden, die das Gehirn stimulieren. Der Name Cochlea kommt aus dem lateinischen und bedeutet Schnecke, so heißt das Organ im Innenohr, das den Schall in Nervenimpulse umwandelt und ans Gehirn weiterleitet.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten, wie hoch sind sie?

Wenn Hörgeräte nicht helfen, übernehmen die Krankenkassen in der Regel die Kosten. Rund 80 000 Euro sind das für zwei Ohren. Vielen Hörgeschädigten kann heute mit Cochlea Implantaten geholfen werden und die Technik wird immer besser. Aber viele getrauen sich nicht. Ich habe heute eine Gesprächsbeteiligung von rund 70 Prozent und habe damit 100 Prozent des Machbaren erreicht und nehme wieder aktiv am Leben teil. Ich verreise und kann sogar wieder Musik hören.

Wissen Sie, wie viele Hörgeschädigte oder Cochlea Implantat-Träger es im Landkreis gibt?

Nein, die genaue Zahl weiß ich nicht, aber es gibt definitiv viele, die operiert wurden und andere, denen mit Implantaten geholfen werden könnte.

Am kommenden Donnerstag, 12. Juli, trifft sich Ihre Selbsthilfegruppe wieder, richtig?

Ja, um 19 Uhr im Gasthaus Langenstein in der Courtenaystraße 4 in Tiengen. Jeder, der Hörprobleme hat und sich in gemütlicher Runde austauschen möchte, und jeder, der sich über Cochlea Implantate informieren möchte oder sie trägt, ist willkommen. Auch Angehörige von Betroffenen. Jeder kann kommen und unverbindlich reinschnuppern. Wir reden in der Gruppe auch zivilisiert, das heißt nicht durcheinander. Ich bin für die Leitung vom Dachverband, der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft, geschult worden und bekomme von dort Rückhalt. Unterstützung kommt auch von Ansprechpartnerinnen im Landratsamt Waldshut, die uns beispielsweise bei der Suche nach geeigneten Räumen für Veranstaltungen helfen.