Kreis Lörrach/Kreis Waldshut Einzelhandelsanalyse: Ist das Wachstum des Einzelhandels erreicht?

Der Regionalverband hat Ergebnisse der von ihm in Auftrag gegebenen Einzelhandelsanalyse vorgestellt. Zugkraft haben vor allem die Städte, allen voran die Stadt Waldshut-Tiengen, die gemessen an der Einwohnerzahl die größten Einzelhandelsflächen aufweisen kann und zudem die größte Kaufkraft besitzt. Lücken bestehen vor allem im ländlichen Raum.

Lörrach – Die Verkaufsfläche im regionalen Einzelhandel wächst seit Jahren. Inzwischen werden erste Stimmen laut, die eine Grenze dieses Wachstums sehen. Die Branche habe den Zenit erreicht, mutmaßte etwa der Lörracher OB Jörg Lutz dieser Tage. Gleichwohl bleibt sie eine Leitbranche der Region, getrieben nicht zuletzt von Kaufkraftzuflüssen aus dem benachbarten Ausland. Entsprechend entwickele sich die Branche vor Ort weiter dynamisch, ohne dass ein Zentrum dominiere. Zu diesem Fazit kommt eine Einzelhandelsanalyse, die der Regionalverband Hochrhein-Bodensee dieser Tage vorgestellt hat.

  • Der Hintergrund der Analyse: Ursprüngliche Intention der Verbandsverwaltung war es, die Fortschreibung des Regionalplanes mit einem Einzelhandelskonzept abzurunden. Das lehnte die Verbandsversammlung aber ab – nicht zuletzt auf Drängen der Bürgermeister in den Fraktionen der Freien Wähler und der CDU. Der Kompromiss war eine Einzelhandelsanalyse, die auch die Lage im Kanton Schaffhausen mitbetrachtet. Diese hat die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) in Ludwigsburg erarbeitet. Deren Geschäftsführer Stefan Holl stellte diese der Verbandsversammlung dieser Tage in Lörrach vor. Und goss damit Wasser auf die Mühlen der Gegner eines regionalen Konzeptes. „Wir haben kommunalen, aber keinen regionalen Regelungsbedarf“, sah zumindest Martin Albers (CDU) die Bedenken gegen ein solches bestätigt.
  • Der Einzelhandel im Überblick: Laut der Analyse gibt es in den Kreisen Lörrach, Waldshut und Konstanz, also im Gebiet des Regionalverbands, 4117 Einzelhandelsbetriebe mit insgesamt 1,4 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche. Fast 30 Prozent davon entfallen auf Möbel- und Einrichtungshäuser, gut ein Fünftel (22,6 Prozent) auf Lebensmittel. Flächenmäßig drittgrößtes Sortiment sind Bekleidung, Schuhe und Sportartikel (17,8 Prozent), vor Bau-, Garten- und Heimwerkerbedarf (14,2). Der Bereich Gesundheit und Körperpflege also die auf den ersten Blick allgegenwärtigen Drogeriemärkte, die auch ein Magnet für Schweizer Kunden sind, erreichen einen Anteil von 4,2 Prozent. Bücher, Schreib- und Spielwaren liegen bei 2,5, Blumen und zoologischer Bedarf bei 2,2 Prozent. Den Gesamtumsatz der Branche zwischen Schliengen, Weil, Stockach und Konstanz beziffert die Analyse mit 4,5 Milliarden Euro im Jahr.
  • Standorte und Zugkraft: In puncto Standorte konstatiert Holl eine „Fokussierung“ auf städtische Zentren in Grenznähe (Grafik oben). Dort ermittelt die Analyse pro 1000 Einwohner überdurchschnittlich viel Verkaufsfläche, und zwar zwischen 2450 Quadratmeter (Weil) und 5030 Quadratmeter (Waldshut-Tiengen). Der Mittelwert hierzulande liegt dagegen bei 1500, in der Schweiz bei 1800 Quadratmeter. Der Regionalverband kommt im Schnitt dagegen auf 2104 Quadratmeter pro 1000 Einwohner. Das ist deutlich mehr als am Oberrhein (1580 Quadratmeter) oder im Kanton Schaffhausen (1451) und zeigt den hohen Stellenwert der Branche und die überdurchschnittliche Versorgung der Region.
  • Regionale Feinverteilung: Trotz der örtlich teils hohen Handelsdichte sei es aber nicht so, dass eines der Zentren – auch nicht die Oberzentren Lörrach/Weil und Konstanz – andere „dominiert“. Vielmehr seien nicht zuletzt die Mittelzentren wie Rheinfelden, Schopfheim, Bad Säckingen, Waldshut-Tiengen oder Singen ein Schwerpunkt der Handelsaktivitäten. So wird dort in der Summe gut 42 Prozent des Volumens umgesetzt. Dabei gibt vor allem der langfristige Bedarf, also zum Beispiel Möbel, den Ausschlag für die starke Stellung. Weitere gut zehn Prozent des Handelsvolumens entfallen auf Unterzentren wie Kandern, Zell, Schönau, Wehr oder St. Blasien. Die Oberzentren dagegen kommen zusammen auf nur 26,5 Prozent und haben vor allem beim mittelfristigen Bedarf wie Schuhe und Kleidung eine Pole Position. Die verbleibenden gut 20 Prozent entfallen auf Kleinzentren wie Efringen-Kirchen oder Görwihl, die im kurzfristigen Bedarf, also bei Lebensmitteln, einen Anteil von fast 25 Prozent erreichen. In puncto Nahversorgung sei die regionale Verteilung nach wie vor „ausgewogen“, schlussfolgert Holl denn auch.
  • Kaufkraftströme/Zentralität: Eine überdurchschnittliche Versorgung gibt es vor allem entlang der Schweizer Grenze. Das spiegelt die Handelszentralität (Stichwort). Grenzstädte verzeichnen alle mehr oder weniger ausgeprägte Kaufkraftzuflüsse, sind Nutznießer regionaler wie grenzüberschreitender Kaufkraftströme (Grafik unten). Gerade Waldshut-Tiengen profitiert mehr als alle anderen von Kaufkraftzuflüssen, die im konkreten Fall wohl vor allem aus der Schweiz stammen. Aber auch Lörrach und Weil schneiden da gut ab, während Schopfheim bereits einen leichten Kaufkraftabfluss hat und grenzfernere Unterzentren einen noch deutlicheren. Dennoch liegt die Region als ganze im grünen Bereich und hat mit einem Zentralitätswert von im Schnitt 116 Prozent unter dem Strich Kaufkraftzuflüsse, profitiert insgesamt von der Entwicklung.
  • Ladengrößen/Versorgungslage: In puncto Ladengröße zeige sich in der Region eine „ausgeprägte Bedeutung der Großfläche.“ So liegt die durchschnittliche Größe mit einer Fläche von 350 Quadratmetern klar vor anderen Regionen. Am Oberrhein etwa liegt der Mittelwert bei 270 Quadratmeter, deutschlandweit bei 240 Quadratmeter. Andererseits kommen nur knapp neun Prozent der Betriebe auf Flächen von mehr als 800 Quadratmeter, decken aber rund 65 Prozent der gesamten Verkaufsfläche ab. Gleichwohl sei die Versorgung über alle Branchen hinweg überdurchschnittlich mit Spitzen in den Bereichen Hausrat, Einrichtung und Möbel sowie Bekleidung, Schuhe und Sport. Das aber relativierte sich durch die hohen Kaufkraftzuflüsse aus der Schweiz, dem Elsass und aus dem Tourismus. Letztendlich werde „mit Augenmaß geplant“, hielt Holl fest. Indes bleibe die Nahversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs eine „tägliche Baustelle“.
  • Ausblick/Handlungsbedarf: Insgesamt entwickele sich der Handel in der Region besser als im bundes- und landesweiten Vergleich, bilanziert Holl. Dabei spiele die Verflechtung mit der Schweiz eine wichtige Rolle. Diese werde auf hohem Niveau bleiben, auch wenn der Schweizer Einzelhandel daran arbeite, konkurrenzfähiger zu werden. Andererseits zeigten sich an der einen oder anderen Stelle Lücken – vor allem in der Nahversorgung im ländlichen Raum. Eine weitere Unbekannte bleibe der Online-Handel, der sich überall auswirken werde. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund bekomme die Maxime, die Innenstädte zu stärken noch größere Bedeutung ebenso wie der Umgang mit Ausnahmeregelungen für die Märkte auf der grünen Wiese oder Kooperationen in interkommunalen Gebieten, resümiert Holl.
Die Präsentation der Analyse gibt’s auf der Homepage des Regionalverbands. Demnächst wird da auch der Endbericht aufgespielt. www.hochrhein-bodensee.de

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