Die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen hat ein Ermittlungsverfahren eröffnet, nachdem bekannt wurde, dass die inzwischen entlassene Leiterin des Kindergartens Oberlauchringen und ihre Stellvertreterin Kinder bis zum Erbrechen zum Essen und zum Schlafen auf Befehl gezwungen hatten. Inzwischen erhebt eine weitere Mutter neue Vorwürfe. Die katholische Kirche weist diese zurück.

Bereits vor einem Jahr hatte es ein Gespräch gegeben zwischen Müttern, der damaligen Kindergartenleitung und Mitarbeitern der Verrechnungsstelle in Stühlingen, die für die Geschäftsführung des Kindergartens verantwortlich ist. Doch erst jetzt kommen die Vorfälle durch SÜDKURIER-Recherchen ans Licht.

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1. Schon vor einem Jahr haben sich Mütter über die Zustände in der Kita beschwert

Vor fast genau einem Jahr, am 12. Juni 2018, trafen sich drei Mütter, darunter ein Mitglied des Elternbeirats mit der Kindergartenleiterin und ihrer Stellvertreterin, die beiden inzwischen entlassen wurden, sowie Mitarbeitern der Verrechnungsstelle in Stühlingen. In diesem Gespräch haben die Mütter die Verantwortlichen mit folgenden Vorwürfen konfrontiert: „Unsere Kinder wurden gezwungen zu schlafen, obwohl sie nicht müde waren“, erzählt eine der Mütter gegenüber dem SÜDKURIER.

Außerdem berichtet sie davon, dass die Kinder in einem komplett abgedunkelten Raum Mittagsschlaf halten mussten. Die einzige Lichtquelle im Raum sei das Notausgangszeichen gewesen. „Meiner Tochter wurden die Augen zugehalten während des Mittagsschlafs“, fügt die Mutter hinzu. Zudem soll eine Erzieherin Kindern auf die Finger und „auf den Popo“ gehauen haben.

2. Eltern sagen, man habe ihnen mit dem Verlust des Kita-Platzes gedroht, falls sie nicht schweigen

Bei dem Gespräch im Jahr 2018 hätten die Verantwortlichen die Vorwürfe zurückgewiesen, sagte die Mutter eines heute viereinhalb Jahre alten Mädchens.

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Darüber hinaus sei den Müttern damit gedroht worden, dass die Kita-Plätze ihrer Kinder gekündigt werden, sollten sie sich mit anderen Eltern über die Vorfälle unterhalten und sollten ihre Vorwürfe an die Öffentlichkeit dringen.

„Mein Kind wird keinen einzigen Fuß mehr in diesen Kindergarten setzen – und auch in keinen katholischen Kindergarten mehr“, sagt die Mutter. Sie hat am Freitag die Konsequenzen aus den Vorfällen in der Kita gezogen und ihre Tochter von der Einrichtung abgemeldet. Ab nächster Woche wird das Mädchen einen kommunalen Kindergarten in einer Nachbargemeinde besuchen.

Die Mutter ist selbst gelernte Erzieherin, arbeitet aber derzeit in einem anderen Beruf. Weil sie befürchtet, keine Stelle mehr in ihrem Ausbildungsberuf zu bekommen, möchte sie anonym bleiben; diesen Wunsch respektieren wir.

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3. Laut Ordinariat war den Vorwürfen von 2018 nichts dran

Die Verrechnungsstelle Stühlingen hat der Kindergartenleiterin und ihrer Stellvertreterin zum 31. Mai 2019 gekündigt. Doch warum erfolgte die Entlassung erst ein knappes Jahr, nachdem Mütter die Einrichtung mit ihren Vorwürfen konfrontiert hatten? „Die Vorwürfe wurden unmittelbar überprüft, nachdem sie vorgebracht wurden. Die Aufsichtsbehörde, der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) wurde darüber sofort informiert. Der KVJS hat die Vorwürfe untersucht und sie nicht bestätigen können. Auch eine eigene Untersuchung durch den Träger der Kita kam zum selben Ergebnis“, teilt das Erzbischöfliche Ordinariat Freiburg auf Nachfrage des SÜDKURIER mit.

Auf die Frage, wie das Ordinariat auf die neu vorgebrachten Vorwürfe reagiert, heißt es aus Freiburg: „Sollten weitere stichhaltige Vorwürfe vorgebracht werden, werden diese selbstverständlich überprüft und – wie bisher schon – die notwendigen strafrechtlichen und arbeitsrechtlichen Konsequenzen eingeleitet. In jedem Fall ist der Träger aber auf überprüfbare Informationen angewiesen.“

Am Donnerstag hatte das Erzbischöfliche Ordinariat auf SÜDKURIER-Nachfrage eingeräumt, dass Kinder in der Tagesstätte in Oberlauchringen zum Essen und Schlafen gezwungen worden waren. Die mittlerweile entlassene Kindergarten-Leiterin hat auf Anfragen des SÜDKURIER bislang nicht reagiert.

4. In diesem Frühjahr weitet sich der Skandal laut einer Mutter aus

Offen erzählt die betroffene Mutter, was ihrer Tochter und anderen Kindern in der Oberlauchringer Kita in den vergangenen Monaten widerfahren sei. „Eines Tages hatte ich früher als sonst Feierabend und kam unangemeldet vor der regulären Abholzeit in den Kindergarten. Da sah ich meine Tochter allein am Tisch sitzen.“ Eine Stunde saß das kleine Mädchen dort – als Strafe, weil es seinen Teller nicht leer gegessen hatte.

Ein anderes Mal habe ihre Tochter nicht am Wandertag mit den anderen Kindern teilnehmen dürfen und sei stattdessen mit der inzwischen entlassenen Kindergartenleiterin als Strafe für eine Nichtigkeit in deren Büro eingesperrt worden.

Nach den Darstellungen der Frau schreckten Erzieherinnen auch nicht vor Gewalt zurück: „Ich habe gesehen, wie die inzwischen entlassene stellvertretende Kindergartenleiterin ein Kind grob am Arm gezogen, es auf den Boden gedrückt und angeschrien hat – und das nur, weil das Kind aus Versehen mit den Schuhen an die Wand gekommen war“, behauptet die Mutter. Diese Vorwürfe hat das Ordinariat am Freitag zunächst zurückgewiesen.

5. Erst eine Aushilfskraft deckt die Missstände auf

Offenbar haben viele Beteiligte lange Zeit weggeschaut – erst eine Aushilfskraft deckte die Missstände auf. Ans Licht gekommen sind die Vorfälle nämlich erst, nachdem eine Erzieherin, die nicht zum festen Personal des Kindergartens Oberlauchringen gehört, diese beobachtet und gemeldet hatte. Das bestätigen mehrere Eltern. Daraufhin haben die Trägerin der Kita, die Seelsorgeeinheit Mittlerer Hochrhein St. Verena, und die Geschäftsführung zunächst den Elternbeirat und anschließend alle Eltern in Kenntnis gesetzt. „Man hat uns informiert, aber viel zu spät“, sagt die Mutter, deren Tochter laut eigener Aussage im Büro eingesperrt wurde, gegenüber dem SÜDKURIER.

Auch wenn die Verantwortlichen mittlerweile Konsequenzen gezogen haben und die Kindergartenleiterin und ihre Stellvertreterin entlassen haben, ist es für die betroffene Mutter damit nicht getan. „Für mich sind alle Erzieherinnen im Kindergarten Mittäterinnen, denn sie haben zugeschaut“, sagt sie. Ihrer Meinung nach hätte man die Einrichtung vorerst schließen müssen, um die Vorfälle umfassend aufzuarbeiten.

6. Erzbischof Stephan Burger bezieht klar Stellung und verlangt vollumfängliche Aufklärung

„Kinderschutz hat für mich persönlich höchste Priorität. Jeder einzelne Fall einer Verletzung des Kindeswohls wiegt schwer und muss vollumfänglich aufgeklärt werden“, sagt der Freiburger Erzbischof Stephan Burger auf Nachfrage des SÜDKURIER. Es sei nicht hinnehmbar, wenn ein Kind in einer Einrichtung der katholischen Kirche Angst und Übergriffen ausgesetzt ist.

„Ich bitte meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit ganzer Kraft und all ihrer Kompetenz jeden einzelnen Vorwurf nachzugehen und den Kindergarten Oberlauchringen wieder zu einem Ort zu machen, an dem Kinder Wertschätzung, Achtsamkeit und grenzachtenden Umgang durchgehend erleben und vor jeglicher Gewalt und Grenzverletzung geschützt werden. Hierfür muss selbstverständlich mit den zuständigen Behörden zusammengearbeitet werden“, so der Erzbischof.

7. Verdacht auf Misshandlung von Kindern: Jetzt ist die Staatsanwaltschaft aktiv

Nach Bekanntwerden der Vorgänge hat die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Florian Schumann, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, sagt auf Anfrage: „Es wird geprüft, ob ein strafrechtlich relevantes Verhalten gegeben ist.“ Strafrechtlich gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung. Ob ihr Handeln ungesetzlich war, hätte am Ende allein ein Gericht zu entscheiden.

8. Das sagt eine andere Erzieherin: Bitte schert uns nicht über einen Kamm

„So ein Verhalten der Erzieherinnen ist ein absolutes No-Go. Sie schädigen nicht nur die Kinderseelen, sondern auch den Ruf der Erzieherinnen, die sehr liebe- und verständnisvoll mit den Kindern umgehen“, sagt Silvia Schindler. Sie selbst bezeichnet sich als „Erzieherin aus Leidenschaft“. 25 Jahre lang leitete sie das frühere Kinder- und Jugendhaus in Kadelburg.

Inzwischen arbeitet Silvia Schindler im Kinderbüro der Gemeinde Küssaberg und in der Grundschule in Kadelburg als Betreuungskraft. „Das schönste Geschenk eines Kindes ist ein Lächeln und die herzliche Begrüßung an jedem Morgen“, sagt sie über ihre Arbeit mit Kindern. Trotz der schwerwiegenden Vorgänge im Kindergarten Oberlauchringen appelliert sie an ihre Mitbürger, nicht alle Erzieherinnen „über einen Kamm zu scheren“.

9. Die Gemeinde Lauchringen setzt in ihren eigenen Kitas auf regelmäßige Gespräche

„Mir steht es nicht zu in einem Kindergarten, der in einer anderen Trägerschaft steht, Vorgänge zu beurteilen, deren Hintergründe ich nicht kenne“, sagt Thomas Schäuble, Bürgermeister von Lauchringen, auf unsere Nachfrage. Er selbst sei kurz bevor der Elternbeirat von den Vorfällen unterrichtet wurde, von den verantwortlichen Personen der Verrechnungsstelle Stühlingen informiert worden, wie er mitteilt.

Auf die Frage, welche Kontrollmechanismen es in den kommunalen Kindergärten gibt, um solche oder ähnliche Vorfälle möglichst zu verhindern, antwortet der Verwaltungschef: „Unsere pädagogische Arbeit in unseren Betreuungseinrichtungen richtet sich nach den Einrichtungskonzeptionen, die von den Betreuungsteams selbstständig erarbeitet und weiterentwickelt werden.“ Zwischen den Einrichtungsleitungen und der Gemeinde als Träger finden regelmäßig Planungsgespräche statt.