Andere Länder, andere Sitten – das gilt nicht nur für Reisende und Auswanderer, sondern auch für Grenzgänger. Wer im Nachbarland Schweiz arbeitet, muss einiges beachten. Das trifft im Landkreis Waldshut auf über 14000 Grenzgänger zu, die täglich auf dem Weg zur Arbeit die Grenze überqueren. Mit 7290 Grenzgängern fährt die Hälfte aller Grenzgänger des Landkreises in den direkten Nachbarkanton Aargau.

Die Zahlen im Einzelnen.
Die Zahlen im Einzelnen. | Bild: SK

Als Grenzgänger ist es besonders wichtig, sich über die formellen Besonderheiten zu informieren. Im Bereich Steuern und Sozialversicherung ergeben sich Unterschiede zum deutschen Arbeitgeber. Die Steuern werden an den deutschen Staat gezahlt. Ausnahme ist nur eine Quellensteuer von 4,5 Prozent, die die Schweiz erhält. Bei Sozialversicherungen kann der Grenzgänger wählen, ob er lieber eine deutsche oder eine schweizerische Versicherung haben möchte.

Alexander Maas, Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Südwest, warnt davor, die Formalitäten zu unterschätzen: „Es kann immer wieder vorkommen, dass Grenzgänger trotz der Harmonisierung der Sozialversicherung sowie des Doppelsteuerabkommens formelle Hürden zu meistern haben, gerade dann, wenn sie in besondere Situationen geraten, wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit.“

Hilfe erhalten Grenzgänger bei zahlreichen Vereinen, Interessengemeinschaften und Verbänden im Landkreis. Diese bieten teilweise auch Unterstützung bei der Steuererklärung an. Grenzgänger müssen bei der Steuerzahlung den aktuellen Wechselkurs im Auge behalten. Informationen geben unter anderem auch das Finanzamt und die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein Bodensee.

Trotz des formellen Aufwands steigt die Anzahl der Grenzgänger weiter an. Seit 2008 sind im Schnitt jährlich 602 Grenzgängerbewilligungen im Landkreis Waldshut hinzugekommen. „Wenn man den stetigen Zuwachs der Grenzgängerzahlen der letzten Jahre betrachtet, liegt die Vermutung nahe, dass die Entwicklung so weiterverlaufen wird“, sagt Alexander Maas.

Die Serie

Die Serie „Der Landkreis mal zehn“ nimmt jeden Monat den Kreis Waldshut unter die Lupe und beleuchtet bis zum Ende des Jahres noch folgende Themen:

  • 4. Oktober: Grenzgänger
  • 8. November: Retter im Ernstfall
  • 6. Dezember: Geschichte

Hätten Sie es gewusst?

Der regionale Einzelhandel profitiert deutlich von zahlreichen Schweizer Einkäufern. "Die Einkaufsstraße in Waldshut gehört, im Verhältnis zur Einwohnerzahl gesehen, zu den umsatzstärksten in Deutschland; viele Läden und Geschäfte – und damit Arbeitsplätze – gibt es hier nur dank der Kunden aus der Schweiz", erklärt Alexander Maas, Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Südwest. Laut einer Studie der IHK erwirtschaften Geschäfte in der Region bis zu 40 Prozent ihres Umsatzes durch Schweizer Grenzgänger.

 

"Die direkte Nachbarschaft zur Schweiz bringt Chancen und Herausforderungen"

Alexander Maas ist Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Südwest. Im Interview spricht er über Einflüsse der Grenznähe auf die heimische Wirtschaft.
 

Herr Maas, warum lohnt es sich, trotz der hohen Löhne in der Schweiz, in unserer heimischen Wirtschaftsregion zu arbeiten?

In erster Linie lohnt es sich natürlich hier in der Region zu arbeiten, weil wir eine aktive und vielseitig strukturierte Wirtschaftsregion mit einer Vielzahl innovativer kleiner und mittelständischer Unternehmen haben. Zahlreiche „Hidden Champions“, also innovative mittelständische Unternehmen, die in ihrem Bereich Marktführer sind, bieten vielversprechende Karrierechancen. Außerdem fördern viele Arbeitgeber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und ermöglichen flexible Arbeitszeiten. Auch der Landkreis Waldshut ist auf diesem Gebiet sehr engagiert, wie das Online-Portal familienPLUS zeigt.

Wir können nur immer wieder darauf hinweisen, dass die Löhne in Deutschland zwar geringer sind, aber man dafür meist auch einen kürzeren Weg zur Arbeit und oft eine kürzere Arbeitszeit hat, was ein Mehr an Freizeit bedeutet, die man wiederum für die vielen schönen Dinge, die unsere Region bietet, nutzen kann.


Welchen Einfluss hat die Grenznähe zur Schweiz für die Wirtschaftsregion des Landkreises Waldshut?

Die direkte Nachbarschaft zur Schweiz bringt für unsere Region sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich. An erster Stelle sei der Fachkräftemangel genannt, welcher in ganz Deutschland aufgrund des demografischen Wandels besteht. Bei uns wird er aber durch sogenannte Endzugseffekte, also die Abwanderung von Arbeitnehmern in die Schweiz, zusätzlich verschärft. Dies trägt zwar zu einer der geringsten Arbeitslosenquoten in Baden-Württemberg bei, aber alle Branchen klagen mittlerweile über die zunehmend problematische Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften. Die Nähe zur Schweiz bringt auch den Nachteil mit sich, dass hier vieles teurer ist und (bezahlbarer) Wohnraum immer knapper wird. Nichtsdestotrotz muss man darauf hinweisen, dass der Einzelhandel, die Handwerksbetriebe, das Dienstleistungs- und Gastgewerbe enorm von der hohen Kaufkraft der Schweizer profitieren. Dank des Schweizer Arbeitsmarktes haben wir allerdings auch wieder einen Vorteil, was die Bevölkerungsstruktur betrifft. So ziehen immer noch mehr Menschen in die Region als weg, insbesondere junge Familien.

Nicht vergessen werden darf zudem, dass die Grenzgänger zu einem Einkommenstransfer und erhöhten Steueraufkommen auf deutscher Seite beitragen.


Wie beeinflussen deutsche Grenzgänger die Schweizer Wirtschaft?

Die Diskussion im Rahmen der Massen-einwanderungsinitiative zeigt, dass die Grenzgänger eine große Bedeutung für die Schweizer Wirtschaft, insbesondere in Grenznähe, haben. Ohne die über 60000 Grenzgänger aus Deutschland hätte die Schweiz schlichtweg zu wenige, insbesondere hochqualifizierte Fachkräfte. Auf die Gesamtschweiz gesehen, spielen deutsche Grenzgänger eine geringere Rolle. Nur etwa 20 Prozent der Grenzgänger in der Schweiz kommen aus Deutschland, davon aber 15 Prozent aus der Region Hochrhein-Bodensee. Die Wirtschaft in der Nordwestschweiz ist in hohem Maße von dem Zustrom der Arbeitskräfte aus Deutschland abhängig; hier kommen fast 60 Prozent der Grenzgänger aus Deutschland.

Fragen: Lena Mehren Foto: Wirtschaftsregion Südwest