Der Besucherandrang war riesig bei der Ausstellungseröffnung im Schloss Bonndorf, dem Kulturzentrum des Landkreises Waldshut. Der renommierte Bild-Erzähler und Illustrator Christoph Niemann (48) aus Berlin zeigt hier seine neue Ausstellung „Bewegte Bilder“. Landrat Martin Kistler sagte bei der Begrüßung der zahlreichen Besucher: „Wir betreten mit dieser Ausstellung neue Räume: Erstmalig zeigen wir Illustrationen und bewegte Bilder, für die wir viel Technik einrichten mussten. Und es ist zugleich das erste Programm unserer neuen Kulturreferentin Susanna Heim.“

Die bewegliche Arbeit „Beach“. Aus der Zeitung rinnen Blutströpfchen, die die Urlaubsidylle stören.
Die bewegliche Arbeit „Beach“. Aus der Zeitung rinnen Blutströpfchen, die die Urlaubsidylle stören. | Bild: Rosemarie Tillessen

Der Betrachter ist verblüfft. Was sind das für ungewöhnliche Arbeiten? Piktogramme? Bewegliche Zeichnungen? Skizzen und Tuschezeichnungen von Alltagssituationen? Bildergeschichten mit hintergründigen Botschaften? Es ist wohl von allem etwas. Bettina Richter vom Museum für Gestaltung in Zürich, die in die Ausstellung einführte, brachte es auf den Punkt: „Christoph Niemann ist ein visueller Geschichtenerzähler mit neuen Gestaltungsmitteln und Vermittlungsformen. Er wählt vertraute Alltagssituationen, die er mehrdeutig ironisiert und mit Witz, Charme und Humor übersteigert. Bei ihm lernt man Vertrautes völlig neu sehen.“

Blick in einen der Ausstellungsräume mit den staunenden Besuchern.
Blick in einen der Ausstellungsräume mit den staunenden Besuchern. | Bild: Rosemarie Tillessen

Da liest etwa in dem Video „Beach“ ein Mann in Ferienlaune entspannt die Zeitung, doch plötzlich tropft Blut aus dem Papier und man sieht Bilder von Gewalt und Terror: Damit spielt Niemann auf die Parallelwelt und Absurdität an, in der wir uns täglich bewegen. Oder er lässt statt des Zuges eine gezeichnete Uhr mit ihren Zeigern in großen Schritten über die Schienen hetzen, bis ein Dirigent die Laufschritte junger Mädchen dirigiert: Eine surreale Anspielung auf die Bedeutung der Zeit und der Bewegung in unserem Leben?

"Trompe l'oeil" nennt Christoph diese ironische Selbstbetrachtung mit einem beweglichen Auge. Das Bild war Cover des Magazins "The New Yorker".
"Trompe l'oeil" nennt Christoph diese ironische Selbstbetrachtung mit einem beweglichen Auge. Das Bild war Cover des Magazins "The New Yorker". | Bild: Rosemarie Tillessen

Köstlich und humorvoll ist schließlich sein „Sunday Sketch“ von einem Eisberg und einem Schiffsbug, vor dem plötzlich ein (gezeichneter) Mann aus dem Wasser springt, nachdem man ihn vorher genussvoll in einem Bugauge schaukeln oder auf einem Eisberg reiten sah. Das alles ist schwer zu beschreiben; man muss es einfach anschauen. Und natürlich auch den Blick auf den Hudson-River, dessen Autos und Schiffe von einem riesigen Klavierspieler bewegt werden.

Auch dieses Kraftwerk – Christopher Niemann nennt es "Machine" – ist beweglich.
Auch dieses Kraftwerk – Christopher Niemann nennt es "Machine" – ist beweglich. | Bild: Rosemarie Tillessen

Niemann selbst, dessen Bilder häufig im "Zeit"-Magazin oder in „The New Yorker“ erscheinen, sagt zu seinen Arbeiten: „Ich will die Welt verändern, aber ich will doch auch alles erhalten.“ So stellt er ständig seine Alltagswelt infrage und gestaltet und bearbeitet sie mit zweckfreier und hemmungsloser Kreativität. Selten blieben Ausstellungsbesucher in Bonndorf so ausdauernd vor Kunstwerken stehen – um zu staunen, sich irritieren oder amüsieren zu lassen.