„Erst wenn es ihren Tieren gut geht, können die Menschen an sich selbst denken“, sagt Uwe Braun. Er und Nathalie Hinnenberger sind die Initiatoren der Tiertafel Südbaden. Die Idee: Futter- und Sachspenden werden an bedürftige Tierhalter verteilt.

„Natürlich dient unser Angebot in erster Linie der Versorgung der Tiere. Wir freuen uns, wenn wir verhindern können, dass sie schlecht versorgt werden oder im Tierheim landen“, sagt Uwe Braun. Aber der Gedanke, der dahinter steckt ist deutlich weitreichender: „Wer sein Tier liebt – und das tun die meisten Tierhalter aufrichtig – der wird nie an dessen Versorgung mit Futter oder medizinischer Behandlung sparen. Sondern immer bei sich selbst“, erklärt Nathalie Hinnenberger. Das teils mit fatalen Folgen für die eigene Gesundheit, wie das Paar aus Steinen-Weitenau weiß. Diesen Menschen soll die Tiertafel helfen.

Wie funktioniert die Tiertafel?

Die Tiertafel ist ein ehrenamtliches Projekt, das bedürftige Tierhalter mit Futterspenden unterstützt und damit finanziell entlastet. „Wir decken aber nur 80 Prozent des Bedarfs ab, denn etwas Eigenleistung muss dennoch sein“, sagt Nathalie Hinnenberger. Hinzu kommen Zubehörspenden. Die freiwilligen Helfer der Tiertafel kümmern sich dann um die Übergabe der Dinge an Orten, die die Empfänger gut erreichen können. Jeglicher Geldfluss ist ausgeschlossen.

Seit wann gibt es dieses Angebot und wie viele Menschen nutzen es?

„Wir sind mit der Tiertafel Südbaden am 4. November 2019 gestartet. Zunächst etwas abseits der Öffentlichkeit, um der weihnachtlichen Spendenstimmung etwas auszuweichen. Denn Weihnachten ist nur einmal im Jahr, bedürftige Menschen und ihre Tiere brauchen aber das ganze Jahr über Unterstützung“, erklärt Uwe Braun. Mittlerweile zählt die Tiertafel im Landkreis Lörrach rund 80 registrierte Kunden, im Landkreis Waldshut, wo das Angebot aktuell erst aufgebaut wird, bereits 20. „Wir haben sogar eine Tierhalterin aus Singen im Kreis Konstanz, die von Roswitha Hausin vom Kreis Waldshut aus versorgt wird. Die Frauen treffen sich zur Futterübergabe auf halber Strecke.“

Kann jeder Tierhalter Spenden der Tiertafel beziehen?

„Nein, der Tierhalter muss seine Bedürftigkeit nachweisen. Wir müssen wissen, mit wem wir es zu tun haben“, betont Uwe Braun. Dies soll verhindern, dass das Angebot ausgenutzt wird. Am einfachsten sei der Nachweis der Bedürftigkeit bei den Kunden der regionalen Tafelläden. „Wer hier einkaufen darf, lebt am absoluten Existenzminimum und hat das nachgewiesen“, erklärt Braun.

Aber auch Menschen ohne die im Tafelladen benötigten Berechtigungsscheine können sich bei Uwe Braun melden: „Wir schauen die individuelle Situation des Tierhalters an.“ Was ihm sehr wichtig ist: „Wir unterstützen keine Neuanschaffungen. Der Halter muss nachweisen, dass sein Tier mindestens seit drei Monaten bei ihm lebt.“

Gibt es über die Futterspenden hinaus weitere Angebote?

Registrierte Tiertafelmitglieder haben die Möglichkeit sich aus der „Wunschkiste“ auf der Internetseite etwas auszusuchen. Hier finden sich verschiedene Zubehörartikel, vom Halsband bis zur Katzenklappe. „Über die Wunschliste können Kunden mitteilen, was sie an Zubehör benötigen. Diesen Wunsch veröffentlichen wir dann anonym und wenn eine entsprechende Spende eingeht, kümmern wir uns um die Übergabe“, erklärt Uwe Braun. Ganz neu ist eine Plattform für Tiersitting zwischen Bad Säckingen und Waldshut, Grenzach bis Rheinfelden und Weil am Rhein. „Dahinter steht der Gedanke, dass man sich gegenseitig unterstützt, wenn es um die Betreuung der Tiere, beispielsweise bei einem Klinikaufenthalt geht“, erklärt Nathalie Hinnenberger. Uwe Braun ergänzt: „Die Sitter und die Tierhalter organisieren sich hier selbst und die Tiertafel übernimmt in der Zeit der Abwesenheit von Herrchen oder Frauchen das Futter zu 100 Prozent.“

Wie sieht die Infrastruktur derzeit aus?

„Derzeit haben wir nur wenige Möglichkeiten die Spenden zu lagern“, erklärt Uwe Braun. Im Tafelladen in Lörrach, wo das Paar immer dienstags alle zwei Wochen die Futterspenden ausgibt, gebe es etwas Platz zu lagern und seit Kurzem sei ein weiterer Lagerraum im Murger Ortsteil Niederhof zur Verfügung gestellt worden. Von hier aus und vom Hof von Uwe Braun und Nathalie Hinnenberger aus, werden die Spenden ausgefahren: „Wir vereinbaren mit den Menschen meist individuell Übergabeorte.“

Sie sind die Initiatoren der Tiertafel Südbaden und hoffen, dass das Angebot in der kommenden Zeit noch besser genutzt wird: Nathalie Hinnenberger und Uwe Braun, hier mit ihren beiden Hunden auf ihrer Schaf- und Lamafarm in Weitenau, einem Ortsteil der Stadt Steinen im Landkreis Lörrach.
Sie sind die Initiatoren der Tiertafel Südbaden und hoffen, dass das Angebot in der kommenden Zeit noch besser genutzt wird: Nathalie Hinnenberger und Uwe Braun, hier mit ihren beiden Hunden auf ihrer Schaf- und Lamafarm in Weitenau, einem Ortsteil der Stadt Steinen im Landkreis Lörrach. | Bild: Olheide, Monika

Wie lässt sich die Tiertafel unterstützen?

Dringend benötigt werden immer Futterspenden. „Die Bereitschaft der Privatleute ist beeindruckend. Oft sind es gerade die, die selbst wenig haben, die uns Spenden geben“, sagt Braun. Besonders wichtig seien allerdings Hunde- und Katzenfutterspenden in größeren Mengen. „Hier hoffen wir auf die Unterstützung des Handels“, so Braun.

Darüber hinaus sucht das Team nach Lagermöglichkeiten für die Futterspenden an verschiedenen Orten in der Region. Braun: „Vielleicht hat ja jemand sogar in kleines Ladenlokal, das auch weiter rheinaufwärts als Ausgabestelle dienen könnte?“

Und es gibt einen weiteren Bereich, der nicht zu unterschätzen sei: Die finanzielle Belastung durch die medizinische Versorgung der Tiere. Uwe Braun, selbst Tierheilpraktiker, sagt: „Es wäre toll, wenn sich auch der eine oder andere Tierarzt fände, der einfache Behandlungen zu besonders günstigen Konditionen für Kunden der Tiertafel anbieten würde.“

Kann man sich als Helfer engagieren?

„Wir sind über jede Form der Hilfe sehr dankbar“, sagt Uwe Braun. Er nennt beispielsweise Fahrdienste oder die Organisation von Angebot und Nachfrage vor Ort. „Wer helfen will, für den finden wir im Gespräch auch sicher eine Einsatzmöglichkeit“, sagt Braun.

Wie sehen die weiteren Pläne aus?

„Wir wollen in den nächsten ein bis zwei Jahren die Tiertafel in unserer Region und darüber hinaus etablieren. Es soll wirklich ein Angebot in ganz Südbaden werden“, sagt Uwe Braun. Gerade Richtung Freiburg bis hoch nach Lahr gebe es vermutlich viele potenzielle Kunden. Richtung Hochrhein und Bodensee lief es gut an.

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„Doch es ist immer eine Frage der Menschen, die sich engagieren und bereit sind, die Initiative zu ergreifen und Verantwortung zu übernehmen“, so Braun. Darum hofft er auf weitere Freiwillige, die in anderen Orten die Organisation übernehmen. „Auf unsere Unterstützung kann dabei jeder zählen“, ergänzt Nathalie Hausin.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Initiatoren?

„Ich finde es ganz schlimm, wenn wir zu hören bekommen, dass die Leute, die kaum noch etwas haben, ihre Tiere abgeben sollen, um Kosten zu sparen“, sagt Nathalie Hinnenberger. Uwe Braun nickt und sagt: „Haustiere sind Lebensbegleiter und nicht selten ist das Tier ein ganz wichtiger Halt für die Menschen. Der Grund, trotz widriger Umstände und Schicksalsschlägen nicht aufzugeben.“

Das Paar war lange selbst in der Obdachlosenhilfe und der Heilsarmee aktiv, kennt unzählige Lebensgeschichten. Uwe Braun betont: „Jeder, wirklich jeder, kann unverschuldet in eine finanzielle Notlage geraten. Niemand muss sich schämen.“ Dies ist der größte Wunsch des Paares: Dass noch viel mehr bedürftige Menschen von der Tiertafel erfahren und bereit sind, diese Hilfe anzunehmen. Nathalie Hinnenberger sagt: „Im Sinne ihrer Tiere und in ihrem eigenen Interesse. Schließlich brauchen die Tiere ebenso sehr ihre Menschen.“

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