Aus dem Alltag von Liane Bordasch, Jägerin aus Wutöschingen: Anruf der Polizei, weil ein Pächter der Nachbarjagd nicht erreichbar ist. Spaziergänger haben auf einer Wiese ein lebendes, aber offensichtlich schwerkrankes Reh bemerkt. „Können Sie sich bitte darum kümmern?“, fragt die Polizei die Jägerin. Vor Ort stellt sich heraus, dass das Reh in der Nacht zuvor angefahren worden ist. Der Autofahrer hat es als unnötig erachtet, dies zu melden.

Liane Bordasch erklärt die Vorzüge der Jagd – auch für Frauen.
Liane Bordasch erklärt die Vorzüge der Jagd – auch für Frauen. | Bild: privat

Das Reh hat sich zwischenzeitlich in die Hecke entlang der Straße verkrochen. Beim Aufprall wurde ihm die rechte Hinterkeule vom Körper gerissen, die Jägerin muss es mit einem Schuss erlösen. „Hätten aufmerksame Spaziergänger nicht die Polizei verständigt, würde das Tier heute noch leiden“, weiß sie. Kurz darauf ruft ein Pächter, in dessen Revier ein Dachs überfahren wurde, an. Er befinde sich in Schaffhausen bei der Arbeit, deshalb die Frage: „Hast du Zeit? Könntest du eventuell?“ Klar kann die Jägerin und entsorgt den Kadaver.

Bernhard Kallup ist Kreisjägermeister des Kreisvereins Badische Jäger Waldshut.
Bernhard Kallup ist Kreisjägermeister des Kreisvereins Badische Jäger Waldshut. | Bild: Rheno van Kreuningen

Das sind nur zwei von vielen Fällen, die zeigen, dass Jäger und Jägerinnen mehr tun, als „einfach nur“ Wildtiere bejagen. Sie kommen vielen Verpflichtungen nach, neben der Versorgung von angefahrenem oder verletztem Wild bei Tag und Nacht auch dem aktiven Natur- und Wildschutz oder dem Schutz vor Wildseuchen. „Jäger sind anerkannte Naturschützer aus Leidenschaft“, erklärt Bernhard Kallup, Kreisjägermeister im Badische Jäger Kreisverein Waldshut, „ihre Kernkompetenzen liegen in der Hege und Pflege eines gesunden und angepassten Wildbestandes.“ Auch das Anlegen von Wildwiesen, Wildäckern, Begrünungen oder Hecken gehört zu ihren Aufgaben.

Anforderungen haben sich negativ entwickelt

Aber: Die Anforderungen und Rahmenbedingungen für die Jagd haben sich, so Bernhard Kallup, „in den letzten Jahren stark negativ entwickelt.“ Neben der immer stärker werdenden Beunruhigung des Wildes durch andere Naturnutzer wie Jogger, Mountainbiker und Reiter zu fast jeder Tages- und Nachtzeit hat insbesondere die Veränderung der Agrarstruktur mit starker Reduzierung der früheren Vielfalt an Anbaupflanzen und -flächen die Jagd beträchtlich beeinflusst, erklärt er.

Jagd wird komplizierter

Viele Pflanzen und Tiere seien von einem starken Rückgang betroffen. Fasane und Niederwild sowie viele Singvogelarten seien hierzulande bereits ausgestorben. Das bedeute, dass die Jagd durch diese Veränderungen komplizierter geworden ist. Denn das Wild werde immer „heimlicher“ und trete oftmals erst zu nächtlicher Stunde auf die Äsungsflächen aus.

Bürokratische Hürden

Hinzu kommt, dass das 2015 in Kraft getretene Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) die Jagdausübung aus Sicht vieler Jäger so erschwert, dass manche Hege- und Pflegemaßnahmen nur nach Erfüllung bürokratischer Hürden erlaubt sind. Bernhard Kallup sagt: „Statt der angestrebten Verwaltungsvereinfachung ist das Gegenteil eingetreten.“ Ein Beispiel: Rehwildfütterung im Winter ist nur nach Vorlage von umfassenden Fütterungskonzeptionen und Genehmigung durch das Ministerium erlaubt, so Kallup.

Helge von Gilsa ist Leiter des Kreisforstamts Waldshut, dem die Jagdbehörde untersteht.
Helge von Gilsa ist Leiter des Kreisforstamts Waldshut, dem die Jagdbehörde untersteht. | Bild: privat

Andererseits gebe es Erleichterungen durch weniger Bürokratie, etwa beim Abschussplan für das Rehwild, der nur noch erforderlich ist, wenn sich Jagdrechtsinhaber und Jagdpächter nicht einigen. „Bei der Regulierung von Wildschäden haben es die Gemeinden heute einfacher“, weiß Helge von Gilsa, Leiter des Waldshuter Kreisforstamts, zu dem auch die Untere Jagdbehörde gehört. Von Gilsa weiter: „Es besteht kein amtliches Vorverfahren mehr, stattdessen werden die Schäden nur noch der Gemeinde angemeldet und die Beteiligten sind aufgerufen, sich unter Einschaltung kostenpflichtiger Wildschadensschätzer zivilrechtlich zu einigen.“

Vieles seit 2015 neu und stärker reglementiert

Jäger müssen seit dem neuen Jagdgesetz auch einige neue sachliche Ge- und Verbote beachten. Zum Beispiel ein Übungsnachweis der Schießfertigkeit vor der Teilnahme an Bewegungsjagden oder das Verbot, bleihaltige Munition zu verwenden. Fallen müssen bei einer Prüfstelle registriert werden und durch die Untere Jagdbehörde genehmigt werden. Da die Fütterung von Wildtieren umstritten ist, braucht es hierfür Konzepte, so ist auch die Kirrung (Lockfütterung) reglementiert. „Das wird von der Jägerschaft durchaus als Bürokratisierung empfunden“, berichtet Helge von Gilsa.

Der Murger Bürgermeister Adrian Schmidle ist auch Jagdpächter.
Der Murger Bürgermeister Adrian Schmidle ist auch Jagdpächter. | Bild: unknown

Adrian Schmidle hingegen, Bürgermeister von Murg und auch selbst Jagdpächter, kommt mit dem neuen Jagdgesetz klar. „Es sind neue Regelungen dazugekommen, aber das ist gut so“, sagt er. Außerdem seien beim Erarbeiten des neuen Gesetzes verschiedene Interessenvertreter wie Umwelt- und Naturschutzorganisationen am Tisch gesessen, auch der Landesjagdverband, der die Interessen der Jäger bündelt, so Schmidle.

Mitgliederzahlen haben sich deutlich erhöht

Trotz mancher Probleme erfreut sich die Jagd aktuell steigender Beliebtheit. Die Mitgliederzahlen im Waldshuter Kreisverein Badische Jäger haben sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren von 570 auf 700 Mitglieder deutlich erhöht. Auch die Frauen unter den Jägern sind auf dem Vormarsch: Dem Kreisverein gehören 60 Jägerinnen an, das entspricht 8,5 Prozent. Bei den Jagdkursen der vergangenen Jahre lag der Anteil der weiblichen Teilnehmer bei rund 20 Prozent.

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Im Landkreis Waldshut gibt es rund 1600 Jagdrechtsinhaber, davon 50 Prozent Schweizer. Der Erwerb des Jagdscheins ist aufgrund der intensiven und umfassenden Ausbildung in Theorie und Praxis mit einem hohen Kostenaufwand verbunden. Das trotzdem derzeit steigende Interesse an der Jagd führt Bernhard Kallup „auf eine verstärkte Hinwendung zur Natur, aber auch zur Gewinnung von Wildbret als gesundem und hochwertigem Lebensmittel“ zurück.