Die Bundestagswahl 1969 war für die Republik ein Epochenschnitt: Nach 20 Jahren musste die CDU in die Opposition, mit Willy Brand wurde erstmals ein Sozialdemokrat zum Kanzler einer sozialliberalen Koalition gewählt. Vor allem in den Universitätsstädten war die politische Stimmung durch die Studentenproteste des Jahres 1968 und der außerparlamentarischen Opposition (Apo) aufgeheizt. International schrieben zwei Krisen Schlagzeilen: Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und der eskalierende Vietnamkrieg.

Der Wahlkampf 1969 war auch am Hochrhein ein ganz besonderer. Dies lag aber nur zum Teil an den brisanten welt- und bundespolitischen Themen, sondern vielmehr an den prominenten Kandidaten. Niemand geringeres als Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger trat im Wahlkreis Waldshut an. Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Kiesinger war 1966 Bundeskanzler einer großen Koalition geworden, ohne selbst Mitglied des Parlaments zu sein. Bei seiner Wiederwahl sollte dies anders sein – also war die CDU auf der Suche nach einem sicheren Wahlkreis für ihr Zugpferd. Als der bisherige Waldshuter Bundestagsabgeordnete Anton Hilbert andeutete, im Herbst 1969 nicht mehr kandidieren zu wollen, stellte die Waldshuter CDU um den Stadtverbands-Vorsitzenden Horst Studinger und den Kreisvorsitzenden Emil Zeller sofort den Kontakt zum Kanzler her und trugen ihm eine Kandidatur am Hochrhein an. „Kurt Georg Kiesinger wird bei der Bundestagswahl 1969 in einem Wahlkreis kandidieren, in dem er keine Chance hat, zu verlieren“, spottete das Magazin „Der Spiegel“ schon Anfang 1968.

Als früherer Ministerpräsident war Kiesinger am Hochrhein äußerst populär, bei seinen Wahlkampfauftritten genoss er immer wieder das Bad in der Menschenmenge oder die Fahrt im offenen Mercedes durch die Ortschaften, wo ihm die Bevölkerung zujubelte. Ob bei der Waldshuter Chilbi, bei Kundgebungen auf dem Wehrer Talschulplatz oder dem Säckinger Münsterplatz: Kiesinger suchte immer wieder den Kontakt zum Volk. Schon 1968, bei der 500. Waldshuter Chilbi, bei der der Bundeskanzler als Festredner eingeplant war. Just an jenem 21. August brach die Nachricht herein, dass die Sowjets in die Tschechoslowakei einmarschiert waren und den „Prager Frühling“ niederschlugen. „Die Chilbi ging weiter, mit Kurt Georg Kiesinger, aber er ließ sich natürlich auf dem Laufenden halten“, erinnerte sich der damalige CDU-Vorsitzende Horst Studinger vor einigen Jahren im SÜDKURIER.

Im Wahlkampf stand der Kanzler einer speziellen Konkurrentin gegenüber: Beate Klarsfeld. Die deutsch-französische Journalistin hatte im November 1968 Bundeskanzler Kiesinger eine Ohrfeige verpasst und damit weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Mit der – schon Monate vorher angekündigten – Backpfeife wollte sie auf Kiesingers NS-Vergangenheit hinweisen, die ihrer Meinung nach in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt war. Kiesinger war im Februar 1933 in die NSDAP eingetreten und im Dritten Reich zum stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt aufgestiegen. Für die Studentenbewegung Ende der 60er-Jahre wurde Kiesinger eine Symbolfigur für mangelhafte Vergangenheitsbewältigung.

Mit der symbolischen Ohrfeige auf dem CDU-Parteitag im November 1968 in Berlin beließ Beate Klarsfeld es nicht: Sie trat als Direktkandidatin für das kommunistisch geprägte Wahlbündnis „Aktion Demokratischer Fortschritt“ (ADF) gegen Kiesinger in dessen Wahlkreis an, begleitete ihn bei seinen Wahlkundgebungen und versuchte mit ihren Anhängern die Reden des politischen Gegners mit „Nazi!“-Rufen zu stören.

Der Bad Säckinger Dieter E. Baumert, damals 17 Jahre alt und gerade Auszubildender, erinnert sich an eine Aktion bei einer CDU-Kundgebung in einem Wehrer Kino: „Wir saßen irgendwo in der dritten Reihe. Jeder hatte ein Transparent mit einem Wort. ‚Wir wollen unseren Kanzler Kiesinger wieder haben’ stand da drauf. Freundliches Lächeln vom Podium, auf dem auch Kiesinger saß. Dann plötzlich ein weiteres Transparent. Und dann steht da: ‚Wir wollen unseren Nazi Kanzler Kiesinger wieder haben’. Großes Geschrei, Kiesinger wird rot, fuchtelt und empört sich, wir werden des Saales verwiesen.“

Der damalige Lokalredakteur und spätere SÜDKURIER-Chefredakteur Gerd Appenzeller schrieb über eine Kiesinger-Klarsfeld-Kundgebung im August 1969 am Hochrhein: „Beate Klarsfeld wirkte etwas verloren in der kleinen, fanatischen Schar ihrer Anhänger. Für sie, so scheint es, war die Kanzlerohrfeige in Berlin Anfang und Ende des Weges in das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Sie wirkte lustlos, die ‚Nazi’-Schreie schienen Pflichtübung.“ In einem Punkt sollte sich Appenzeller irren: Aus der Öffentlichkeit verschwand die unbequeme Beate Klarsfeld nicht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Serge machte sie es sich zu ihrer Aufgabe, frühere Nazi-Verbrecher aufzuspüren, wie beispielsweise Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“.

Eine späte Genugtuung erfuhr Klarsfeld 2015, als sie aus der Hand von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz erhielt. Und noch ein weiterer Protagonist machte den Wahlkampf 1969 zu etwas Besonderem: Der Schriftsteller Günter Grass unterstützte den SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt und reiste ein halbes Jahr durch die Bundesrepublik. Auch in den „Wahlkreis Säckingen- Waldshut, wo die Schwärze Naturgesetz ist“, wie Grass später im Buch „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ schrieb. Im vollbesetzten Säckinger Vereinshaus hielt er seine Wahlkampfrede. „Da es in Säckingen keine Apo gibt, war welche aus Lörrach angereist“, „mit einem apostelhaft schönen Sprecher“. Gemeint ist damit Wilfried Heidt, der Grass fast die Schau stahl mit einer Mischung aus „selbsterdachtem Sozialismus mit alemannischer Anthroposophie“, die er „mit Verkünderstimme“ vortrug, wie Grass schrieb.

Das Wahlergebnis vom 28. September 1969 bringt schließlich zwei Gewinner: Mit dem Kanzlerbonus holt Kiesinger 62,6 Prozent der Erststimmen – bis heute ein CDU-Rekordergebnis. Aber auch sein SPD-Konkurrent Rainer Offergeld schafft es über die SPD-Landesliste nach Bonn. Die 29-jährige Beate Klarsfeld erreicht dagegen nur 0,7 Prozent der Erststimmen. Ihre Partei hatte mit dem Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde geliebäugelt.

Die Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis Waldshut seit 1965

Neun Bundestagsabgeordnete brachte der Wahlkreis Waldshut bislang hervor. Für die CDU war der Wahlkreis stets eine Bank – sie holte bei allen Wahlen die meisten Stimmen. Fünf Christdemokraten wurden direkt gewählt, drei Sozialdemokraten zogen über die Landesliste ins Parlament. Auf dem selben Weg schaffte es zuletzt auch Gabriele Schmidt (CDU).

 

  • Anton Hilbert (CDU) aus Untereggingen war der erste direkt gewählte Bundestagsabgeordnete im 1965 neu eingerichteten Wahlkreis Waldshut. Bei den vier Wahlen zuvor war der Hochrhein aufgeteilt: Der Landkreis Säckingen gehörte zu Lörrach, Waldshut zu Donaueschingen. Hilbert gehörte dem Bundestag schon seit 1949 an – als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Donaueschingen. Hilbert, Jahrgang 1898, war schon in der Weimarer Republik politisch aktiv: Von 1929 bis 1933 war er Mitglied des badischen Landtags – für die Badische Bauernpartei. Nachdem er im April 1933 kurzzeitig wegen „Führerbeschimpfung“ verhaftet worden war, zog er nach Thüringen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Baden zurück und schloss sich der Badischen Christlich-Sozialen Volkspartei an, einer Vorläuferpartei der CDU in Südbaden. In Bonn war er 1949 Mitglied des Parlamentarischen Rats, der das Grundgesetz ausarbeitete.
  • Kurt Georg Kiesinger nutzte den Wahlkreis Waldshut 1969 und 1972 als „sichere Bank“. Mit 62,6 Prozent der Erststimmen holte er 1969 das beste CDU-Ergebnis der Geschichte.
  • Aber auch sein SPD-Konkurrent Rainer Offergeld schaffte es über die Landesliste ins Parlament nach Bonn. 1972 konnte Offergeld seinen Erststimmenanteil von knapp 28 auf 38,8 Prozent ausbauen – bis heute ein Rekord für die Sozialdemokraten. 1976, 1980 und 1983 wird Offergeld – zwischenzeitlich Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit – über die Landesliste wiedergewählt. 1984 wird er zum OB von Lörrach gewählt und gibt sein Mandat zurück.
  • Mit einem neuen Kandidaten geht die CDU 1976 ins Rennen: Norbert Nothhelfer, Landrat des Landkreises Waldshut. Nach einem Jahr gibt er sein Bundestagsmandat allerdings wieder zurück. Ein nach der Wahl erlassenes Gesetz verbietet das Bundestagsmandat mit einem kommunalen Wahlamt. Nothhelfer bleibt bis 1979 Landrat, dann wird er Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Freiburg. 1991 wird er Alleinvorstand der Rothaus Brauerei.
  • 1980 beginnt die Ära Werner Dörflinger (CDU), der für fünf Wahlperioden Mitglied des Deutschen Bundestages wird. Das Direktmandat holt der Tiengener stets mit deutlich über 50 Prozent der Stimmen. Sein bestes Ergebnis erzielt er 1983 mit 60,6 Prozent.
  • Im zweiten Versuch schafft 1994 Karin Rehbock-Zureich für die SPD den Sprung nach Berlin. Sie bleibt bis 2005 im Parlament, in der Zeit der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder erreicht sie Erststimmenergebnisse wie einst Rainer Offergeld in der 70ern: Das beste holte sie 1998: 37,3 Prozent.
  • 1998 tritt Thomas Dörflinger in die Fußstapfen seines Vaters Werner. Er verteidigt das CDU-Direktmandat bei fünf Wahlen, erreicht dabei aber nur einziges Mal die 50-Prozent-Marke.
  • Für die SPD zieht Rita Schwarzelühr-Sutter 2005 ins Parlament – über die Liste, aber mit beachtlichen 37,4 Prozent der Erststimmen. 2009 verpasst sie zunächst den Wiedereinzug. Erst ein Jahr später rückt sie in den Bundestag nach.
  • Ein Novum schaffte Gabriele Schmidt im Jahr 2013: Über die Landesliste zog sie als zweite CDU-Kandidatin aus dem Landkreis Waldshut in den Bundestag. Damit gab es erstmals drei Waldshuter Volksvertreter in Berlin.