Der Hochrhein liegt nur eine halbe Stunde entfernt von William Forsythes Tanztheater, Richard Serras Bildern oder Bushidos Black Friday Tour. Eine halbe Stunde, manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger, braucht man mit dem Auto oder mit dem Zug von Rheinfelden, Bad Säckingen oder Waldshut-Tiengen nach Basel oder Zürich. Von der äußersten südwestdeutschen Peripherie sind es also überraschend kurze Wege zu kulturellen Glanzlichtern von internationalem Maßstab. Doch wie steht es um die kulturelle Grundversorgung?

Größte Kulturveranstaltung in der deutschen Grenzregion ist das seit 1994 stattfindende Lörracher Stimmen-Festival. Das anfangs vom Kulturamt Lörrach, seit 2012 von der privaten Burghof Lörrach GmbH verantwortete Festival mit Spielorten auch in der Schweiz und Frankreich lockt jeden Sommer rund 30 000 Besucher an. Bob Dylan, Paul Simon oder Patti Smith waren schon hier. Doch auch das übrige Jahr über ist der von Geschäftsführer Markus Muffler geleitete Burghof mit einem breit gefächerten Musik- und Kleinkunstprogramm der mit Abstand wichtigste Kulturveranstalter der Region.

Lebendige Kulturszene 


Überhaupt hat die knapp 50 000 Einwohner zählende Kreisstadt Lörrach eine äußerst lebendige Kulturszene, die das von Lars Frick geleitete städtische Kulturamt 2017 mit einem Budget von 4,6 Millionen Euro zu fördern in der Lage ist: Neben dem Burghof wären da das Freie Theater Tempus Fugit, das Kulturzentrum Werkraum Schöpflin, der Verein Bildende Kunst Lörrach, das soziokulturelle Zentrum Nellie Nashorn oder der Club Jazztone, um nur einige zu nennen. Lörrach kann zurecht für sich in Anspruch nehmen, die wichtigste Kulturstadt am deutschen Ufer des Hochrheins zu sein.


Vier kulturelle Höhepunkte am Hochrhein:

  • Kabarett-Herbst in Waldshut-Tiengen
    <strong>Waldshut-Tiengen:</strong> Das Künstlerduo Stenzel und Kivits, das klassische Musik und Humor verbindet, tritt beim Kabarett-Herbst in Waldshut-Tiengen auf. Bild: Henri van de Griendt
    Waldshut-Tiengen: Das Künstlerduo Stenzel und Kivits, das klassische Musik und Humor verbindet, tritt beim Kabarett-Herbst in Waldshut-Tiengen auf. Bild: Henri van de Griendt | Bild: Amt für Kultur VS
    Der Kabarett-Herbst, eine Veranstaltung des Kulturamtes der Stadt Waldshut-Tiengen, geht in seine 16. Saison. Das Konzept der von Kulturamtsleiter Hartmut Schölch initiierten Reihe ist, nicht auf große Namen zu setzen, sondern stets auch neue, in der Region noch unbekannte Künstler zu präsentieren. Schölch: „Die Qualität des Angebots muss jedoch stimmen. So verlässt sich das Publikum darauf, dass es keine Enttäuschung erlebt, sicherlich aber das eine oder andere Mal überrascht wird.“

    Wann? Der 16. Kabarett-Herbst des Kulturamtes der Stadt Waldshut-Tiengen beginnt 23. September mit dem Auftritt von Anna Piechotta. Sie spielt ab 20 Uhr im Ali-Theater in Tiengen ihr Programm „Schneewittchen ist tot“. Insgesamt gibt es sieben Veranstaltungen sowie einen Nachschlag mit zwei Veranstaltungen (diese finden vermutlich im Januar 2018 statt).

    Tickets? Karten für den Kabarett-Herbst gibt es bei der Tourist-Info in Waldshut, bei Reservix sowie in allen Geschäftsstellen des SÜDKURIER Medienhauses. Eine Besonderheit ist das stark reduzierte Festivalticket für alle Veranstaltungen des Kabarett-Herbstes, das ab Dienstag, 1. August, verfügbar ist.
  • Perspektiven in Schloss Bonndorf
    <strong>Der Künstler:</strong> Dirk Brömmel, Jahrgang 1968, studierte an der Akademie der Bildenden Künste der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Freie Kunst mit dem Schwerpunkt Fotografie.<strong>Das </strong><strong>Bild </strong>gewährt aus der Vogelperspektive, wie hier aus der Serie Floss, andere Blickwinkel.
    Der Künstler: Dirk Brömmel, Jahrgang 1968, studierte an der Akademie der Bildenden Künste der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Freie Kunst mit dem Schwerpunkt Fotografie.Das Bild gewährt aus der Vogelperspektive, wie hier aus der Serie Floss, andere Blickwinkel.
    „Perspektiven. Positionen zeitgenössischer Fotografie“ gibt es ab 16. Juli in Schloss Bonndorf zu sehen. Die zweite Ausstellung 2017 im Kreiskulturzentrum des Landkreises Waldshut stellt fotografische Arbeiten in den Mittelpunkt und lenkt die Aufmerksamkeit auf drei ganz unterschiedliche Fotokünstler. Dirk Brömmel aus Wiesbaden generiert mit Hilfe der Digitalfotografie seine ganz eigene Welt. In Bonndorf zeigt er unter anderem Bilder aus der Serie „kopfüber“. Peter Riedlinger lebt in Löffingen-Reiselfingen und Berlin. Er fokussiert sich in seinen Fotoarbeiten auf die Orte gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und blickt mit der Kamera hinter Klischees. Der Japaner Yamamoto Masao setzt hingegen ganz auf die analoge Technik und verwischt in seinen Werken die Grenze zwischen Malerei und Fotografie. Seine Werke sind geprägt von der Zen-Lehre.

    Wann? Die Ausstellung wird am 16. Juli eröffnet und ist bis 5. November zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 12 sowie von 14 bis 17 Uhr.
  • Happy Landing im Gloria-Theater
    <strong>Gloria-Theater Bad Säckingen:</strong> Das Musical "Happy Landing" feiert am 21. Oktober im Gloria-Theater Bad Säckingen Premiere. <sup></sup>Bild: Daniel Schottmüller
    Gloria-Theater Bad Säckingen: Das Musical "Happy Landing" feiert am 21. Oktober im Gloria-Theater Bad Säckingen Premiere. Bild: Daniel Schottmüller | Bild: Daniel Schottmüller
    „Weltpremiere“ heißt es am 21. Oktober im Gloria-Theater Bad Säckingen. An diesem Tag wird „Happy Landing“, die mittlerweile siebte Produktion von Hochrhein Musicals uraufgeführt. Das neue Werk von Gloria-Intendant Jochen Frank Schmidt spielt in den 60er Jahren am John F. Kennedy International Airport in New York. Das Musical dreht sich um Anny, die den Traum aller Amerikanerinnen lebt und als Stewardess um die Welt jettet. Dabei lernt sie den Multimillionär Angus Foster und den Kofferträger Tom kennen. Und schon bald steht die Stewardess vor einer schwierigen Entscheidung – Geld oder Liebe?

    Wann? „Happy Landing“ feiert am 21. Oktober Premiere. Weitere Spieltage sind am 22. Oktober; am 4. , 5. , 18. und 19. November; am 2., 3., 16., 17., 30. und 31. Dezember und am 13. und 14. Januar.

    Tickets? Karten (zwischen 29,90 Euro und 79,90 Euro) gibt es in allen SÜDKURIER-Geschäftsstellen, im Gloria-Theater Bad Säckingen und im Internet (www.happy-landing-musical.de).
  • Paul Klee in der Fondation Beyeler
    Die nächste Ausstellung in der FondationBeyeler im Schweizer Riehen widmet sich dem Künstler Paul Klee (1879 bis 1940) und einem bis jetzt noch kaum untersuchten Aspekt in seinem Schaffen – der Abstraktion. Die Ausstellung umfasst laut Ankündigung des Museums rund 100 Werke von Paul Klee aus allen Schaffensphasen – beginnend mit dem Jahr 1913. Die Leihgaben stammen aus zahlreichen renommierten Institutionen und Privatsammlungen in Europa und Übersee. Neben den Hauptwerken werden auch bisher nur selten ausgestellte Arbeiten gezeigt, die den Künstler laut FondationBeyeler „in einem überraschend neuen Licht erscheinen lassen“. Mit 20 Werken ist Paul Klee – neben Pablo Picasso – der am stärksten vertretene Künstler der Sammlung Beyeler. Die Sammlungspassion von Museumsgründer Ernst Beyeler galt hauptsächlich dem Spätwerk Klees.

    Wann? Die Ausstellung wird am 1. Oktober eröffnet und ist bis 21. Januar in der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen. Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

Doch selbst in der Lörracher Kulturarbeit gilt: „Ohne ehrenamtliches Engagement funktioniert nichts.“ Das sagt Sonja Sarmann, eine der besten Kennerinnen der Kulturszene auf beiden Seiten des Hochrheins. Es sind vor allem Vereine und einzelne Personen, die durch ihren unentgeltlichen Einsatz kleine und große Kulturangebote ermöglichen und dabei oft Außergewöhnliches schaffen. Ein Beispiel dafür ist Sarmanns eigener Verein, die Hotzenwälder Kleinkunstbühne. Seit 30 Jahren macht die HKKB Kultur „auf dem Wald“. Im Café „Verkehrt“ im kleinen Murger Ortsteil Oberhof trommelte sogar schon Billy Cobham – als er noch kein Weltstar war. Ein anderes gutes Beispiel für die Kulturarbeit der Vereine am Hochrhein der Musikverein Oberlauchringen. Der MVO unterhält nicht nur ein Orchester und ein Jugendblasorchester, so wie viele andere Musikvereine auch. Seit 2003 organisiert er das Forrest Funk, ein Open-Air, bei dem schon HMBC oder La Brass Banda zu hören waren. Großartiges Laientheater bietet seit 1983 vor der Kulisse des Freilichtmuseums Klausenhof in Herrischried ein dritter Verein, die Freilichtbühne Klausenhof. Ihre anspruchsvollen Mundart-Stücke greifen historische Begebenheiten aus der Region auf, viele von ihnen stammen aus der Feder des Dialekt-Dichters Markus Manfred Jung.

Neben den Vereinen sind die Kommunen und die beiden Landkreise wichtige Träger der Kulturarbeit. Sie unterhalten fast 40 Museen, fördern Kulturveranstaltungen Dritter und stellen eigene Kulturprogramme auf die Beine. 280 000 Euro hat dafür der Waldshut-Tiengener Kulturamtsleiter Hartmut Schölch zur Verfügung. Mit dem Geld stemmt er pro Jahr fast 60 Veranstaltungen mit fast 9000 Besuchern. Sein Wehrer Kollege Reinhard Valenta kooperiert seit 2007 mit der Nachbarstadt Schopfheim, um seinen 55 000 Euro-Etat möglichst effektiv einsetzen zu können. Die Heimatstadt der Geigerin Anne-Sophie Mutter ist auf die Klassik-Konzerte abonniert, Schopfheim auf die Theateraufführungen, die sechs jährlichen Kleinkunstveranstaltungen teilen sich beide Städte. Das Kulturamt des Landkreises Waldshut verwendet aus seinem Etat von 40 000 Euro auf Kunstausstellungen im kreiseigenen Kulturzentrum Bonndorf, ebensoviel für Konzerte. Doch um zweimal im Jahr Jazz-Größen wie Wolfgang Dauner, Manu Katché oder Victoria Tolstoi nach Dogern holen zu können, braucht Kulturamtsleiter Jürgen Glocker einen großen örtlichen Möbelhersteller als Sponsor.

Dass Kultur ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein kann, beweisen in Bad Säckingen Alexander Dieterle und Jochen Frank Schmidt. 2006 gründeten sie die Firma Hochrhein Musicals, um im Gloria-Theater, einem leerstehenden Kino, Musicals zu produzieren und aufzuführen. Mittlerweile geben auch Sissi Perlinger, Emil Steinberger oder Christoph Sonntag Gastspiele im Gloria. Jährlich besuchen bis zu 40 000 Gäste das Haus.